Armin Reutershahn

Nationalität:
Deutschland
Geburtstag:
01.03.1960

„Glücklich und stolz, meinen Beitrag zu leisten“

Armin, bei der Eintracht hast du in zwei Amtszeiten und rund einem Jahrzehnt viel erlebt. Welches Zwischenfazit ziehst du nach fast vier Jahren seit deiner Rückkehr im Juli 2016?
In meiner zweiten Amtszeit durfte ich bisher zwei Endspiele miterleben, 2017 und 2018 im DFB-Pokal. Der Sieg 2018 bleibt natürlich unvergessen. Wir sind nie in Abstiegsnöte geraten und waren vor allem 2018/19 auch international sehr erfolgreich. Wir waren auch 2019/20 in allen Wettbewerben lange dabei, das ist für die Eintracht sicherlich keine Selbstverständlichkeit.

Wie erlebt ein Trainer ein wichtiges Spiel? Kann man das überhaupt genießen oder ist man in solch einer Situation über 90 Minuten komplett fokussiert?
Wenn du international spielst, dann bist du immer schon einen Tag vorher im Stadion und hast dort das Abschlusstraining. Dann genießt man das, auch wenn zu der Zeit noch keine Atmosphäre herrscht. Wenn man sich das Stadion, die Logen und den Rasen ansieht, dann wird einem erst bewusst: „Du darfst hier bei Chelsea, bei Arsenal, bei Benfica oder gegen Donetsk spielen.“ Das sind Stadien, von denen du dir nie erträumt hättest, dort einmal aufzulaufen. Bei mir setzt die Anspannung eigentlich erst ein, wenn ich nach dem Warmmachen wieder in die Kabine gehe. Natürlich bin ich vorher schon fokussiert. Aber es ist einfach immer wieder schön, mit der Mannschaft rauszugehen. Während des Spiels nehme ich nicht mehr viel wahr. Da bekomme ich dann eher hinterher von vielen gesagt, wie die Stimmung von den Zuschauern war. Genießen kann ich das erst wieder mit dem Schlusspfiff. Ich werde nie vergessen, wie wir nach dem Spiel bei Inter Mailand mit dem Trainerteam noch einmal aus der Kabine rausgekommen sind. Die Fans waren im obersten Rang, wir konnten sie eigentlich gar nicht sehen, sondern nur hören. Das sind Momente für die Ewigkeit und da versuche ich einfach, alles aufzusaugen.

Feier in Mailand? „Momente für die Ewigkeit!

Du warst schon bei sechs Vereinen tätig. Was unterscheidet die Eintracht von den anderen Klubs?
Ich bin die längste Zeit hier gewesen, mein Sohn ist hier geboren. Von daher verbinde ich die Eintracht, mein Leben und die Stadt an sich mit vielen schönen Momenten. Ich habe viele meiner Freunde in Frankfurt kennengelernt. Die Fans der Eintracht sind etwas ganz Besonderes und nicht vergleichbar mit irgendwelchen anderen. Das zeigt sich nicht nur in den Heimspielen, sondern vor allem bei Auswärtsfahrten. Da herrscht eine wahnsinnige Atmosphäre. Wenn man von anderen Leuten die Bilder zugespielt bekommt, wie die Eintracht-Fans in Mailand durch die Straßen ziehen, dann ist das unbeschreiblich. Vor allem diese friedlichen Momente inspirieren mich besonders. Diese Dinge habe ich mit anderen Vereinen überhaupt nicht erlebt. Von daher verbinde ich neben den genannten Punkten gerade diese internationalen Erlebnisse mit der Eintracht. Wir sind hier sportlich gesehen unheimlich erfolgreich. Ich bin sehr glücklich und stolz, dass ich dafür meinen Beitrag leisten kann.

Was hat sich zwischen deiner ersten und zweiten Amtszeit verändert?
Alles. Als wir damals gekommen sind, war die Mannschaft in die Zweite Liga abgestiegen und finanziell ging es uns auch nicht sonderlich gut. Nach dem Aufstieg durften wir im neuen Stadion spielen, durch diese Euphorie wurden auch ganz andere Zuschauerzahlen erzielt. Im Vergleich zum Waldstadion war der heutige Deutsche Bank Park immer voll und die Business-Logen haben dazu beigetragen, dass wir ganz andere Transfers tätigen konnten als in den Jahren zuvor. Als ich im Jahr 2016 zurückgekommen bin, war die Mannschaft gerade über die Relegation in der Liga geblieben. Dann haben wir mit dem neuen Vorstand und dem neuen Trainerteam viele Spieler für die Eintracht gewinnen können, die wir aber noch nicht kaufen konnten, da die finanziellen Möglichkeiten noch nicht vorhanden waren. Wir hatten damals Glück, dass viele Dinge gepasst haben und wir diverse Spieler per Leihgeschäft verpflichten konnten. Dann haben wir das DFB-Pokalendspiel gegen Borussia Dortmund erreicht und konnten durch gute Transfers auch im Jahr danach wieder eine gute Saison spielen. Als wir 2018 das Pokalfinale gewonnen haben, hat sich natürlich auch viel in der Infrastruktur geändert.

Wie sieht denn dein Arbeitstag an einem herkömmlichen Trainingstag aus?
Wir treffen uns um 8.15 Uhr und frühstücken mit dem Trainer- und Athletikteam gemeinsam in der Küche. Gegen 9.15 Uhr besprechen wir mit den Physiotherapeuten, wer gesund ist und trainieren kann und wie wir individuell mit den verletzten oder zurückkommenden Spielern umgehen. Können sie teilweise wieder mit der Mannschaft auf dem Platz stehen oder müssen sie komplett individuell mit den Athletiktrainern arbeiten? Zu Beginn der Woche legen wir den Trainingsplan der nächsten Tage fest. Meistens ist das erste Training noch relativ allgemein gehalten, bevor es in den Tagen danach immer spezifischer auf den Gegner abgestimmt wird.

Ich habe nicht versucht, mit aller Macht Cheftrainer werden

Was fällt in deinen Hauptaufgabenbereich als Co-Trainer?
Eigentlich besprechen wir alles gemeinsam im Team. Es gibt keine spezielle Aufgabe für mich oder für Peinti [Co-Trainer Christian Peintinger; Anm. d. Red], sondern wir planen alles zusammen und verteilen die Aufgaben untereinander, wie wir sie im Training umsetzen und wer welchen Bereich übernimmt. Übergeordnet ist natürlich Adi, der gerade im taktischen Bereich immer mit der Mannschaft auf dem Platz arbeitet. 

Du warst für eine relativ kurze Zeit mit Michael Wiesinger gemeinsam als Cheftrainer in Nürnberg tätig. Wie war das für dich? Hast du nie darüber nachgedacht, auch langfristig als Cheftrainer zu arbeiten?
Damals war es so, dass Michael in der Verantwortung gestanden hat. So war es auch vom Vorstand gewünscht. Es wurde zwar als Doppelspitze verkauft, aber in der Endphase war er derjenige, der sich als Cheftrainer präsentiert hat. Ich musste mir Gedanken darüber machen, wie mein Weg weitergehen soll. Ich habe mich in dieser Zeit als zweiter Cheftrainer auch eher als Co-Trainer gesehen. Das hat mir gar nichts ausgemacht. Deswegen war es für mich auch überhaupt kein Problem, wieder in diese Rolle als offizieller Co-Trainer zurückzugehen. Danach kam die Anfrage von Huub Stevens, gemeinsam mit ihm den VfB Stuttgart vor dem Abstieg zu retten. Das ist uns gelungen und ich hatte sehr viel Spaß dabei, mit ihm und dem Trainerteam zu arbeiten. Es war auf keinen Fall so, dass ich versucht habe, mit aller Macht Cheftrainer zu werden. Ich fühle mich einfach wohl und bin mit meiner Aufgabe zufrieden.

Was hat dich zum Trainer gemacht?
Ich habe Sport studiert und es war immer mein Wunsch, später auch zu trainieren. Damals war es aber keinesfalls abzusehen, dass ich es mal in die Bundesliga schaffen würde. Mein Ziel war es, den höchsten Trainerschein zu machen. Dadurch, dass ich mein Studium – mit dem Schwerpunkt Fußball – mit der Note eins abgeschlossen habe, wurde ich in einen Fußballlehrer-Lehrgang integriert. Damals waren viele Ex-Spieler in diesem Lehrgang, die dankbar über die Hilfe von Studenten waren, die sie auch bei Prüfungen unterstützt haben. Ich war mit einigen Trainern im Lehrgang, die später auch als solche tätig waren, beispielsweise Horst Ehrmantraut, Frank Pagelsdorf und Hans-Günter Bruns. Dann habe ich meine Hospitation in Uerdingen gemacht – und schon sind wir wieder bei Friedhelm (lacht).

Was zeichnet ein funktionierendes Trainerteam aus?
Wichtig ist, dass eine gewisse Harmonie herrscht, aber auch Situationen da sind, in denen man sich reibt und seine Meinung sagen darf. Starke Trainer zeichnet aus, dass sie mit starken Mitarbeitern zusammenarbeiten können, an denen man sich reiben kann und von denen man auch immer wieder neuen Input bekommt.

Was für ein Typ Mensch bist du abseits des Platzes und was ist dir im Leben besonders wichtig?
Über mich selbst zu reden, fällt mir ehrlich gesagt sehr schwer. Ich bin ein Teamplayer und ein ehrlicher Mensch. Ich ruhe auf jeden Fall in mir, mich bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Ich lege großen Wert auf Ehrlichkeit. Ich bin auf jeden Fall ein sehr familiärer Mensch. Außerdem liebe ich natürlich meine Frau und meine Kinder, meine Eltern und meine Geschwister. Das ist mir ganz besonders wichtig.

Es gehört natürlich auch der Support der Familie dazu, wenn man im Fußball tätig ist. Wie dankbar bist du für die Unterstützung deiner Familie?
Sehr. Denn anders geht es nicht. Der Job ist sehr zeitintensiv und ich habe vor allem von meiner Frau absolute Rückendeckung. Meine Eltern haben mir früher immer alle Freiheiten gegeben, um Fußball zu spielen und mein Hobby auszuleben – auch wenn es in der Schule mal nicht geklappt hat. Das versuche ich auch meinen Kindern zu vermitteln. Die Schule ist sehr wichtig, aber sie sollen auch eine schöne Kindheit haben. Da unterstütze ich sie in allen Bereichen. Ich versuche, fast meine ganze Freizeit mit meiner Familie zu verbringen.

Holt sich dein Sohn auch Tipps bei dir ab?
Na klar. Er ist immer dabei und wissbegierig. Zum Beispiel interessiert ihn, wie sich der eine Spieler in einer Situation verhalten hat. Wir reden insgesamt sehr viel über Fußball. Er schaut sich immer die besten Freistöße und Szenen von bestimmten Spielern an. Er hat, wie jeder andere kleine Junge auch, den Traum, mal Fußballer zu werden.

Was muss man mitbringen, um erfolgreich zu sein? Welche Tipps kann man jungen Spielern geben, die den Sprung nach ganz oben schaffen möchten?
Sie müssen auf jeden Fall dranbleiben, auch wenn es mal nicht so gut läuft. Da ist auf jeden Fall Durchhaltevermögen gefragt. Du musst jeden Tag an dir arbeiten und auch jeden Tag den Sport treiben, den du gerne machst, um erfolgreich zu sein. Nie den Kopf in den Sand stecken. Du musst auf jeden Fall Stehvermögen haben. Das zeichnet alle großen Sportler aus. Du musst immer an deinen Stärken arbeiten, und an deinen Schwächen sowieso.

Stimmt es, dass du dich vegan ernährst?
Ich würde eher sagen vegetarisch. Ich bin nicht absolut konsequent, aber ich habe meinen Fleischkonsum stark reduziert. Ich esse gerne mal ein Stück Kuchen, da ist ein Stück Butter drin. Veganer essen überhaupt keine tierischen Produkte, das schaffe ich nicht.

Hast du irgendwelche verborgenen Talente oder Eigenschaften, von denen die Öffentlichkeit bisher noch nichts weiß? Steckt vielleicht ein Sänger in dir?
Nein, mit Sicherheit nicht. Ich interessiere mich schon für Musik. Da bin ich auf der Höhe für diejenigen, die in meinem Alter sind. Was heutzutage alles veröffentlicht wird, höre ich im Radio. Aber ich kann nicht mehr die Sängerin, den Sänger oder den Liedtitel zuordnen. Das konnte ich früher mal.

Hast du eine Lieblingsband oder eine bestimmte Richtung, die du gerne hörst?
Ich habe früher gerne Genesis, Marius Müller-Westernhagen oder U2 gehört.

Du bist Anfang März 60 Jahre alt geworden. Wie blickst auf dein bisheriges Leben zurück?
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Ich glaube, dass ich mich sehr glücklich schätzen kann. Ich konnte mein Hobby zum Beruf machen. Das gelingt nicht vielen Menschen. Dazu liebe ich meine Familie sehr und ich bin gesund. Insgesamt kann ich auf ein erfülltes Leben zurückblicken, das ich auch ein paar Jahre noch so weiterführen möchte. Wichtig ist natürlich, dass ich genauso gesund bleibe wie bisher. Dafür tue ich auch einiges, wie zum Beispiel die Ernährung und regelmäßige Untersuchungen, die man in diesem Alter so machen muss. Natürlich treibe ich nicht mehr so viel Sport wie früher. Aber ich versuche, wieder regelmäßig zu laufen, was auch sehr wichtig für das Herz-Kreislauf-System ist. Und ich bleibe jung, weil ich mit vielen jungen Fußballern und meinen Kindern zu tun habe, die mich auf Trab halten.

 

 

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