01.02.2026
Team

Albert Riera: Der Überzeugungstäter

Von Manacor an den Main, widerwillige Wechsel mit besten Folgen, geprägt von Aragonés, Terim und Torrent, im Austausch mit Arteta und am liebsten auf dem Fußballplatz. Der neue Cheftrainer im Portrait.

Dass Albert Riera Ortega klare Vorstellungen von seinem Wirken hat, lässt sich allein von der Verlautbarung am Freitag ableiten, wonach der am Montag in Frankfurt seinen Dienst antretende neue Cheftrainer auf eigenen Wunsch am Sonntag zum letzten Mal den NK Celje betreuen wolle. Topspiel gegen Maribor, Erster gegen Dritter in der slowenischen Liga, einen möglichst sauberen Schnitt inmitten der Spielrunde, die Celje derzeit mit zwölf Zählern Vorsprung anführt. „Einen Cut“ also, den am Samstagabend ebenso Spielführer Robin Koch und Vizekapitän Mario Götze forcierten, ohne noch zu sehr in Details zu gehen. Die gibt es dafür hier vorab.

Rieras Vita

Was das World Wide Web angeht, hat Riera bisher mehr Spieler- als Trainerspuren hinterlassen, doch eine Handvoll Beiträge, etwa ein 45-minütigen Vodcast von „Arena Sport Slovenija“ oder ein Gastbeitrag bei „The Coaches Voices“ lassen einen schnell zu dem Schluss kommen, dass da einer seiner Passion folgt: Fußball. Ohne Wenn und Aber und am liebsten auf dem Platz. „No Office, I need Green“, schilderte Riera mal seine Zukunftspläne knapp wie präzise.

Bike, Bag, Ball

Heute kickt der 43-Jährige noch genauso in der einen oder anderen Trainingsform mit wie seine Kindheit in der mallorquinischen Gemeinde Manacor, aus der auch Tennislegende Rafael Nadal stammt, gewissermaßen aus einem Dreiklang bestand: „My Bike, my bag, my ball“. Schule sei nicht so seins gewesen, Mathe und Englisch noch am ehesten.

No Office, I need Green.

Albert Riera

Als Riera zwölf war, meldete sich der RCD Mallorca, mit 18 der Einstand in La Liga unter Luis Aragonés, der ihn später auch in der Nationalmannschaft förderte und insofern prägte, indem er etwa nach Spielen ausschließlich mit Ersatzspielern kommunizierte, um ihnen das Gefühl von Zugehörigkeit zu geben.

2003 gewann der Inselklub die Copa del Rey. Riera lebte seinen Traum, Stammkraft für den Heimatverein, verwurzelt und erfolgreich. Als sich Girondins de Bordeaux meldete, hielt sich das Wechselinteresse in Grenzen. Zumindest beim Spieler, doch der Verein musste Transferlöse erzielen.

„Der beste Fehler meines Lebens“ in Barcelona

Das widerwillige Verlassen der Komfortzone sieht Riera rückblickend als Geschenk, um sich Widerständen zu stellen und daran zu wachsen. Es war eine der ersten von vielen schicksalhaften Fügungen, die Riera zu dem werden ließen, der er ist. Mauricio Pochettino, zuvor Teamkollege in Bordeaux, lotste ihn zwei Jahre später zurück nach Spanien zu Espanyol Barcelona. In Katalonien beging Riera nach eigenem Bekunden „den besten Fehler meines Lebens“. Der Linksaußen sah sich als Flügelstürmer, das System des neuen Coachs Miguel Ángel Lotina sah derlei Positionen jedoch nicht vor. Lotina wollte Riera als Außenverteidiger einsetzen, der aber lieber vorne spielen. Eine Ansicht, die Riera aus verantwortlicher Perspektive geändert hat, als Trainer legt er Wert auf Vielseitigkeit statt Eindimensionalität.

Die Konsequenz waren jedenfalls erstmal weniger Spiele und eine Leihe zu Manchester City. Ab auf die britische Insel, die nächste lebensverändernde Wendung: eine andere, weil physischere und schnellere Spielweise als in Espana, Umschaltkommandos statt Ballstafetten. Zurück kam ein sportlich gestählter und menschlich gereifter Riera, der mit Espanyol unter Ernesto Valverde 2007 bis ins UEFA-Cup-Finale vorstieß. Riera erzielte im spanisch-spanischen-Duell die 1:0-Führung, schließlich behielt Sevilla im Elfmeterschießen die Oberhand.

Ein Jahr später 2008 wurde der Liverpool FC auf Riera aufmerksam. Manager Rafael Benitez an der Seitenlinie, weitere Landsleute wie Pepe Reina, Álvaro Arbeloa, Xabi Alonso und Fernando Torres auf dem Feld, was Riera aber nie so hoch hing wie das Privileg, grundsätzlich von Topstars umgeben zu sein. Quintessenz für ihn als Trainer: wenn einer nicht ans Maximum kommt, muss das nicht immer allein am Spieler selbst liegen, das entsprechende Umfeld hat nicht weniger Einfluss auf die Leistung des Einzelnen.

Kontakte reißen nicht ab

Auf die Spitze getrieben eben von Torwart Reina, der Riera mal per Abschlag ein Tor auflegte. Mittlerweile sind beide befreundet, „Father-in-law“ für jeweils ein Kind des anderen. Überhaupt ist es für Riera von großer Bedeutung, geknüpfte Kontakte nicht abreißen zu lassen.

Mit spanischen UEFA-Pro-Absolventen, der höchstmöglichen Trainerlizenz, wie Xavi Hernández, Xabi Alonso, Raúl González, Marcos Senna and Joan Capdevila hat er bis heute eine WhatsApp-Gruppe und betont, wie fruchtbar es sei, nicht auf der einen Ideologie zu beharren, sondern von jedem etwas mitzunehmen.

Diese Devise zieht sich durch wie ein Roter Faden. Bei Galatasaray in Istanbul und Olympiacos in Piräus fand Riera nicht nur Gefallen an „positiv fanatischen Fans“, sondern auch Trainer, die ihn das Trainerdasein lehrten.

In der Lehre bei Terim und Torrent

Nach dem Ausklang der Spielerlaufbahn beim FC Koper in Slowenien 2016 und der erfolgreich abgeschlossenen Fußballlehrerausbildung 2019 bot Fatih Terim seinem ehemaligen Schützling 2020 an, als Co-Trainer bei Galatasaray einzusteigen. 2021 übernahm Domènec Torrent das Ruder am Bosporus. Zwei Trainer, zwei Lehrmeister.

Disziplin, Organisation, Gruppenführung, Charakter, Persönlichkeit – mehr als das eigentliche Fußballwissen.

Albert Riera darüber, was er von Fatih Terim gelernt habe

„Disziplin, Organisation, Gruppenführung, Charakter, Persönlichkeit“, habe er vom türkischen Routinier Terim aufgesogen – „mehr als das eigentliche Fußballwissen“. Torrent wiederum, der langjährige Assistent von Pep Guardiola beim FC Barcelona, FC Bayern und Manchester City FC, sei inhaltlich prägend gewesen. Riera habe sich mit seinem Freund Mikel Arteta häufiger ausgetauscht. Der Baske, der mit dem Arsenal FC aktuell gleichermaßen die Premier und die Champions League anführt, habe geraten, so lange wie nötig als Co zu lernen – wie er es fünf Jahre unter Guardiola getan habe. Riera benötigte zwei Jahre, um sich bereit zu fühlen, die Hauptverantwortung zu übernehmen.

Trubel und Double in Ljubljana

Zum ersten Mal 2022 beim NK Olimpija Ljubljana in Slowenien. Das erste Amtsjahr hatte es in sich. Zur Antrittspressekonferenz erschienen nicht allein Journalisten, sondern auch ein paar vermummte Anhänger, denen die Vereinspolitik – über Jahre im Schnitt zwei bis drei verschiedene Trainer – missfiel. Riera ließ sich nicht beirren, ein vorzeitiges Ende, bevor es überhaupt losging, war keine Option. Grundtenor: Ich bin Trainer, ich konzentriere mich auf Fußball, Fußball, Fußball. Am Saisonende stand das nationale Double aus Meisterschaft und Pokalsieg.

Für Riera war es schon die Vorleistung, unter 20 bis 30 Anwärtern auf jenen Job überhaupt der Topkandidat geworden zu sein. Er wusste die Verantwortlichen schnell von sich zu überzeugen. Auf die Frage nach seiner Lieblingstaktik etwa soll er geantwortet haben, das könne er sagen, wenn er Mannschaft und Gegner kenne.

Dominanz mit Celje

Nach einem Intermezzo in der französischen Ligue 2 in Bordeaux zog es Riera 2023 zurück nach Slowenien, diesmal zum NK Celje. Im vergangenen Frühjahr führte Riera Celje bis ins Viertelfinale der UEFA Conference League und zum Pokalsieg. Im Endspiel ließ Celje Rieras letztem Spielerklub Koper mit 4:0 keine Chance, international hatte die haushoch favorisierte AC Florenz ihre liebe Mühe und setzte sich knapp mit 2:1 und 2:2 durch.

Topwerte auch international

Auch in der laufenden Spielzeit begeistert der Verein national wie international. Unangefochtener Tabellenführer in Slowenien, Platz 13 in der Conference-League-Ligaphase. Letzteres vollbrachte Riera mit seinem Team keineswegs im Mauermodus, sondern mit der Überzeugung, den in der Heimat dominanten Spielstil auch auf europäischem Terrain durchzusetzen: Im Schnitt 59 Prozent Ballbesitz ist der dritthöchste nach Shakhtar Donetsk und Sparta Praha, die Passquote von 88,2 Prozent übertrifft einzig Strasbourg. Als Grundordnung kam Celje zuletzt häufiger im 4-3-3 daher, in eigenem Ballbesitz oftmals im 3-2-2-3, wenn der Linksverteidiger als zweiter Sechser einrückte. Zahlenspiele, die Riera grundsätzlich selbst nicht zu hoch hängt, auch wenn er in einem Interview mal in Nuancen von „23 bis 25 verschiedenen Playing Systems“ sprach.

Ich spreche am ersten Tag nicht über Taktik, nicht über die Spielweise. Wir sprechen über die Person, die Menschen. Respekt, Disziplin, den Umgang miteinander.

Albert Riera

Wenn Albert Riera das erste Mal vor seine Mannschaft tritt, wird es darum vermutlich nicht gehen, wenn seine Ausführungen aus der Vergangenheit zutreffen: „Ich spreche am ersten Tag nicht über Taktik, nicht über die Spielweise. Wir sprechen über die Person, die Menschen. Respekt, Disziplin, den Umgang miteinander. Erst danach geht es darum, wie viele Tore wir schießen, wie wir gut verteidigen. Erst die Person, dann der Fußball.“

Ein Fußball, der sich in der Auffassung Rieras zur einen Hälfte übers Ergebnis und zur anderen Hälfte über die Art und Weise definiere. Denn, auch daraus macht der 43-Jährige keinen Hehl: „Fußball ist auch Show. Fußball ist so populär, weil die Menschen sich so viel darüber unterhalten. Deshalb kommen sie ins Stadion.“

Ab dem 2. Februar in Frankfurt

Am Sonntag ein letztes Mal mit Celje. Ab dem 2. Februar in Frankfurt. „Wenn du eine gewisse Überzeugung hast und diese Überzeugung auch ausstrahlst, dann projiziert sich das natürlich auch auf die Mannschaft. Es geht darum, dass die Jungs an sich glauben und wir als Mannschaft an uns glauben und an unseren Fußball“, äußerte sich Sportvorstand Krösche zur bevorstehenden Ankunft und Aufgabe. Die Arbeit beginnt.