20.08.2025
Team

Das eine Ziel vor Augen

Beständig- und Wechselhaftigkeit begleiten Michael Zetterer in seiner Karriere, aus schwierigen Zeiten zieht der 30-Jährige wichtige Lehren. Das ist Frankfurts neuer Torhüter.

Michael Zetterer wollte sich ausprobieren, fernab seiner angestammten Position zwischen den Pfosten und unterhalb des Querbalkens. Zwar mit der Nummer eins auf dem Rücken, auf der Taktiktafel jedoch ein Neuner. Im Mai dieses Jahres – die Bundesligasaison 2024/25, in der Zetterer alle 34 Partien im Kasten des SV Werder Bremen absolviert hatte, war soeben zu Ende gegangen – trafen die Grün-Weißen in einem Freundschaftsspiel auf den Blumenthaler SV. Der Torsteher, der „auch fußballerisch auf einem hohen Niveau spielen kann“, so Eintracht-Sportvorstand Markus Krösche in dieser Woche, traf in temporär neuer Funktion beim 6:4 doppelt.

Zu ungefähr selber Zeit, nur etwas weiter südlicher, tat es ihm ein Kollege gleich: Kevin Trapp trug sich zum lockeren Saisonausklang in den Partien gegen Geislitz und Weimar ebenfalls in die Torschützenliste ein. Knapp drei Monate sind seither ins Land gegangen, die Karriere beider Keeper hat eine Abzweigung genommen: Trapp wird ab dieser Saison das Trikot des Paris FC tragen, Zetterer indes statt des Werder-W den Eintracht-Adler auf der Brust.

Ich bin froh, hiervon nun ein Teil zu sein und werde alles dafür geben, dass wir unsere Ziele erreichen.

Michael Zetterer

„Es war klar, dass ich Werder nur dann verlasse, wenn etwas kommt, was mich auf allen Ebenen abholt – das war hier vom ersten Gespräch an so. Der Verein hat eine klare Vision. Ich bin froh, hiervon nun ein Teil zu sein und werde alles dafür geben, dass wir unsere Ziele erreichen“, so Zetterer bei seiner Ankunft im ProfiCamp im Deutsche Bank Park am Mittwochmorgen.

Der Werdegang

Geduld, Beharrlichkeit sowie die Fähigkeit, Rückschläge einordnen und daran wachsen zu können: Termini, die die Karriere Zetterers pflastern. Zum einen geradlinig, immerhin war er zuletzt über zehn Jahre beim SV Werder; zum anderen aber auch verwinkelt mit Zwischenstopps in Österreich und den Niederlanden sowie langen Zwangspausen. Zeitsprung.

Die Reise des Torhüters begann in Darching, etwa 40 Kilometer südlich von München, bei der DJK schnürte sich Zetterer erstmals die Fußballschuhe. Im Alter von zehn Jahren, elf Tage vor seinem elften Geburtstag, zog es ihn im Juli 2006 in die Vorstadt: Spielvereinigung Unterhaching. Dort, im und rund um den Sportpark reifte Zetterer. 88 Pflichtspiele von U17- bis Profimannschaft, sein Debüt im Männerbereich feierte er im März 2014 in der Dritten Liga gegen den Hallescher FC. An seiner Seite damals in der Startelf: Fabian Götze, Bruder von Adlerträger und Zetterers künftigem Mitspieler Mario.

Debüt in der Dritten Liga für die SpVgg Unterhaching.

Achteinhalb Jahre nach seiner Ankunft in Haching sagte der inzwischen 19-Jährige Servus, der SV Werder Bremen hatte beim gebürtigen Münchener angeklopft. „Das war ein großer Schritt, 700 bis 800 Kilometer weg von zu Hause und zum ersten Mal alleine. Raus aus dem ‚Hotel Mama‘“, erinnerte sich Zetterer einst bei Sky Sport. Bis Zetterer seine Profipremiere für die Grün-Weißen gab und letztendlich insgesamt 80 Pflichtspiele absolvierte, sollte noch viel Wasser die Weser hinabfließen.

Der Kämpfer Zetterer

Schwere Verletzungen der linken Hand, ein mehrmaliger Kahnbeinbruch sowie eine Kapselverletzung sorgten für eine lange Leidenszeit. Phasenweise spielte der 1,87 Meter große Torwart 13 Monate am Stück keinen Fußball. Der unbedingte Wille, es in die Bundesliga schaffen zu wollen, trieb Zetterer an.

Es gab auch Tage, an denen mal nicht die Sonne scheint und man mit dem Kopf woanders ist.

Michael Zetterer über seine verletzungsbedingte Ausfallzeit

„Es gab auch Tage, an denen mal nicht die Sonne schien und man mit dem Kopf woanders war. An denen war es schwer, an das große Ziel zu glauben, aber grundsätzlich habe ich immer nur daran gedacht: wieder fit werden“, erzählte Zetterer im vergangenen Jahr am Sky-Mikrofon und berichtete zugleich, welche Rolle seine Oma in dieser Zeit gespielt hat: „Ich weiß nicht, wie oft diese Frau Krebs hatte und diesen immer wieder besiegt hat. Bei ihr gab es kein Meckern oder Jammern – ‚Warum schon wieder?‘, das gab es nicht. Sie hat es mir in einer gewissen Art und Weise vorgelebt, es war für mich ein Stück weit Inspiration. Kein Selbstmitleid.“ Zetterer stemmte sich gegen die durch weitere Operationen an der betroffenen Hand verursachten Rückschläge, er kämpfte. Auf seinen Leihstationen bei Austria Klagenfurt in Österreichs zweiter Liga sowie in der Eredivisie bei PEC Zwolle holte er sich das Vertrauen in seinen Körper zurück. Hinzu kam in dieser Zeit ein Umdenken hinsichtlich seiner Ernährung, seit mehreren Jahren ernährt er sich weitgehend vegan. „Seither bin ich verletzungsfrei“, sagt er.

Wieder in Bremen, zahlten sich Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen irgendwann aus – das, worauf er so lange hingearbeitet hatte, wurde Wirklichkeit: Profidebüt am ersten Zweitligaspieltag 2021/22 gegen Hannover 96, im Oberhaus erstmals im September 2022 gegen Augsburg auf dem Rasen, seit Herbst 2023 die unumstrittene Nummer eins. Angekommen.

Michael Zetterer in seinem ersten Spiel für den SV Werder Bremen.

Die Zeit, in der er verletzungsbedingt zum Zuschauen gezwungen war, habe ihn, so könne er mit Abstand sagen, „zu dem Menschen und Sportler gemacht, der ich heute bin“, so Zetterer. Gedanken an ein mögliches Karriereende schob er beiseite. Sie wichen dem großen Kämpferherz, unter anderem aber auch Demut und Wertschätzung gegenüber seiner Situation – „dem Privileg, Fußballprofi sein zu dürfen“, wie er einst im Interview mit den SVW-Kollegen beschrieb.

Früh machte sich Zetterer zudem Gedanken über die Zeit nach der Karriere und schloss das IST-Diplom „Fußballmanagement“ via Fernstudium ab.

Im Herzen von Europa

Die Zeit nach seiner Karriere liegt allerdings noch in weiter Ferne, die Gegenwart heißt Eintracht Frankfurt: Bis 2029 unterschrieb Zetterer im Herzen von Europa. Gude!

Sprung in eine neue Herausforderung: Zetterers erstes Mannschaftstraining in Frankfurt.

Am Mittwochvormittag stand er mit seinen neuen Teamkollegen erstmals auf dem Trainingsplatz – im Schatten des Deutsche Bank Park. Dort, wo am Samstag für die Eintracht die Bundesligasaison 2025/26 beginnt – gegen den SV Werder Bremen.