07.12.2021
Historie

„Das lauteste Auswärtsspiel meiner Karriere“

Marco Russ, Jan Zimmermann und Christoph Preuß, heute im Staff und 2006 im Eintracht-Kader, sprechen über die Partie bei Fenerbahce vor 15 Jahren und spannen den Bogen zum Donnerstag.

Es gibt Dinge, die sind vergleichbar zwischen 2006 und 2021. In beiden Fällen treffen der Fenerbahce SK und Eintracht Frankfurt am letzten Spieltag der Europa-League-Gruppenphase, damals UEFA-Cup heißend, aufeinander, beide Mal benötigte die Eintracht ein bestimmtes Ergebnis für die eigene Zielerreichung. Und in Sachen Zuschauer ist sich Marco Russ, heute Analyst und damals auf der Sechserposition neben Michael Fink aufgeboten, sicher: „Auch wenn am Donnerstag weniger Zuschauer im Stadion sein werden als damals: die Stimmung ist bei Spielen in der Türkei immer aufgeheizt.“

Besonders war dies am 13. Dezember 2006 der Fall, als die Adlerträger unbedingt gewinnen mussten, um im UEFA-Cup zu überwintern. „Wir hatten aus jeder Liga eine Topmannschaft. Newcastle aus England, Vigo aus Spanien, Palermo aus Italien und eben Fenerbahce“, berichtet Russ. Die Mannschaft aus Istanbul führte damals mit sieben Punkten Vorsprung die türkische Liga an, Brasiliens ehemaliger Superstar Zico führte als Trainer eine bärenstarke Mannschaft um Stephen Appiah, Mateja Kezman und Lugano an. Die besondere Stimmung in der Stadt bekamen die Adlerträger schon vorher zu spüren. Der heutige Torwarttrainer Jan Zimmermann erinnert sich: „Benni und Wuschu [Benjamin Huggel und Christoph Spycher; Anm. d. Red.] hatten mit der Schweiz vor der WM 2006 ein turbulentes Spiel in der Türkei. Die Sicherheitsvorkehrungen waren hoch, unseren Spaziergang am Morgen durften wir nur auf dem Hotelgelände absolvieren.“ Der Weg zum Stadion – ein Kraftakt. „Unser Hotel lag vom Stadion aus betrachtet auf der anderen Seite des Bosporus. Wir mussten über die Brücke, wir haben über eine Stunde gebraucht“, sagt Christoph Preuß.

Unser Hotel lag vom Stadion aus betrachtet auf der anderen Seite des Bosporus. Wir mussten über die Brücke, wir haben über eine Stunde gebraucht.

Christoph Preuß

Der damalige Mittelfeldspieler, der in jener Saison seinen legendären Fallrückzieher zum Sieg gegen die Bayern auspackte, gehört heute als Teammanager zu denjenigen, die sich um eben diese organisatorischen Dinge rund um die Mannschaft wie die Hotelauswahl kümmern. „Wir haben wie immer versucht, alles optimal vorzubereiten.“ Das hat auch Rainer Falkenhain 2006, der Leiter der Lizenzspielerabteilung war. Über die Hotelsituation damals sagt er: "Es gab damals im asiatischen Teil leider keine adäquaten Hotels. Die Fahrt zum Stadion zog sich." Als Berater des Vorstands ist Falkenhain auch in diesem Jahr wieder in Istanbul dabei – und kümmert sich unter anderem um Delegationsmitglied Jay-Jay Okocha, Ex-Spieler beider Klubs.

Christoph Preuß hat unterdessen im Fenerbahce-Stadion schon ein Erfolgserlebnis vorzuweisen, unter turbulenten Umständen. Im November 2003 qualifizierte sich die deutsche U21-Nationalmannschaft durch ein Tor in der Nachspielzeit in diesem K.-o.-Spiel für die EM, bei jenem Treffer durch Benjamin Auer war der eingewechselte Preuß kurz zuvor am Ball gewesen. 45.000 Zuschauer amüsierte das wenig, Gegenstände flogen in Richtung der DFB-Kicker um Philipp Lahm und Co. Der damalige Wolfsburger Maik Franz erlitt am linken Ohr eine Platzwunde und der erfahrene Trainer Uli Stielike meinte: „Haben wir hier Krieg? So etwas habe ich noch in keinem Stadion der Welt erlebt.“ 

Die hitzige Stimmung mit 50.000 Fans im ausverkauften Şükrü Saraçoğlu Stadyumu bekamen 2006 die Adlerträger schon früh zu spüren, wie Zimmermann rückblickend aufzeigt: „Beim Warmmachen waren auf unserer Seite die Istanbul-Fans. Sie haben jeden Spieler gefordert, die dann rüberkamen und sich kurz haben feiern lassen. Auch auf der Bank war es speziell, das habe ich noch nie erlebt. Die Rückbank wurde durchgetreten, unser Trainer Friedhelm Funkel mit Münzen beworfen.“

13. Dezember 2006: Naohiro Takahara besorgt in Istanbul mit zwei Toren die zwischenzeitliche 2:0-Führung. Endergebnis 2:2.

Naohiro Takahara hatte mit zwei Kopfballtreffern nach Flanken von Weissenberger (7.) und Streit (52.) die Eintracht im Istanbuler Stadtteil Kadiköy in Führung gebracht – die Funkel-Elf war auf dem Weg in die K.-o.-Runde. „Die Stimmung war dann wie auf dem Friedhof, man hat jede Fliege summen gehört“, veranschaulicht Russ. Fenerbahce kam nach 64 Minuten zum 1:2-Anschlusstreffer. Ein Signal für eine neue Geräuschkulisse. „Dann war es vorbei. Man konnte sich mit seinem Nebenmann nicht mehr unterhalten. Das war das mit Abstand lauteste und von der Stimmung her beste Auswärtsspiel meiner Karriere“, ergänzt Russ, der sich auf dem Feld immer mehr dem Druck von Fenerbahce erwehren musste. Nach 83 Minuten klingelte es erneut. Ausgleich, 2:2, die Eintracht hatte keine Antwort mehr und schied aus. Friedhelm Funkel sagte hinterher: "Jeder hat um sein Leben gekämpft und den Adler in der Brust getragen."

Das benötigte „Wunder“ (O-Ton Christoph Preuß) blieb damit aus, so titelte auch die Frankfurter Rundschau am Tag danach und berichtete, dass "die Nerven versagt" hätten. Die sportlichen Voraussetzungen sind heute andere. „Nicht mehr zu vergleichen mit damals. Die Mannschaften sind ganz andere, unser Klub hat eine unglaubliche Entwicklung genommen“, meint Zimmermann. Und auch wenn es für Fenerbahce sportlich um nichts mehr geht, da Platz drei sicher ist, glaubt Russ: „Die Stimmung wird wieder aufgeheizt sein, ganz sicher. Das Stadion wird wieder in einen Hexenkessel verwandelt.“ Die sportliche Rollenverteilung ist nicht mehr mit 2006 vergleichbar, trotzdem freut sich das Trio freilich auf ein „absolutes Highlight“. Wie 2006 – und 15 Jahre später würde ein Remis reichen, um das Ziel zu erreichen: den Gruppensieg.

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