Mai
Der Mai 2016 sollte für die Eintracht und alle ihre Anhänger zum großen Schicksalsmonat werden – und einen echten Showdown bereit halten. Aber der Reihe nach: Nach den zwei knappen Erfolgen in den Nachbarschaftsduellen gegen Mainz und Darmstadt hatte die Eintracht am 7. Mai keinen Geringeren als Borussia Dortmund zu Gast – die bis dahin beste Mannschaft der Rückrunde, die im neuen Jahr noch keine Bundesligapartie verloren hatte. Vor der Begegnung wäre wohl jeder mit einem Punkt zufrieden gewesen, der der SGE auf jeden Fall die Chance auf zumindest den Relegationsplatz nach dem 34. Spieltag gewahrt hätte. Doch die einmal mehr von Niko Kovac exzellent eingestellten Adlerträger wollten auch gegen den scheinbar übermächtigen Gegner mehr und hatten zum dritten Mal in Folge das ganz entscheidende Spielglück auf ihrer Seite, das ihr so lange in dieser Saison gefehlt hatte: Nach der frühen Führung durch ein feines Kopfballtor von Stefan Aigner in der 14. Minute spielte eigentlich nur der BVB, drängte mit Macht in die Hälfte der Eintracht – doch der Abwehrriegel der Hessen stand bis zur 93. Minute wie eine Bank und ließ kaum eine ernsthafte Torchance zu. Die SGE rettete das 1:0 über die Zeit und war nach dem vorletzten Spieltag nun Fünfzehnter. Im letzten Spiel bei dem Sechzehnten Werder Bremen würde es nun zum direkten Duell um den direkten Klassenerhalt kommen und der Eintracht dabei ein Unentschieden reichen, um die Bundesliga zu sichern.
Doch es kam anders: Nach einem neuerlichen großen Kampf gegen die Weserstädter unterlag man am Ende ganz bitter und unglücklich mit 0:1 durch ein Standard-Tor von Djilobodji in der 88. Minute. Es war klar: Die SGE musste nun in die Relegation gegen den Dritten der zweiten Liga, den 1. FC Nürnberg.
Schon vor dem Hinspiel in Frankfurt musste die ganze Eintracht-Familie eine harte Nachricht verkraften: Bei Marco Russ wurde in Folge einer Dopingprobe eine Tumorerkrankung diagnostiziert. Doch bevor der Abwehrrecke operiert werden sollte, wollte er noch an den Relegationsspielen teilnehmen – die behandelnden Ärzte gaben grünes Licht für einen Einsatz und so lief Marco Russ in der ersten Partie gegen Nürnberg auf. Doch das Hinspiel stand zunächst unter keinem guten Stern: Russ unterlief nicht nur ein unglückliches Eigentor zum 0:1, er holte sich auch die 10. Gelbe Karte ab und fehlte damit im Rückspiel gesperrt. In der zweiten Halbzeit bäumten sich die Kovac-Schützlinge gegen einen extrem defensiven Gegner aber noch einmal auf und schafften durch den starken Mijat Gacinovic zumindest noch den 1:1-Ausgleich. Das Rückspiel bei den Franken musste jetzt jedoch unbedingt gewonnen worden – für die Klassenzugehörigkeit, vor allem aber für Marco Russ!
Und tatsächlich: Obwohl Nürnberg wie schon im Hinspiel mit acht Mann am eigenen Strafraum verteidigte und das Herausspielen von Chancen der Eintracht schwer fiel – der eine goldene Moment reichte zum Siegtreffer: Gacinovic tankte sich auf der linken Seite gegen mehrere Gegenspieler durch und gab im richtigen Moment in die Mitte, wo ausgerechnet Haris Seferovic, der so lange nicht mehr ins Netz getroffen hatte, das 1:0 erzielte (66.). Die SGE brachte das knappste aller Ergebnisse schließlich über die Zeit und bleibt damit auch im neuen Jahr erstklassig! Und das völlig verdient.
Es war eine absolut irre Spielzeit, die lange von viel Pech, zu wenig Durchschlagskraft und schlechten Ergebnissen geprägt war. Doch am Ende zeigte die SGE mit neuem Trainergespann, dass sie eine echte Einheit sein kann und überzeugte mit viel Leidenschaft, läuferischem Einsatz, Kampfeswillen und Teamgeist. Und genau mit diesen Voraussetzungen will man in der Saison 2016/17 wieder angreifen – und diesmal nicht bis zur allerletzten Sekunde zittern müssen.
Einen emotionalen Abschied gab es dann auch noch: Nach fast dreizehn Jahren im Amt legte Heribert Bruchhagen wie bereits lange zuvor angekündigt sein Amt als Vorstandsvorsitzender der Eintracht Frankfurt Fußball AG nieder - und übergab dem neuen Sportvorstand Fredi Bobic einen kerngesunden Klub, der auch in der kommenden Spielzeit da zuhause ist, wo er hingehört: in der ersten Bundesliga.
Juni/Juli
Nach dem mit viel Leidenschaft erkämpften Klassenerhalt stellte sich die Eintracht in der Sommerpause komplett neu auf. Nicht nur Heribert Bruchhagen wurde nach 13 Jahren an der Spitze der Fußball AG vom neuen Sportvorstand Fredi Bobic abgelöst – auch in der Mannschaft und dem Trainerteam gab es zahlreiche Veränderungen. So kamen mit Klaus Luisser und Martin Spohrer gleich zwei neue Athletik-Trainer an Bord, mit Ben Manga verpflichtete die Eintracht einen neuen Chefscout und Vertrauten von Fredi Bobic, zudem kehrte mit Armin Reutershahn als zweiter Co-Trainer neben Robert Kovac ein alter Bekannter an den Main zurück. Der erfahrene Coach arbeitete schon gemeinsam mit Friedhelm Funkel zwischen 2004 und 2009 bei der SGE.
Am größten war die Fluktuation aber im Lizenzspielerkader: Langjährige Spieler wie Stefan Aigner, Carlos Zambrano, Constant Djakpa und die Eigengewächse Sonny Kittel und Luca Waldschmidt verließen den Klub genauso wie der erst Anfang 2016 verpflichtete Änis Ben-Hatira und Stürmer Luc Castaignos. Dafür kamen neben dem Ex-Mönchengladbacher Branimir Hrgota und dem zweitligaerfahrenen Danny Blum (1. FC Nürnberg) ausschließlich Spieler aus dem Ausland – und die erfüllten alle ein gewisses Profil: Akteure wie Jesús Vallejo und Omar Mascarell (Real Madrid), Michael Hector (FC Chelsea), Ante Rebic (AC Florenz), Guillermo Varela (Manchester United) und Shani Tarashaj (FC Everton) sind zwar teilweise nur von ihren Stammvereinen ausgeliehen, dafür aber alle auf hohem Niveu ausgebildet und wollten sich in einer starken Liga wie der deutschen Bundesliga beweisen und durchsetzen.
Mit einem aufgefrischten Kader um erfahrene Spieler und Stützen wie Kapitän Alex Meier, David Abraham, Makoto Hasebe und Bastian Oczipka begann dann Anfang Juli die Vorbereitung auf die Saison 2016/17. Und das Trainerteam um Chefcoach Niko Kovac zeigte gleich von den ersten Einheiten, was es mit dem jungen, hungrigen Personal vorhatte: Schon zu Beginn der Sommervorbereitung, in der es zu allererst darum geht, die konditionellen Grundsteine für eine erfolgreiche Spielzeit zu legen, überraschte der kroatische Übungsleiter mit langen Trainingseinheiten von teilweise über drei Stunden. Aber die harte Arbeit sollte sich lohnen.
In den zwei Trainingslagern in Österreich arbeitete der Eintracht-Tross aber natürlich auch daran, wie man in der Bundesliga taktisch und spielerisch zum Erfolg kommt. Schnell wurde klar, welche Identität Kovac seinen Jungs einimpfen wollte: Extrem laufstark sollte das Team sein, um die Gegner frühzeitig in deren Hälfte unter Druck setzen zu können, aber auch, um bei gegnerischem Ballbesitz schnell möglichst viele Spieler hinter den Ball zu bekommen. Bei Ballgewinn sollten die Adlerträger sofort umschalten und am besten direkt den vertikalen Pass spielen, um gefährliche Überzahlsituationen zu kreieren.