26.06.2019
Historie

Der bescheidene Junge aus Ostpreußen

Wenn Dieter Stinka vom von der Deutschen Meisterschaft 1959 erzählt, dann leuchten noch immer seine Augen.

Dabei hätte sich der inzwischen 81-Jährige im Sommer 1958 beinahe den „falschen“ Spitzenverein vom Main ausgesucht. Der junge Spieler des 1. FC Gelnhausen, auch in der Hessenauswahl aktiv, war von Offenbachs Trainer Paul Oßwald gefragt worden, ob er denn nicht zu den Kickers wechseln wolle. Stinka war einverstanden, doch dann wechselte Oßwald die Mainseite, heuerte bei der Eintracht an – und auch der junge Mann aus Gelnhausen landete am Riederwald. „So hatte ich das Glück, im richtigen Moment für den richtigen Verein zu spielen.“ Etwas nervös sei er am Anfang schon gewesen. „Von einem kleinen Verein zu einem großen Verein, von der Kleinstadt in die Großstadt, das war schon eine Umstellung“, erinnert sich der ehemalige Postbeamte, der die erste Zeit zwei bis drei Mal die Woche mit dem Zug von Gelnhausen zum Training am Riederwald gefahren war.

Doch es lief trotzdem von Anfang an wie geschmiert. „Dass ich gleich im ersten Jahr mit der Eintracht Deutscher Meister werden würde, hatte ich nicht erwartet. Das war natürlich wunderbar.“ Einfach war es nicht, Beruf und Fußball unter einen Hut zu bringen. Besonders in der Saison 1959/60, als im Europapokal der Landesmeister einige Auslandsreisen auf dem Programm standen: „Da mussten wir meistens unbezahlten Urlaub nehmen.“ Es waren eben Amateure. Im Gegensatz zu den Profis der Glasgow Rangers, die im Halbfinale mit 6:1 und 6:3 zwei Mal deutlich geschlagen wurden. Am Tag des Heimspiels hatte Dieter Stinka bis 13 Uhr seinen Job im Hauptpostamt auf der Frankfurter Zeil gemacht, am Tag danach war er gegen sieben Uhr bereits wieder an seiner Arbeitsstelle.

Klar, etwas Geld bekamen die Spieler auch. „160 Mark Grundgehalt, 90 Mark für einen Auswärtssieg, 75 Mark für einen Heimsieg“, erinnert sich Stinka. Zwischen 400 und 500 Mark kamen im Monat zusammen.

160 Mark Grundgehalt, 3000 Mark Sonderprämie

Für die Niederlage am 18. Mai 1960 im Glasgower Hampden Park gab es eine Sonderprämie. Völlig verdient, denn die Eintracht hatte dem damals mit Abstand besten Team der Welt einen heißen Tanz geliefert. Vor etwas mehr als 127.000 Zuschauern hieß es am Ende 3:7, aber das war gegen Stars wie Gento, di Stefano, Puskas oder Santamaria eigentlich zweitrangig. Eintracht Frankfurt hatte erstmals die große Fußballwelt beeindruckt.

Und so besuchte die Mannschaft anschließend den in Neu-Isenburg wohnenden Präsidenten Rudi Gramlich. Nach längeren Verhandlungen erhielt jeder Spieler 3000 Mark Sonderprämie: „Das war damals viel Geld.“ Geld, das der ehemalige Flüchtlingsjunge aus Ostpreußen gerne sparte. So zahlte er im Frankfurter Stadtteil Seckbach eine Zwei-Zimmer-Wohnung an, in der er heute noch lebt. „Ich bin immer gut über die Runden gekommen“, sagt Stinka bescheiden und ist nicht neidisch auf die Profis von heute, die teils mehrere Millionen Euro im Jahr verdienen.

„Wo sollte ich denn hinwechseln?“

Für ihn waren die vielen Reisen, die damals auf dem Eintracht-Programm standen, Belohnung und Anerkennung zugleich. Als er dann mal in Südafrika privat Urlaub machte, „standen die Leute stramm, als sie hörten, dass ich mit Eintracht Frankfurt Meister geworden war.“ Ein Wechsel ins Ausland war für ihn trotzdem kein Thema: „Wo sollte ich hin? Ich war doch schon bei einem der besten Teams, die es damals gab!“ Und er hatte mit Paul Oßwald einen der besten Trainer. Der vieles, aber nicht alles von seinen Spielern wusste. Beispielsweise, was bei den Trainingslagern in der Sportschule in der Otto-Fleck-Schneise so alles passierte. Dort gab es eine Angestellte, die Uschi hieß. Sie hatte ein Herz für die Fußballer, die nach hartem Training etwas anderes als Tee trinken wollten. Und so legte sie am Abend, vom Trainer unbemerkt, jedem eine Flasche Bier unters Bett. „Erinnerungen sind das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann“, grinst Dieter Stinka: „Und das mit dem Bier musste der Trainer ja nicht wissen.“

Es schadete auch nicht. Bis 1966 schürte Dieter Stinka für die Adlerträger die Schuhe, kann auch auf ein B-Länderspiel (in Konstanz gegen die Schweiz) verweisen. Drei Mal gehörte er der A-Nationalmannschaft an, saß aber bei Sepp Herberger lediglich auf der Bank, so auch am 8. März 1961 gegen Belgien in Frankfurt. „Obwohl ich nicht gespielt habe, das war alles gut so.“