In fast allen Städten Deutschlands läuten die Alarmglocken, wenn ein Derby ansteht. Nur Frankfurt blicken die Sicherheitsorgane ganz gelassen auf „Brüderduelle“ zwischen der Eintracht und dem FSV. Kein Hochrisikospiel, kein Alkoholverbot, keine Fantrennung. Das Frankfurter Derby scheint ein Fußballfest ohne unschöne Begleittöne. Das war auch schon anders. Ein Blick auf die Historie zwischen beiden Klubs, über den Fußball hinaus.
Spieler wechselten hin und her, und einmal hat die Eintracht für einen eigenen Spieler sogar eine Ablöse gezahlt. Alex Schur hatte beim FSV nach der chaotischen Hinrunde 1996/97 einen Vorvertrag unterschrieben, da er keine Perspektive mehr bei den Adlerträgern sah. Dann baute Horst Ehrmantraut auf ihn – und der Vertrag wurde von beiden Vereinen aufgelöst. Im Raum steht eine nicht bestätigte Summe von 100.000 DM, die die Eintracht für „ihren“ Spieler zahlte. Wert war er das allemal, „Schui“ wurde Aufstiegsheld, Erfolgs-Jugendtrainer und ist heute noch als Mitarbeiter sowie Botschafter unterwegs.
Die entspannten Beziehungen beider Vereine waren allerdings nicht immer so angenehm wie heute. Zitat aus den Frankfurter Nachrichten, die im Oktober 1910 vor einem „Frankfurter Derby“ zwischen dem FSV und dem Eintracht-Vorgänger Kickers an den FSV appellierten, dass „Ruhe und Ordnung auf seinem Platz herrscht und dass er der Begeisterung in ihren Ausartungen bei Freund und Feind gleichmäßig Einhalt gebietet“.
„Nur eine Stadt, nur ein Verein“
Die Vorväter des Fußballs machten in den Anfangstagen oft kein Hehl daraus, dass der unmittelbare Konkurrent der Böse sei. So kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen, die nicht nur die Fangruppen betrafen. Oft kamen die Sticheleien von höchster Ebene. Das Freundschaftsspiel vom 25. Juni 1927 ging als die „Marneschlacht des Frankfurter Fußballs“ in die Geschichte ein. 15.000 Fans waren damals ins Stadion geströmt, um das Derby zu sehen. Als der FSV im zweiten Durchgang durch zwei Treffer von Brück in Führung ging, begann die Situation zu eskalieren, da die Eintrachtler vor dem 2:0 ein Handspiel erkannt hatten. Liest man heute die Berichte, gewinnt man den Eindruck, dass nun jegliche Ordnung verloren ging: „Pfeiffer versetzte Brück einen heftigen Tritt, Pache trat Ehmer, Furch warf ihn zu Boden, dieser trat jeden und jener diesen“. Ein weiterer Doppelschlag des FSV sorgte dann, in Verbindung mit mehreren kuriosen Entscheidungen des Schiedsrichters Schneider, für die endgültige Eskalation.
In den Zeitungen stand später: „Bei einem erneuten Zusammenstoß kam es zu einer Zusammenrottung sämtlicher Spieler in der Mitte des Feldes. Der Schiedsrichter, der Trumpp gerade noch vor einem halsbrecherischen Angriff Wjyks befreien musste, eilte herzu. […] Plötzlich sah man, dass Pache zusammenstürzte und sich hinaustragen ließ. […] Dr. Rothschild (der Präsident des FSV!) stürzte wild gestikulierend auf den Platz. Mehrere eindringende Zivilisten wurden von Spielern vom Platz gescheucht. […] Der Schiedsrichter pfiff an und ab und aus und an. Das Publikum grölte und vollführte einen ohrenbetäubenden Lärm, wobei sich die Jugend mit besonderer Inbrunst beteiligte. […] Männer, Kinder, Greise, Frauen gaben ihre Meinungen mit der nicht geringen Kraft ihrer prachtvollen Organe kund. Der Unbeteiligte kam sich in diesem Trubel vor, wie bei einer kleinen Revolution. Es kam, wie es kommen musste, berittene Polizei marschierte auf und bereitete dem Spuk ein Ende.“
„Hi, Ha, Ho, Eintracht ist k.-o.“
Der Historiker Rudolf Oswald hat im Buch „Fußball-Volksgemeinschaft“ sehr anschaulich beschrieben, wie intensiv die Identifikation der Fans zu den Vereinen bereits in den 1920er Jahren war. Die Vereinsberichterstatter versuchten damals gar nicht, brisante Spiele zu entschärfen, sie gossen oft zusätzlich Öl ins Feuer. Auch die Adlerträger waren nicht immer freundlich und beschwerten sich beispielsweise 1931 via Vereinszeitung nach einem Spiel, bei dem es einmal mehr zu Ausschreitungen gekommen war: „Gott sei Dank ist dieser Mob nicht durchgängig vorhanden. […] Er existiert nur in Städten und Stadtteilen, die mit B anfangen: Berlin … und Bornheim. […] Wir bedauern den Verein, der über solche Anhänger verfügt.“
Die Fans nahmen die Vorlagen aus den Vereinen oft gerne auf. Eine Kurve des Riederwald-Stadions hieß umgangssprachlich „FSV-Eck“. Spielte der FSV auswärts, feuerten die Anhänger der Bornheimer von hier die Gäste der Eintracht an, der Schlachtruf „Hi, Ha, Ho, Eintracht ist k.-o.“ wurde damals schon skandiert. Das funktionierte auch umgedreht im Stadion des FSV, wo sich die Anhänger der Eintracht über die Punktverluste der Bornheimer freuten.
In den 1920er Jahren es für beide Vereine um die Vormachtstellung in Frankfurt. Das nahm man sehr ernst, zu Derbys kamen regelmäßig 40.000 Zuschauer. 1925 erreichte der FSV als erste Frankfurter Mannschaft ein Endspiel um die Deutsche Meisterschaft, unterlag im neu eröffneten Waldstadion dem 1. FC Nürnberg erst in der Verlängerung. 1939 war der FSV auch die erste Frankfurter Mannschaft in einem DFB-Pokalfinale. Der hieß damals aber noch „Tschammer-Pokal“, benannt nach dem Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten. Der FSV unterlag im Berliner Olympiastadion Rapid Wien mit 1:3 und die Verschwörungstheorien halten sich bis heute, auch wenn sie bis heute nicht verifiziert werden konnten: Nach dem Anschluss Österreichs wünschte die politische Führung einen sportlichen Erfolg für die Österreicher. Die FSV-Fans jedenfalls skandierten in Berlin: „Von Tschammer und Osten, Dein Pokal soll verrosten.“
Angesichts der Derbygeschichte, der räumlichen Nähe (seit 1931 hatte der FSV seine Heimat am Bornheimer Hang, die Eintracht direkt nebendran im alten Stadion Riederwald ebenso auf Bornheimer Gelände) und der vielen Emotionen auf Seiten der Fans scheint es geradezu unmöglich, sich vorzustellen, dass die Eintracht und der FSV freundschaftlich zusammen kicken. Aber auch das gab es: Als gegen Ende des Zweiten Weltkriegs kaum noch Spieler zur Verfügung standen, schlossen sich die Eintracht und der FSV zusammen. Zwischen November 1944 und Januar 1945 absolvierte die „Kriegsspielgemeinschaft FSV/Eintracht“ vier Pflichtspiele.
Beide Klubs sind Untermieter
Auch nach Kriegsende gab es Annäherungen in der Not. Bereits 1936 durfte die Eintracht nach dem Brand der alten Riederwaldtribüne den Bornheimer Hang nutzen. Nach der Befreiung 1945 gewährte der FSV der Eintracht erneut Unterschlupf, denn das Eintracht-Stadion war bei den Bombenangriffen auf Frankfurt zerstört werden. Das Stadion des FSV war zwar auch von Bomben getroffen, konnte aber schnell wieder nutzbar gemacht werden. Im Gegenzug nutzte der FSV in der Saison 1952/53 das neu eröffnete Riederwald-Stadion, weil der Bornheimer Hang renoviert wurde.
Vereinsverbindend war auch die Weltmeisterschaft 1954. Die Eintracht stellte mit Alfred Pfaff und der FSV mit Richard Hermann je einen Nationalspieler zur WM in der Schweiz. Heute gibt es in Bornheim den Richard-Hermann-Platz, bei der Eintracht die Alfred-Pfaff-Straße.
Letztlich haben beide Vereine sogar das erste Europapokalspiel gemeinsam gemacht. 1955 beschlossen Vertreter von zwölf europäischen Städten, einen Internationalen Messestädte-Pokal auszuspielen. Aus Deutschland waren Frankfurt und Leipzig dabei. Das Besondere: Es spielten keine Vereins-, sondern Städtemannschaften, wobei das Frankfurter Team gelegentlich auch von Spielern der Offenbacher Kickers verstärkt wurde. Als im zweiten Spiel Frankfurt Basel mit 5:1 besiegte, spielten Alfred Pfaff und Richard Hermann gemeinsam und trafen beide. Der Messepokal wurde 1971 von der UEFA übernommen und damit zum UEFA-Pokal. Damit kann man selbstbewusst behaupten: Das erste Europapokalspiel haben die Eintracht und der FSV gemeinsam bestritten!
Sportliche Unterschiede steigen
Ende der 1950er Jahre entfernten sich die beiden Vereine sportlich voneinander und das war sicher auch ein Grund für die Beruhigung der scharfen Rivalität. Die Eintracht wurde 1959 Deutscher Meister, der FSV stieg 1962 aus der Oberliga, der höchsten deutschen Klasse, ab. Die Eintracht wurde 1963 Gründungsmitglied der Bundesliga, Derbys waren fortan nur Freundschaftsspiele. Deutscher Meister wurde später der FSV, die Eintracht nicht: 1972 gewannen die Bornheimer die Deutsche Amateurmeisterschaft, den Siegtreffer im Finale erzielte Horst Trimhold. „Schotte“ hatte von 1963 bis 1966 für die Eintracht gespielt.
Einmal sind sich beide Vereine sportlich noch mal sehr nahegekommen, in der Zweitligasaison 2011/12. Es kam zu den ersten Derbys seit 1962, die jedoch – jeweils im Deutsche Bank Park – klare Angelegenheiten für die Eintracht waren (4:0, 6:1). Das Hinrundenspiel besuchten 50.000 Zuschauer. Heute trennen beide Top-Männerteams drei Spielklassen, der FSV spielte kürzlich in der Regionalliga Südwest gegen Eintrachts U21.
Trotz aller aktuellen Harmonie in „Freundschafts-Brüderduellen“ wie zuletzt in diesem Sommer oder 2024 zum 125-jährigen Bestehen beider Klubs lieferten sich beide Vereine auch in jüngster Vergangenheit Scharmützel. In der Saison 2008/09 absolvierte der FSV wegen des Umbaus des Bornheimer Hangs seine Heimspiele im Stadtwald, es kam zum „Fahnenstreit“. Die Eintracht musste seine Fahnen abhängen, damit FSV-Fahnen an Spieltagen geflaggt werden konnten. Fanshop und Museum mussten schließen. Auch die Hunderten weißen Hussen, die vom FSV angeschafft wurden und zu jedem Heimspiel im Oberrang der Gegentribüne aus dem damaligen Schriftzug „Frankfurt“ den Vereinsnamen „FSV Frankfurt 1899“ machten, haben die Eintracht geärgert. Der Brief an alle Frankfurter, die damals eingeladen wurden, die FSV-Spiele in „IHREM“ Stadion zu verfolgen, kam bei der Eintracht auch nicht gut an. Zuletzt waren auch die Mieten am Bornheimer Hang Thema, wenn Eintrachts zweite Mannschaft dort spielte.
Pionierarbeit leistete der FSV unterdessen im Frauenfußball. Bereits ab 1970 und damit direkt nach Aufhebung des Verbots durch den DFB gab es beim FSV eine Frauenmannschaft. So wurde der FSV Gründungsmitglied der Frauen-Bundesliga und heimste acht große nationale Titel ein: Deutscher Meister 1986, 1995 und 1998, DFB-Pokalsieger 1985, 1990, 1992, 1995 und 1996. Die SG Praunheim landete 1998 auf Bundesliga-Rang zwei und sorgte damit für einen Frankfurter „Doppelsieg“. Als der FSV seine Frauenabteilung 2006 auflöste, hatte die Eintracht erst zwei Jahre zuvor Mädchenfußball in sein Portfolio genommen. 2020 fusionierte die Eintracht mit dem Praunheimer Nachfolgeverein 1. FFC Frankfurt. Übrigens: 1998 wechselte eine gewisse Birgit Prinz von ihrem ersten Frauenverein FSV zum 1. FFC, heute spielt die ehemalige Weltfußballerin in der Eintracht-Tradi.
Die Nase vorn hatte der FSV temporär in der Leichtathletik: Armin Hary, dem zweimaligen Olympiasieger und Europameister, gelang es 1958 als erstem Sprinter, die 100 Meter in handgestoppten 10,0 Sekunden zu sprinten. Heute wird beim FSV abseits des Fußballs, der auch in der Jugend mit dem Nachwuchsleistungszentrum (semi-) professionell betrieben wird, nur Breitensport angeboten.
Beide Klubs trennen Farben und strategische Ausrichtung, vereint aber der Adler, der sich auf beiden Trikots findet. Das Motto des FSV hat der Verein der Eintracht zu verdanken, lange ist’s her: Die beiden Eintracht-Vorgänger Kickers und Victoria schließen sich 1911 zusammen zum Frankfurter Fußballverein, damit war der fusionierte Verein doppelt so groß wie übliche Frankfurter Fußballvereine. Zwei Wochen danach beschlossen die zornigen FSV-Verantwortlichen die Anschaffung einer Klubfahne, die bis heute am Bornheimer Hang hängt. Der Titel: „Aus eigener Kraft“.








