24.04.2022
Bundesliga

Die Schmerzgrenze verschoben

Ndickas besonderer Dreierpack, Trapps Jubiläum und klare Botschaften an die Bundesliga sowie den nächsten Gegner West Ham. Was das 2:2 gegen Hoffenheim lehrt.

Einordnung: Volle Kapelle, halber Gewinn

Schon der Blick auf den Spielberichtsbogen eine Stunde vor dem Anpfiff war Botschaft genug, um mögliche Unkenrufe zu entkräften. „Es gab viele, die gedacht haben, wir schenken dir Bundesliga ab“, so Oliver Glasner nach dem 2:2 gegen die TSG Hoffenheim. Umso wichtiger war dem Cheftrainer am Samstagnachmittag: „Die Zuschauer haben honoriert, dass die Mannschaft versucht hat, nach dem Rückstand zurückzukommen, und haben sie gepusht.“ Allein zur Halbzeitpause standen 10:4 Torschüsse pro Frankfurt zu Buche, nach 90 Minuten 17:10.

Weshalb alle Beteiligten grundsätzlich mit dem eigenen Auftreten besser leben konnten als mit der schlussendlichen Ausbeute. „Einsatz und Wille waren da“, pflichtete Djibril Sow seinem Coach bei. „Wir haben unsere Leistung abgerufen und unser Spiel durchgezogen“, meinte Ansgar Knauff, der es zugleich „schade“ fand, den zweiten Heimsieg in diesem Kalenderjahr verpasst zu haben. Sow fand es ebenfalls „enttäuschend“, den Vorsprung „nicht über die Zeit gebracht zu haben“.

Topzweikämpfer Ansgar Knauff entschied die meisten Duelle aller Akteure für sich: 18.

Auch wenn Hoffenheim mit dem zehnten Punktegewinn nach Rückstand einen Ligabestwert aufgestellt hat, suchten die Hessen die Ursachen vornehmlich in den eigenen Verhaltensweisen. Markus Krösche und Glasner bemängelten unisono, „nach der Führung zu passiv geworden“ zu sein. „Dadurch mussten wir mehr laufen und vor allem mehr hinterherlaufen“, analysierte Coach Glasner, was die abgespulten 117,96 Kilometer, Höchstwert aller Teams am bisherigen Spieltag, nochmal in einem anderen Licht erscheinen lässt. Auch die Zweikampfquote war bei 54 zu 46 Prozent in der Vergangenheit schon geringer.

Dass mit Knauff ausgerechnet derjenige, der mit 18 die meisten direkten Duelle aller Akteure für sich entschied, vor dem Endstand eine Nebenrolle einnahm, passte ins Bild. „Ich verliere außen das Kopfballduell, David Raum schlägt die Flanke, auf einmal steht es 2:2“, wollte sich der Rechtsaußen nicht aus der Verantwortung nehmen.

Geschichte des Spiels: Der dreifache Ndicka

Sportvorstand Krösche ließ in diesem Fall dennoch Milde walten: „Dinge wie vor dem 2:2 können passieren.“ Ähnlich „unglücklich“ bewertete er die Entstehung des Rückstands durch das 62. Eigentor der Frankfurter Bundesligageschichte. Aber „es spricht für Evan, im Kopf stark zu bleiben und weiterzuspielen. Er hat ein schönes Tor erzielt, eines vorbereitet und ein gutes Spiel gemacht. Es freut mich für ihn, in seinem Alter die Stärke zu haben, das zu verarbeiten“, lobte der 41-Jährige.

Auch am Ball mit großer Sicherheit: Evan Ndicka.

Diese Art der dreifachen Torbeteiligung war für einen Eintracht-Profi seit Beginn der detaillierten Datenerfassung für einen Adlerträger im deutschen Oberhaus ebenso neu wie für Ndicka selbst zwei Scorerpunkte. Zudem war der Innenverteidiger unter allen Frankfurtern mit 78 Kontakten am häufigsten am Ball und brachte 95 Prozent seiner Pässe an den Mann – ebenfalls teaminterne Spitze.

Kaum verwunderlich, dass Glasner im 22-Jährigen „die Figur des Spiels“ sah. „Er war bei allen Toren dabei, im Positiven wie im Negativen. Er spielt eine sehr gute Saison, ist vorne immer wieder gefährlich, hat aber auch Dinge, an denen er zu arbeiten hat. Etwa mehr zu antizipieren als zu reagieren. Aber er ist erst 22, hört sehr genau zu und wird sich weiter verbessern.“

Zahl des Spiels: Der 250-malige Trapp

Seit Samstag 250-maliger Adlerträger: Kevin Trapp.

Seit Monaten scheinbar am Limit bewegt sich Kevin Trapp, der nach seiner Bänderdehnung im Handgelenk zwischen die Pfosten zurückgekehrt war. „Wir sind vor dem Spiel mit Kevin und den Ärzten durchgegangen, dass wir im Schnitt etwa vier bis fünf Schüsse aufs Tor kriegen und das Handgelenk das mitmachen würde. Im Training sind es meist 40 bis 50“, erläuterte Glasner die Abwägungen, die einen Einsatz rechtfertigten – und Trapp zu seinem 250. Pflichtspiel für Eintracht Frankfurt verhalfen. „Er war uns mit zwei tollen Paraden wieder ein Rückhalt“, sah der Österreicher seinen Schlussmann einmal mehr auf der Höhe, der sich mit seinem Jubiläum seit Kurzem in den ewigen Top 25 des Vereins wiederfindet. Davor liegen etwa Kollege Makoto Hasebe mit 259 Einsätzen, Wilhelm Huberts (258), Benjamin Köhler (257) und Alexander Schur (251). Einholbar ist bei maximal sechs ausstehenden Saisonspielen bis zur Sommerpause noch Letzterer.

Ausblick: „Jetzt beginnen die Finals“

Angefangen am Donnerstag in London im Halbfinalhinspiel gegen den West Ham United FC. Sow erwartet „wieder ein Fußballfest, für das wir alle Kräfte bündeln“. Der zuletzt zwei Mal wegen einer Kniezerrung unpässliche Schweizer blickt dem Kräftemessen auch aus persönlicher Sicht zuversichtlich entgegen. „Mit Blick auf Donnerstag tut jede Minute gut“, gab der Mittelfeldmann nach seiner Einwechslung zu und beteuert: „Es sind zwar noch Schmerzen da, aber wenn man im Spiel drin ist, ist Adrenalin das beste Schmerzmittel. Deswegen mache ich mir keine Sorgen.“

Djibril Sow fühlt sich bereit.

Dafür hat Glasner nach eigener Aussage bereits am Samstag etwas taktiert und „alles umsetzen können, was wir uns vorgenommen haben: Rode nicht allzu lange spielen zu lassen, Djibi 20, 25 Minuten zu geben und die Angreifer nicht 90 Minuten auf dem Platz zu lassen.“ Generell ist sich der 47-Jährige bewusst: Ende April hat jeder irgendwelche Schmerzen. Aber wenn wir erst vor 60 und dann zu Hause vor 50.000 antreten, spürst du diese Schmerzen nicht. Jetzt gibt es keine Müdigkeit, sondern nur Vorfreude und Begeisterung.“

Präsident Peter Fischer legte sich derweil am späten Abend im aktuellen sportstudio fest: „Es wird nicht wie in Barcelona sein, aber es werden genug Frankfurter da sein, die versuchen werden, ein Heimspiel daraus zu machen. Genau darauf stellen wir auch unsere Mannschaft ein.“ Oder, als wollte Eishockeyfan Glasner die Parallele zur Zweitligameisterschaft der Löwen Frankfurt ziehen: „Die Play-offs haben wir seit ein paar Wochen. Jetzt beginnen die Finals.“