Einordnung: Im Bereich des Machbaren
Verdächtig machen, in Frankfurt herrsche nach dem dritten Sieg innerhalb von acht Tagen eitel Sonnenschein, mochte sich Oliver Glasner sicher nicht, als er sich auf dem Pressekonferenz nach dem 2:1 gegen den VfL Bochum damit auseinandersetzen sollte, inwiefern er dem missglückten Rückrundenstart hinterhertrauere: „Momentan ist mir überhaupt nicht nach ärgern zumute, sondern nach Freude. Wir haben drei Spiele am Stück gewonnen und ein super Europa-League-Spiel vor der Tür. Das Wetter ist jeden Tag schön, nachdem zwei Monate nur Dauernebel war. Von daher geht es mir richtig gut. Ich habe keine Lust und keine Zeit, mich über sportliche Themen zu ärgern.“ Was der Fußballlehrer damit ausdrücken wollte: Der Fokus gilt einzig und allein der Gegenwart und nahen Zukunft – dem, was aus eigener Kraft machbar ist.
Dahingehend stehen ihm seine Schützlinge auf dem Platz in nichts nach. Obwohl das Duell mit dem Aufsteiger zunächst ähnlich lief wie die in diesem Jahr drei verlorenen Begegnungen im Deutsche Bank Park zuvor, wie Coach Glasner skizzierte: „Beim 0:2 gegen Wolfsburg hatte der Gegner kaum eine Torchance, gegen Bielefeld haben wir uns nicht vom Rückstand erholt.“ Kaum verwunderlich, dass der Österreicher nach dem abermaligen Rückstand von einem „Wirkungstreffer“ sprach. Zumal, und das lässt die unmittelbar nach dem Seitenwechsel gedrehte Partie in einem nochmal helleren Licht erscheinen, Bochum bislang nach eigener Führung nie verloren hatte, in neun von elf Fällen als Sieger vom Platz gegangen war.
Normalerweise, so Glasner, bedürfe es in dieser Konstellation „irgendwas, um zurückzukommen“, also die berühmte Situation aus dem Nichts. „Doch wie die Mannschaft nach vorne gespielt hat, hat es das gar nicht gebraucht. Wir haben ihnen in der Pause keine Videos gezeigt. Sie sollten einfach die Situationen, die kommen, mit voller Überzeugung zu Ende spielen.“
Namentlich nannte der Cheftrainer unter anderem Jesper Lindström und Ansgar Knauff, der eine gerade erst 22 Jahre alt geworden, der andere 20: „Wie sie über Außen Druck erzeugt haben, sind wir auf einem richtig guten Weg. Den werden wir weitergehen.“ Zugleich sind dem 47-Jährigen die verpassten Vorentscheidungen nicht entgangen: „Wir hatten mehrere Drei-gegen-eins-Situationen. Hier müssen wir noch zielstrebiger werden.“
Die verlangte Konsequenz ist dafür auf der anderen Seite des Spielfelds zurück. Der Dreierabwehrkette attestierte Glasner einen „extrem stabilen Eindruck“. Martin Hinteregger hatte mit Sebastian Polter, „einen Gegenspieler, den er sich wünscht. Evan Ndicka und Tuta haben gegen kleine Gegner gespielt, die wahnsinnig schnell sind, Tuta hat zwei Mal zur Ecke geblockt.“ Der Brasilianer hat am Ende 86 Prozent seiner Zweikämpfe für sich entschieden. Deshalb gelte auch hier: „Es geht in die richtige Richtung. Aber diese Konzentration werden wir am Donnerstag wieder benötigen.“
Geschichte des Spiels: Mit dem Jürgen...
An Konzentration aufs Wesentliche war wiederum während den letzten Augenblicken bis zum Anstoß nicht zu denken. Schließlich stand dieses 26. Saisonspiel nicht zuletzt im Zeichen des am Donnerstagabend verstorbenen Jürgen Grabowski. Am Verlust des Weltmeisters und UEFA-Cup-Gewinners bestand am Sonntagnachtmittag kein Zweifel. Die Fahnen im Deutsche Bank Park standen auf halbmast, die Profis trugen Trauerflor, vor der Haupttribüne lagen Kondolenzbücher aus, über den Videowürfel lief ein emotionales Abschiedsvideo und über dem Fanblock hing ein langes Transparent mit den Lettern: „Helden leben lange und Legenden sterben nie. Doch auferstehen werden nur Götter. Bis bald, Grabi!“
Auf diese Botschaft ging auch der seit diesem Montag 66-jährige Präsident Peter Fischer während einer ergreifenden Rede im Beisein von Helga Grabowski und Karl-Heinz Körbel ein. Nicht zuletzt intonierten die 24.000 Zuschauer nach der Schweigeminute, für welche sich die Akteure beider Seiten am Mittelkreis um ein Grabi-Trikot mit der Nummer zehn zusammenfanden, die Stadionhymne „Schwarz-weiß wie Schnee“ inbrünstig – vor dem Anpfiff, kurz danach und schließlich nach den 90 Minuten im Beisein der sich vor der Nordwestkurve versammelnden Mannschaft. Ein letzter einträchtiger Doppelpass. Mit dem Jürgen...
Zahl des Spiels: 2000
Etwas kleinere Geschichte schrieben derweil unbewusst auch die Nach-nach-nach-Folger Grabowskis. Mit Daichi Kamadas Tor zum 2:1 füllte sich das historische Bundesligakonto von 1999 auf 2001 Punkte – die 2000er-Grenze ist geknackt. Mehr zu den Hintergründen:
Das schreiben die Medien: Emotionen und Moral
Freilich kam auch die Presselandschaft nicht an den besonderen Begleitumständen vorbei. „Eintracht siegt mit GRABI im Herzen!“ titelte die Bild, „Eintracht denkt an Grabowski und dreht das Spiel“ die Frankfurter Allgemeine Zeitung, „Emotionen, Moral, Europapokal“, verpackte es die hessenschau. Der kicker bezog sich auf Glasners Ankündigung am Freitag und befand, dass „ein kleiner Gruß nach oben“ gelungen sei. Derweil erkannte die Frankfurter Rundschau angesichts nun acht Treffern in drei Partien und dem zurückgekehrten Selbstverständnis: „Eintracht-Sturm: Die Gefahr wächst“.
Ausblick: Warten auf Lindström
Insofern stellte sich mit Blick auf die kommenden Herausforderungen die Frage nach dem Gesundheitszustand von Jesper Lindström, der in der Schlussviertelstunde nach einem Sturz angeschlagen raus musste. „Jesper hat eine leichte Bänderdehnung im Sprunggelenk. Es sollte aber nicht ganz so schlimm sein, so viel Gewicht hat er ja nicht“, klärte Glasner leicht schmunzelnd auf.
Weitere Aufschlüsse werden die nächsten Tage bringen. Bis einschließlich Mittwoch steht je eine Vormittagseinheit auf dem Programm, ehe am Donnerstagabend Real Betis Balompié zum Achtelfinalrückspiel der UEFA Europa League im Deutsche Bank Park gastiert. „Es freut uns, mit dem nächsten Erfolgserlebnis ins Rückspiel zu gehen“, bekannte Glasner und bleibt sich gleichzeitig treu: „Aber wir müssen Bodenständigkeit bewahren und die Leistung am Donnerstag bestätigen.“ Um noch kurz den Bogen zu den am 14. März beginnenden und gegen Bochum eingeläuteten Internationalen Wochen gegen Rassismus zu spannen: Alles eine Frage der Haltung.