29.08.2025
Team

„Es fällt etwas von einem ab“

Pirmin Schwegler, Leiter Profifußball, spricht über den erfolgreichen Saisonstart, das passende Mindset, seine Rolle sowie das bevorstehende Duell mit der TSG Hoffenheim.

Pirmin, wie fühlt es sich an, mit einem solch souverän herausgespielten 4:1-Sieg gegen Werder zum Bundesligaauftakt im Gepäck in die Woche zu gehen?
Es fühlt sich mit Siegen im Rücken natürlich immer gut an. Es gibt einem ein gutes Gefühl und ist eine gewisse Bestätigung für die harte Arbeit in der Sommervorbereitung. Trotz allem haben wir auch im Spiel gegen Bremen gesehen, dass wir noch lange nicht am Ende sind und Themen haben, an denen wir arbeiten müssen. Wir gehen diese losgelöst vom Ergebnis, losgelöst von Sieg oder Niederlage an – das macht unser Trainerteam herausragend gut. Im Nachgang von Siegen Dinge auch kritisch ansprechen zu können, zeigt, wie hungrig wir sind. Die Jungs nehmen es sehr gut an.

Rückblickend auf deine Zeit als Spieler: Wie befreit ist man, wenn man die erste DFB-Pokalhürde übersprungen hat und in der Folge siegreich in die Liga startet?
Ich kann nicht für jeden Spieler sprechen. Bei mir persönlich war es vor einem Saisonstart ähnlich, wie es mir vergangene Woche manche unserer Jungs bestätigt haben: eine gewisse Anspannung und sogar Nervosität, die während einer Saison dann aber nicht mehr vorkommt. Man hatte eine längere Pause, anschließend viele Trainingseinheiten und Testspiele, weshalb man noch nicht so richtig wusste, woran man ist. Das Wort Befreiung wäre zu hoch gegriffen, aber es fällt auf jeden Fall etwas von einem ab. Ich agiere da gerne auch mal antizyklisch. Sind die Jungs angespannt, strahle ich Souveränität aus.

Grundsätzlich ist es wichtig, diese Balance zwischen Fokussierung und der nötigen Lockerheit zu finden.

Pirmin Schwegler, Leiter Profifußball

Das Team bereitet sich auf das Auswärtsspiel gegen die TSG Hoffenheim vor, die Stimmung auf dem Trainingsplatz pendelte zwischen locker und stark fokussiert. Genau der richtige Mix?
Grundsätzlich ist es wichtig, diese Balance zwischen Fokussierung und der nötigen Lockerheit zu finden. Weder das eine noch das andere ist alleinstehend hilfreich. Es ist wichtig, eine Mitte zu finden – das ist entscheidend. Ich nehme das genau so wahr. Es ist unsere Aufgabe, so etwas zu spüren, und wenn es mal zu stark in eine Richtung kippen sollte, dann müssen wir eingreifen. Wir wollen hungrig bleiben. Ja, wir haben das erste Saisonspiel gewonnen und das war schön, aber nach dem ersten Spieltag wird nichts abgerechnet.

Wie darf man sich deine Rolle in der Vorbereitung auf ein Pflichtspiel vorstellen? Führst du viele Gespräche mit den Spielern?
Es gibt keinen Masterplan. Manchmal ist es auch gut, den ein oder anderen in bestimmten Momenten mal in Ruhe zu lassen. Es ist unterschiedlich, es lässt sich nicht festmachen. Am Spieltag gibt es einen gewissen Ablauf. Unter anderem sitze ich mit Dino [Toppmöller] ein paar Minuten in der Kabine: Wenn ich etwas wahrgenommen habe, kann ich es hier noch loswerden. Allgemein versuche ich, vor Spielen häufig in der Kabine zu sein.

Mit welchem Schwerpunkt schaust du dir Spiele wie jenes am Samstag gegen Bremen an? Eher analytisch, achtest du auf Auftreten, Verhalten und Körpersprache der Jungs oder nimmst du einzelne Spieler in den Fokus?
Generell ist es ein umfassender Blick, gelegentlich schweift man in die ein oder andere Richtung ab. Ich muss kein Spiel bis ins letzte Detail analysieren, dafür haben wir viele Experten an Bord. Ich versuche das Große und Ganze zu sehen, von meinem Platz auf der Tribüne direkt hinter unseren Analysten habe ich einen sehr guten Blick. Das mag ich sehr, von dort oben sehe ich viel und versuche, so viel wie möglich aufzunehmen.

Während der ADIDAS U.S. TOUR hat Vorstandssprecher Axel Hellmann über dich gesagt: „Im ersten halben Jahr hat er sich viel angeschaut und ist in seine Rolle reingewachsen. Ich nehme wahr, dass er Themen Stück für Stück mehr in die Hand nimmt und eine größere Verantwortung trägt (…) Seine Rolle ist inzwischen viel stärker geworden und wird noch stärker werden.“ Stimmst du ihm zu?
Axel Hellmann zu widersprechen, wäre schon sehr fragwürdig (lacht). Auch hier geht es um das große Ganze. Mir ist wichtig, dass wir immer in der Sache bleiben, ich werde niemals persönlich. Wir sind als Verein schon auf einem aus meiner Sicht sehr hohen Level, wollen aber natürlich Dinge weiter vorantreiben. Da habe ich meinen Part und nehme diesen wahr, aber man ist immer nur so gut wie die Gruppe. Wir sind als Einheit stark, das zeichnet Eintracht Frankfurt mit allem Drum und Dran aus – mit Staff, Mitarbeitenden, Fans. Ein Stück weit ist die Mannschaft auch ein Spiegelbild des direkten Umfelds, entsprechend wollen wir da mit gutem Beispiel vorangehen.

Welche Erkenntnisse hast du aus dem Trainingslager mitgenommen, welche Themen hast du erkannt und angesprochen?
Das Trainingslager war für mich durchaus Alltag, auch in Frankfurt ist es für mich die Norm, dass ich beim Training, bei Sitzungen und in Meetings bin, viel mitbekomme und nah dran bin. Im Trainingslager war auffällig, wie die Jungs mitgezogen und daraus unter nicht immer einfachen Bedingungen eine Vollgasveranstaltung gemacht haben. Davor ziehe ich meinen Hut, das war top und hat mich beeindruckt.

Pirmin Schwegler beobachtet gemeinsam mit Sportdirektor Timmo Hardung eine Trainingseinheit der Adlerträger.

Beim FC Bayern warst du als Scout und Chefscout aktiv, bei der TSG Hoffenheim als Leiter Lizenzbereich und Direktor Profifußball – ein breites Feld mit sicherlich zahlreichen Erfahrungswerten. Inwieweit profitierst du davon in deiner Rolle bei der Eintracht?
Ich zehre sehr davon. Das sind Erfahrungswerte, die mir extrem helfen. Ich habe viele Abteilungen gesehen und zahlreiche Erfahrungen machen können, habe viele handelnde Personen gesehen, wie sie wirken und Dinge angehen. Ich konnte meine Erfahrungen machen. Ich bin dabei auch mal gestolpert und habe Fehler gemacht, habe aber daraus gelernt. Fünf Jahre in verschiedenen Positionen und Vereinen haben mir dabei geholfen, der zu sein, der ich jetzt bin – und jetzt bin ich sehr froh darüber, hier bei der Eintracht sein zu können. Die gesammelten Erfahrungen helfen mir, ein Verständnis für andere Abteilungen zu haben; zum Beispiel, wie viel Arbeit und Leidenschaft in der Arbeit der Scoutingabteilung steckt. Natürlich hilft mir auch die Zeit als Spieler. Der Rucksack ist relativ voll, ich kann aber auch noch einiges reinpacken und noch viel Neues lernen.

Ist diese Beobachtungsgabe eine wichtige Eigenschaft in deiner Position, um die richtigen Schlüsse zu ziehen?
Schlüsse ziehen ja, aber man muss auch Lösungen parat haben. Ich würde meinen Job nicht zu 100 Prozent erfüllen, wenn ich nur beobachte. Dinge, die ich erkenne und die mich bewegen, kommen auf den Tisch – ohne jegliches Fingerpointing, sondern um in der Sache weiterzukommen, damit wir als Ganzes besser werden. Ich handle lösungsorientiert.

Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass sie auf einem guten Weg sind und viele Dinge richtig machen.

Pirmin Schwegler

Das Spiel am Samstag gegen Hoffenheim ist für dich auch eine Reise in die eigene Vergangenheit, es ist deine zweite Rückkehr nach Sinsheim als Adlerträger. Wie eng sind die Drähte noch in den Kraichgau?
Drähte glühen, aber in dieser Woche nicht unbedingt nach Sinsheim, weil aktuell einfach noch andere Themen anstehen. Generell habe ich noch viele Kontakte dorthin. Ich hatte eine schöne Zeit und durfte tolle Menschen kennenlernen.

Hoffenheim hat zum Auftakt im DFB-Pokal in Rostock und in der Liga auswärts gegen Bayer 04 Leverkusen gewonnen, in der Saisonvorbereitung hat die TSG alle Testspiele für sich entschieden. Wie schätzt du den Gegner ein?
Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass sie auf einem guten Weg sind und viele Dinge richtig machen. Es hat sich viel verändert. Mit Bernardo, Machida [fällt mit Kreuzbandriss aus; Anm. d. Red.] und Coufal sind drei von vier Spielern aus der Abwehrkette gegen Leverkusen neu gekommen, zudem hat Hranac vergangene Saison nicht viel gespielt. Davor standen mit Burger und Avdullahu zwei neue zentrale Mittelfeldspieler. Vorne ist Asllani zurück, Lemperle wurde geholt. Es ist nicht mehr die Mannschaft aus dem vergangenen Jahr. Wir wollen aber am Samstag auf uns schauen, unsere Hausaufgaben machen und das auf den Platz bringen, was uns stark macht.

Die Eintracht-Fans werden aus dem Auswärts- wieder ein verkapptes Heimspiel machen. Die Unterstützung von den Rängen wird groß sein, entschieden wird das Duell um die drei Punkte auf dem Rasen. Was für ein Spiel erwartest du?
Hoffenheim hat aufgerüstet und hatte eine top Vorbereitung. Es wird eine spannende Challenge, aber ich vertraue voll in unsere Stärken und unseren Jungs. Wir sind sehr gut gewappnet.