19.05.2022
Europapokal

Europa im Herzen

Historische Parallelen, außergewöhnliche Premieren, heimliche Helden, einmalige Faktenlage und undenkbare Perspektiven. Das bringt der Europa-League-Triumph mit sich.

Einordnung: Die Wandlung des Jahrzehnts

Das 48. und letzte Saisonspiel von Eintracht Frankfurt jetzt, nach inklusive Nachspielzeit 131 Minuten, in seine analytischen Einzelteile zu zerlegen – geschenkt. Zu greifen, ja begreifen wird dieses 6:5 nach Elfmeterschießen gegen den Rangers FC am Folgetag den Allerwenigsten. Selbst ein Kevin Trapp, für gewöhnlich auf dem Feld wie vor der Kamera um keine Antwort verlegen, rang auf der Pressekonferenz nach dem Thriller von Sevilla um Fassung. Für ihn wie außer Rafael Santos Borré Jedermann war es der erste internationale Vereinstitel überhaupt. Der erste für Eintracht Frankfurt seit 42 Jahren. Dabei lohnt, um die Verhältnismäßigkeit dieses europaweit beachteten Trips zu erfassen, schon ein Blick in die jüngere Vergangenheit.

23. April 2012: Eintracht Frankfurt steigt durch ein 3:0 bei Alemannia Aachen zum vierten und bis heute letzten Mal in die Bundesliga auf. Ein Jahrzehnt ist das her.

23. Mai 2016: Eintracht Frankfurt springt durch ein 1:0 beim 1. FC Nürnberg im Rückspiel der Relegation dem Abstieg aus der Bundesliga haarscharf von der Schippe.

Seitdem: Zwei Finals im DFB-Pokal, darunter ein Sieg, je ein Halbfinale im nationalen Cup und eines in der UEFA Europa League; fast im Jahrestakt sportliche Glanzlichter, die in dieser Regelmäßigkeit mehr als nur einem Strohfeuer gleichen.

Einzig in der Vorsaison überwog die Ernüchterung nach dem Verpassen der zum Greifen nahen Qualifikation für die Champion League. Wie sich die Wahrnehmung wandeln kann, zeigte sodann Oliver Glasner, derweil von seinen Schützlingen frisch mit Bier geduscht, auf.

„Die Ursache für den Titel liegt im Scheitern vergangene Saison an der Qualifikation zur Champions League. Die Mannschaft und der Verein sind zurückgekommen und haben sich belohnt für die Beharrlichkeit. Die Jungs haben das Größtmögliche aus dem Scheitern gemacht. Das ist auch, was die Jungs für das Leben mitnehmen können“, schlüsselte der Cheftrainer mit einer Mischung aus Analytik und Emotionsexplosion auf.

Zahl des Spiels: 1

Einer, der fast alle genannten Eckdaten am eigenen Leib miterlebt und mitgeprägt hat, nahm auch am Mittwochabend eine Hauptrolle ein. Sebastian Rode, über weite der Teile verletzungsbedingt gar nicht oder allenfalls für maximal eine Halbzeit einsatzfähig, rackerte in Sevilla über 90 Minuten, qua Amt als Kapitän. Dabei hätte nach fünf Zeigerumdrehung schon Schluss sein können nach der Kollision mit Lundstrams Stollen, was eine lange Wunde am Vorderkopf nach sich gezogen hat. „Sebastians Verletzung war ein Schock, zum Glück konnte er weiterspielen“, ließ Glasner hinterher verlauten. Nach kurzem Intermezzo in der Klinik ließ sich der Spielführer bei den abendlichen Feierlichkeiten mit einem großen Pflaster versehen die Stimmung nicht vermiesen. Warum auch – immerhin geht Seppl als Captain der ersten deutschen Mannschaft überhaupt in die Geschichte ein, die die UEFA Europa League gewinnen konnte. Wodurch dieser Wettbewerb kommende Saison gewissermaßen um eine Attraktion ärmer ist. Die Adler fliegen 2022/23 durch die Königsklasse. Ebenfalls zum ersten Mal. Genau wie die Eintracht Frauen, seit sie mit dem 1. FFC Frankfurt fusioniert hatten. Und nicht zuletzt die U19, die in der UEFA Youth League vertreten sein wird.

Geschichten des Spiels: Wie im Drehbuch

Eine von wenigen Nicht-Premieren war der Gewinn eines Europacups für die Hessen. Dass diese sich der Tradition verpflichtet sehen, verdeutlichte nicht erst auf dem örtlichen Fanfest die Anwesenheit zahlreicher Legenden aus den 1960er und 1980er Jahren. Kaum eine Anekdote kam dabei an den verstorbenen Bernd Nickel und Jürgen Grabowski vorbei. Auch Bruno Pezzey, Fred Schaub oder Friedel Rausch weilen nicht mehr auf Erden, wie Museumsdirektor Matthias Thoma am Mittwochmittag in Andalusien in Erinnerung rief.

So lief die Jagd nach Silberware nicht zuletzt unter dem Motto „Mit dem Jürgen. Für den Jürgen.“ Viele Geschichten und Parallelen ergaben sich fast automatisch. Angefangen vom Verletzungsaus einer Führungsfigur im Endspiel 1980 wie 2022: Grabi hier, Hinti da.

Dann die Vergleiche zu den Legenden, die 1959 Meister wurden und 1960 auf dem Weg zum Jahrhundertspiel gegen Real Madrid im Halbfinale eben die Glasgow Rangers eliminiert hatten. Die Aussagen Mitte Mai gleichen denen zu vor sechs Jahrzehnten wie ein Ei dem anderen. Während Krösche, Glasner & Co. unisono den einzigartigen Teamgedanken untermauern, sprach in den Tagen vor dem Showdown in Andalusien auch der seit Samstag 91-jährige Egon Loy davon, dass die damaligen Erfolge hauptsächlich zustande kamen, „weil wir als Mannschaft eine Einheit waren“.

Wer daran bei der aktuellen Generation noch Zweifel gehabt haben sollte, dem öffneten sich spätestens am Mittwoch die Adleraugen. Hinteregger verletzt, Tuta zwei Tage nach seiner Vertragsverlängerung bis 2026 erste Wahl als Abwehrchef. Nach einer Stunde ging es für den Brasilianer nicht mehr weiter, Hasebe sprang in der Defensivzentrale in die Bresche. Eben, wie es Hinteregger zuvor gegenüber EintrachtTV betont hatte: „Wenn alle in Form sind, haben wir auf dieser Position die geringsten Probleme und es spielt keine Rolle, wer von uns dreien spielt.“

Ausgerechnet der kernige Österreicher verpasste die Schlacht gegen die Bravehearts – und damit auch das zweite Elfmeterschießen nach dem K.-o. gegen Chelsea vor drei Jahren, als der Publikumsliebling zum tragischen Helden wurde. Angesichts all dieser Wendungen und Fügungen driftete Trapp ganz bewusst ins Metaphysische ab und vermutete „so etwas wie Karma“. Die Nummer eins, im Spiel wie im Elfmeterschießen jeweils mit einer Glanztat, machte ganz deutlich: „Es musste so kommen. Wir hatten es einfach verdient. Das musste belohnt werden.“ Und weiter: „Vergangenes Jahr waren wir enttäuscht, über die Liga nicht in der Champions League gelandet zu sein. Jetzt schaffen wir es in Verbindung mit einem Titel – das ist tausendmal schöner.“ Eine Geschichte, fast zu stringent, um real zu sein.

Ausblick: Europacup im nächsten Jahr...

Ist es aber. Weshalb nun nicht nur Kräftemessen mit der europäischen Elite warten, sondern zunächst auch der UEFA-Supercup gegen Real Madrid oder den Liverpool FC am 10. August. In einem Pflichtspiel! So weit mochte Glasner dennoch nicht in die Zukunft schauen. Was seine Helden vorhätten, konnte der Fußballlehrer nur mutmaßen. Er selbst jedenfalls legte sich felsenfest: „Ich feiere bis Samstag durch.“ Ganz sicher nicht als einziger. Am Römerberg herrscht in wenigen Stunden Ausnahmezustand. Frankfurt, eine Stadt, die nicht nur im Herzen von Europa liegt, sondern Europa auch im Herzen trägt. Erst recht mit Eintracht International.

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