07.12.2025
Bundesliga

Friendly Reminder

Das Echo nach dem 0:6 in Leipzig ist laut. Die Zahlen unterfüttern die geäußerten Mängel. Mut machen jüngere Eintracht-Erfahrungen von Saarbrücken bis Barcelona. Eine Erinnerung auf sechs Ebenen.

1) Verdammt lang her

Die Saison 1995/96 war eine für die Bundesligageschichtsbücher. Einführung der Drei-Punkte-Regel, anteilig so viele Unentschieden wie davor und danach nicht mehr, Klaus Augenthaler wechselte vier statt erlaubter drei Mann ein, Kaiserslautern gewann als feststehender Absteiger den DFB-Pokal – und Eintracht Frankfurt kassierte die höchste Pflichtspielniederlage für lange Zeit: gegen den späteren Meister Borussia Dortmund mit 0:6 am 23. März 1996. Verdammt lang her.

6. Dezember 2025, Leipzig: Null zu sechs nach sechs ungeschlagenen Spielen in der Bundesliga. Ein 13. Spieltag, der für Abergläubische daherkam wie Freitag, der 13. Wie vor exakt zwei Jahren kehren die Frankfurter Jungs mit einem Denkanstoß von einem Nikolausauswärtsspiel zurück ins Herzen von Europa. Am 6. Dezember 2023 unterlag die SGE dem Drittligisten 1. FC Saarbrücken im Achtelfinale mit 0:2 und verabschiedete sich aus dem DFB-Pokal. 

2) Deutliche Worte zu einem eindeutigen Ergebnis

Entsprechend war in den Katakomben der Leipziger Arena mehr Tacheles statt Tagesordnung. Von einer „richtig schlechten Leistung“, sprach Markus Krösche und „Fehlern, die uns durch die ganze Saison begleiten“. Konkret monierte der Sportvorstand: „Keine gute Staffelung, keine gute Mannbindung, wir sind zu passiv.“

Dino Toppmöller bemängelte ebenfalls „zu viele individuelle Fehler“ und „was die Gier, die Zweikämpfe zu wollen angeht, war Leipzig definitiv schärfer“. Der Cheftrainer verwies zwar darauf, das Gegenteil „oft genug gezeigt“ zu haben, erwähnte aber auch im selben Atemzug, „zu häufig diese Widerstandsfähigkeit vermissen“ zu lassen. Kurzum: „So dürfen wir uns nicht präsentieren!“

Auch Kapitän Robin Koch nahm kein Blatt vor den Mund: „Gerade in der zweiten Halbzeit hat sehr wenig gestimmt. Keiner war annähernd bei 100 Prozent. Auf keiner Position. Individuell haben wir zu wenige Duelle gewonnen. Auch mit Ball war es zu schwach. Nach der Pause sind wir gefühlt gar nicht mehr nach vorne gekommen. Jeder Einzelne muss sich selbst hinterfragen, ob das wirklich alles ist, was wir geben können.“ Impulsanalyse Ende.

3) Die Zahlen hinter der Kritik

Dass die Adlerträger zu mehr, viel mehr imstande sind, belegen manche Vergleichswerte. 43,9 Prozent gewonnene Zweikämpfe und 62,9 verlorene Luftduelle sind das eine. Zudem sind die Hausherren bei nahezu identischem Ballbesitz knapp fünf Kilometer mehr gelaufen: 118 zu 113,3.

Damit ist die SGE an diesem Wochenende in dieser Disziplin Schlusslicht. Die rühmliche Ausnahme, denn im Ligaschnitt liegen die Hessen bezüglich Laufstärke auf Rang sieben. Auch die 145 Sprints lagen unter dem eigenen Schnitt, waren bis Samstagabend nach Augsburg die wenigsten, aber auf 13 Spieltage hochgerechnet befinden sich die Adlerträger dahingehend im oberen Drittel.

4) Auswirkungen auf die Tabelle

Auf Tuchfühlung zum oberen Drittel der Bundesliga ist Frankfurt dagegen unverändert. Denn mal ganz emotionslos betrachtet ist tabellarisch nichts oder zumindest nicht viel passiert. Weil Stuttgart gegen Bayern und Leverkusen in Augsburg verlor. Ob das die Sache jetzt besser und schlechter macht, weil wie vor einer Woche beim 1:1 gegen Wolfsburg ungenutztes Kapital liegen geblieben ist, ist wie immer Ansichtssache. Fakt ist: „Letztendlich haben wir das erste Spiel seit Oktober verloren [in der Bundesliga; Anm. d. Red.] und eine richtig schlechte Leistung gebracht.“ So Krösche im ZDF.

5) Fragen und Antworten zum Sturmpersonal

Als weiteren Wermutstropfen registrierten die Hessen die verletzungsbedingte Auswechslung von Michy Batshuayi, für den nach der Pause Jessic Ngankam in die Partie kam. „Bei Michy sieht es nicht ganz so gut aus. Er hat einen Schlag auf den Fuß bekommen. Wir müssen das MRT abwarten. Vor Weihnachten wird es wahrscheinlich nichts mehr“, erklärte Toppmöller auf Nachfrage auf der Pressekonferenz.

Dafür komme der erkältete Ansgar Knauff „zurück und ist wieder eine Option für den Sturm“. Zudem stand der wiedergenesene Can Uzun in Leipzig wieder im Aufgebot. „Can war nur für maximal zehn Minuten eingeplant für den Notfall. Beim Stand von 0:6 war es nicht sinnvoll, ihn einzuwechseln“, klärte Toppmöller auf.

100 Spiele für Eintracht Frankfurt: Hugo Larsson.

Die zweite Rückkehr taugt aufgrund der Spielgeschichte eher als Fußnote, sei aber an dieser Stelle dennoch protokolliert: Hugo Larsson bestritt sein 100. Pflichtspiel mit dem Adler auf der Brust.

6) Was noch zu sagen wäre

Unter den 99 zuvor sticht vor allem eines heraus. Ein 5:1 gegen Bayern München, der Schwede netzte zum zwischenzeitlichen 3:0. Das war am 9. Dezember 2023, eine Reaktion par excellence nach dem eingangs erwähnten Pokalaus im Saarland. Im Saisonfinale qualifizierte sich Frankfurt durch ein 2:2 nach 0:2-Rückstand gegen Leipzig für die UEFA Europa League …

Nun könnte das kommende Kaliber größer nicht sein, weshalb Koch appelliert: „Mit der Leistung aus der zweiten Halbzeit brauchen wir am Dienstag in Barcelona nicht auftreten“. Das Wiedersehen mit Barça, diesmal in der Champions League. Als die SGE ihrerzeit im Camp Nou triumphierte, war jenes 3:2 im Übrigen der erste Sieg nach vier sieglosen Partien.

Das alles ist eineinhalb bis zwei Jahre, die katalonische Eroberung dreieinhalb Jahre her. Gefühlt handelt es sich dabei um Lichtjahre. Was aber zeigt: Erfolg ist genauso vergänglich wie Misserfolg. Kurzfristig betrachtet ist der Schaden in Sachsen nicht von der Hand zu weisen. Aber er ist deshalb längst nicht irreparabel. Soweit die Theorie des Friendly Reminder.

Die Praxis muss es weisen, dass daraus kein ungemütlicher Winter wird, sondern Leipzig bestenfalls als einer jener kalten unerfreulichen Nikolausabende in Erinnerung bleibt, dem kurz darauf ein Feuerwerk der Endorphine folgte.