04.10.2024
Europapokal

Geschichte des Spiels: Alle zusammen

Knackpunkte zum richtigen Zeitpunkt bescheren der Eintracht den Auswärtssieg gegen Besiktas. Leidenschaftliche Abwehrarbeit trifft auf offensive Nadelstiche. Die Nachbetrachtung.

Die Extraportion Motivation kam wenige Stunden vor dem Anpfiff im Tüpras Stadyumu. Die Adlerträger waren noch im Mannschaftshotel, einen etwas weiteren Steinwurf entfernt vom Schauplatz des zweiten Spiels in der Ligaphase der UEFA Europa League gegen Besiktas JK. „Der Fanmarsch ist an unserem Hotel vorbeigelaufen. Es ist sehr schön für uns, wenn wir die Liebe der Fans spüren. Wir wollen die Fans durch die Art und Weise, wie wir auftreten, stolz machen“, berichtete Cheftrainer Dino Toppmöller nach dem 3:1 (2:0)-Auswärtssieg gegen die Adler vom Bosporus. „Ich habe eigentlich geschlafen und bin dann wach geworden – da war ich erstmal enttäuscht“, erinnert sich Rasmus Kristensen. Verständlich, wer wird schon gerne geweckt. „Aber dann, als ich es gesehen habe, war alles gut“, so Frankfurts Nummer 13 am EintrachtTV-Mikrofon mit einem Lachen.

Zum Lachen konnte der Eintracht am Donnerstagabend zumute sein. Nach dem Last-Minute-Ausgleich gegen Pilsen am ersten Europa-League-Matchday folgten drei Punkte gegen den 16-maligen Türkischen Meister. „Wir wollten natürlich schon gegen Pilsen gewinnen und haben leider spät den Ausgleich kassiert. Danach ging es darum, den Mund abzuputzen und den Fokus auf Besiktas zu richten, was uns gelungen ist“, bilanzierte Torhüter Kaua Santos im Anschluss an eine Partie, die dem 21-jährigen Brasilianer sicherlich noch länger in Erinnerung bleiben wird – zumal, oder gerade weil er sich eindrucksvoll in das Gedächtnis der Istanbuler Gegenspieler eingebrannt haben dürfte.

Santos auf dem Posten

Insgesamt 27 Schüsse setzte Besiktas ab, elf davon auf das Eintracht-Gehäuse. Santos wehrte zehn Versuche ab und ist damit der erste Keeper in der Europa League mit zehn Paraden in einem Spiel seit Mile Svilar für die AS Roma am 9. Mai 2024. Sicherlich verbunden in einem Hauch Verzweiflung winkten die Istanbuler um Stürmer Ciro Immobile, der beim Stand von 2:0 für die Hessen vom Elfmeterpunkt am stark parierenden Santos scheiterte, irgendwann ab – getreu dem Motto „wie zugenagelt“.

Bis kurz vor Schluss gibt es kein Vorbeikommen an Kaua Santos.

Es musste ein krummes Ding in der Nachspielzeit, sprich eine verunglückte, im kurzen Eck einschlagende Flanke her, um den in knallgelb spielenden SGE-Torsteher an diesem Abend doch noch zu überwinden. Für Kristensen war Santos der „Man of the Match“, wie der Däne später sagte. „Es war eine starke Leistung von ihm. Er kam letzten Sommer aus Brasilien, hatte bis zuletzt nur Regionalliga gespielt, wurde ins kalte Wasser geworfen und hat sich freigeschwommen. Ich habe immer betont, dass die Jungs immer ein sehr gutes Gefühl haben können bei unseren Torhütern“, so Chefcoach Toppmöller.

Reife Leistung im Hexenkessel

Stimmung und Lautstärke im Tüpras Stadyumu waren im Vorfeld der Partie eines der Themen gewesen. Wie bestellt, so geliefert: Es war laut, es war hitzig, auf dem Rasen herrschte stets eine hohe Intensität auf beiden Seiten. Manchmal hektisch, der Puls hoch – die Konzentration darauf, in dieser Atmosphäre nicht die Ruhe zu verlieren, ebenfalls. „Das war ein großer Schritt für diese junge Mannschaft. Es ging nicht nur um die drei Punkte. In diesem Stadion muss man erst einmal bestehen, darauf sind wir sehr stolz. Es war eine ganz tolle Atmosphäre, in der Halbzeitpause hatte ich etwas Ohrensausen“, so Toppmöller, der am Tag vor dem Match noch von den „jungen Wilden“ gesprochen hatte.

Trotz Rückstand ließ Besiktas in der zweiten Halbzeit Angriffswelle über Angriffswelle auf die Frankfurter zurollen. Die Eintracht musste Phasen überstehen. Zahlen pro Besiktas:

  • 27:11 Torschüsse.
  • 40:15 Ballaktionen im Strafraum.
  • 2,61 zu 2,34 Exptected Goals.
  • 76,7 Prozent Ballbesitz zwischen der 60. und 75. Minute, 71,2 Prozent in der zweiten Halbzeit gesamt.
Kompromisslos auf dem Rasen, klar in der Analyse: Rasmus Kristensen.

Aber der hessische Defensivriegel stand. Gefestigt durch Wille, Mentalität und Leidensfähigkeit. Reif und erwachsen in einem schwierigen Umfeld. „Wir haben es als Mannschaft super gemacht, alle zusammen. Alle Spieler auf dem Platz und auf der Bank, wir haben top, top, top gespielt. Das braucht man auch in einem solchen Stadion gegen solch einen Gegner. Deswegen stehen wir hier mit drei Punkten. Wir gehen in jedem Spiel an unsere Grenzen. Und das müssen wir auch“, betonte Kristensen.

Das Team schmiss sich in jeden Ball. Alle. Erfolgreiche Aktionen aus dem Regal „Kampfgeist deluxe“ wurden auf dem Rasen gefeiert, eine geballte Faust jagte die nächste. Hier ein Urschrei, da ein Abklatschen und Schütteln. „Wir mussten bis zum Ende stabil bleiben und bis zum Schluss alles wegverteidigen. Die Jungs haben sich verausgabt, und genau das wollten wir sehen“, freute sich Toppmöller.

Das siebte Saisontor von Omar Marmoush – herausgeholt hatte er den Elfmeter selbst –, das postwendend folgende 2:0 durch Junior Dina Ebimbe, der damit in seinem saisonübergreifend dritten Europapokalspiel in Folge traf, und Ansgar Knauff mit Schlitzohrigkeit besiegelten einen „sehr besonderen Sieg“, wie Dino Toppmöller den Abend später zusammenfasste.

Ausblick: Die Bayern kommen

Dem erfolgreichen Spiel in Istanbul folgt am Sonntag, 6. Oktober, das Verfolgerduell mit Bundesligaspitzenreiter FC Bayern München. „Die Vorfreude auf Sonntag ist groß. Mit der aktuell herrschenden Euphorie und unseren Fans im Rücken können wir auch den Bayern Paroli bieten. Aber wir wissen, dass das eine ganz anderer Hausnummer ist und brutale Qualität auf uns zukommt“, blickt Dino Toppmöller auf die Partie zwischen dem derzeit Tabellenzweiten und -ersten im Deutsche Bank Park voraus. Anpfiff im Frankfurter Stadtwald ist um 17.30 Uhr, EintrachtFM und DAZN übertragen live.