Pirmin Schwegler hatte es bereits geahnt. Am Tag vor dem Aufeinandertreffen der Eintracht mit der TSG Hoffenheim hatte der ehemalige Kapitän beider Vereine im Interview auf eintracht.de gemutmaßt, dass „das Pendel knapp für die Eintracht ausschlagen“ würde, „weil Zuschauer zugelassen sind.“ Viel knapper als das schlussendliche 2:1 ging es tatsächlich nicht und doch stand Cheftrainer Adi Hütter hinterher mit seiner Einschätzung nicht alleine, dass „der Sieg über 90 Minuten betrachtet in Ordnung“ gehe. Nicht zuletzt, weil die Adlerträger am sich zum 30. Mal jährenden Tag der Deutschen Einheit nach der Pause auf ihre sportlich unnachahmliche Art die Wende herbeiführten.
Stimmen im Blätterwald
Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung titelte sogleich „Die Eintracht macht Hütter Spaß“ und „Eintracht ringt TSG nieder“, die Frankfurter Rundschau sah „Matchwinner Dost, erstaunliche[n] Tuta und ein Solo à la Kamada“ und die Hessenschau befand: „Dank Kamada und Dost: Eintracht dreht Partie gegen Hoffenheim“.
Erster Heimsieg im Deutsche Bank Park
Bevor der erste Bundesligaheimsieg von Eintracht Frankfurt im Deutsche Bank Park amtlich sein sollte, hatte allerdings Andrej Kramaric die erste Duftnote gesetzt und die Gäste mit einem sehenswerten Schlenzer in Front gebracht (18.). Das sechste Saisontor des Kroaten war zugleich der achte Auswärtstreffer des Vizeweltmeister im saisonübergreifend dritten Ligaspiel und nicht zuletzt die elfte Bude seit dem Restart. Womit der Goalgetter in diesem Betrachtungszeitraum Robert Lewandowski (erst am Sonntag im Einsatz) und André Silva hinter sich lässt. Auch wenn der Portugiese erstmals in dieser Spielzeit leer ausging, erhielt er mit Blick auf seine aufopferungsvolle Spielweise von Coach Hütter ein Sonderlob: „Bas hat sehr gut gearbeitet, André auch.“ Zumal der insgesamt acht Schüsse, die Hälfte davon aufs Tor, abgebende Nations League-Gewinner vor dem Siegtreffer den Nachweis erbrachte, dass sich Kunst und Kampf nicht ausschließen müssen, als er auf dem Hosenboden sitzend die Kugel zu Bas Dost spitzelte (71.).
Wir müssen dranbleiben und weiter hart arbeiten.
Steven Zuber
Die Bodenhaftung behielten die gewissermaßen Quintuple-Sieger-Besieger-Besieger – Hoffenheim hatte in der Vorwoche 4:1 gegen den FC Bayern gewonnen – auch nach dem aus der Sicht des kicker „Traumstart“ mit sieben Punkten aus drei Spielen und Rang zwei nach den Partien am Samstag. So sah Steven Zuber nicht mehr als „eine Momentaufnahme. Wir müssen dranbleiben und weiter hart arbeiten.“ Der Schweizer zeigte gegen seinen Ex-Klub in seinem ersten Spiel von Beginn an seine offensiv wohl auffälligste Leistung seit seinem Wechsel im Sommer. Sieben Flanken suchten unter allen Akteuren ihresgleichen. Selbst wenn derer letztlich zwei einen Abnehmer fanden, wusste Dost die entscheidende gewinnbringend auf Daichi Kamada weiterzuleiten, der seinem Klub das historisch 1700. Heimtor bescherte.
Nachdem der Japaner zu seinem ersten Saisontor eingeschoben hatte (54.), initiierte der 24-Jährige eine Viertelstunde später die besagte Koproduktion der drei Tenöre des immer harmonischeren SGE-Orchesters. Noch kurz vor dem Seitenwechsel hatten sich ob ausbleibender Torchancen die Kommentatoren von EintrachtFM sicher nicht als einzige ausgemalt, dass ein Spieler wie der eine halbe Stunde vor Anstoß kommunizierte Neuzugang Amin Younes dem Spiel guttun würde, ehe Kamada mit seinem Solo à la „Jay-Jay Kamada“ (ebenso EintrachtFM) die passende Antwort gab. „Man hat gesehen, dass wir auf einen Rückstand antworten können“, befand auch Zuber.
Der Schweizer war am ersten Spieltag zum 439. Adlerträger der Bundesligageschichte geworden. Am zweiten folgte der 440. mit Ragnar Ache und am Samstagnachmittag gar Nummer 441: Lucas Silva Melo, kurz Tuta. Der im Winter 2019 verpflichtete und in der vergangenen Spielzeit nach Kortrijk verliehene Verteidiger kam nach einer Stunde für David Abraham ins Spiel, „weil David schon vor dem Spiel etwas Probleme im vorderen Oberschenkel und das Gefühl hatte, dass etwas passieren könnte, wenn er einen langen Ball spielt“, wie Hütter erklärte. Eine Begründung, die mit Blick auf den 1:1-Zwischenstand und die bis dahin ausgebliebene Bundesligaerfahrung des 21-Jährigen durchaus aufhorchen lässt, aber zugleich das Vertrauen des Trainerteams in die eigenen Talente beweist. In der Schlussphase kamen wie in den Vorwochen nämlich mit Ache und Aymen Barkok weitere Anfang-20er ins Spiel. „Die Jungen haben es gut gemacht. Es wird auch zu unserem Weg gehören, diese Spieler einzubauen“, zeigte Hütter auf.
Vertrauen, das sich auszahlte: In nur einer knappen halben Stunde Spielzeit verzeichnete Tuta drei klärende Aktionen und damit eine weniger als Makoto Hasebe, der über 90 Minuten in dieser Hinsicht am häufigsten entschärfte. Sehr zur Freude seines Hintermannes. „Tuta hat das Jahr in Belgien gutgetan. Er spielt sehr abgeklärt, auch im Training. Heute hat er alles richtig gemacht. Er ist ein Riesentalent, es macht sehr viel Spaß mit ihm. Er hört gut zu, wenn man ihm etwas erklärt“, lobt Kevin Trapp.
Der Torhüter ist unter der Woche als einer von elf Frankfurter Fußballern für die Nationalmannschaft berufen worden, weshalb sich die Trainingsgruppe in der kommenden Woche naturgemäß überschaubar gestalten wird. Mit dabei wird nach Ajdin Hrustic und Markus Schubert wiederum Amin Younes sein, der parallel zum üblichen Auslaufen der Kollegen am Sonntag noch individuell trainierte.