06.05.2021
Historie

Grundstein für die Meisterschaft 1959

Vor 70 Jahren spielt Eintracht Frankfurt als zweite deutsche Mannschaft nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA. Der Auftakt zur Goodwill-Tour. Eine Zeitreise.

Die Goodwill-Tour in Zahlen: Binnen 25 Tagen absolviert die Eintracht acht Spiele, über 70.000 Zuschauer besuchen die Partien, dürfen sechs Siege bejubeln. 50.000 Dollar Spenden werden generiert, Alfred Pfaff und Co. erzielen 42 Tore, drei Partien finden in New York statt. Als erst zweite deutsche Mannschaft ist die Eintracht nach Kriegsende in den USA, zugleich führen die Spenden zu einer wichtigen infrastrukturellen Maßnahme an der Heimspielstätte am Riederwald: Den Wiederaufbau der Tribüne am Riederwald. Vorstandsmitglied Axel Hellmann sagte dazu bei der Eröffnung des Büros in New York vor etwas über einem Jahr: „Ohne diese 50.000 Dollar wären wir nicht 1959 Deutscher Meister geworden und stünden heute nicht da, wo wir stehen.“

50.000 Dollar für die Riederwald-Tribüne

Am 24. Januar 1951 verkündete das Sport Magazin: „Eine Delegierten-Tagung des Deutsch-Amerikanischen Fußballbundes [DAFB; Anm. d. Red.] fällte nach einer langen Sitzung die Entscheidung über die Einladung an Eintracht Frankfurt, im Mai dieses Jahres in den USA zu spielen.“ Die Nachricht wurde bei der Eintracht mit großer Freude aufgenommen. Neben einem beträchtlichen Prestigegewinn versprach eine Tour durch die USA vor allem auch einen finanziellen Erfolg. Und Geld konnte die Eintracht dringend gebrauchen. Das alte Riederwaldstadion war im Krieg zerstört worden. Seit 1949 war die Stadt Frankfurt dabei, der SGE als Ersatz eine neue Sportanlage in der Nähe des alten Stadions zu errichten. Die neue Tribüne aber musste der Verein selbst finanzieren. Und eine Tribüne war schon damals nicht billig.

Doch wie kam gerade die SGE an die begehrte Einladung der Deutsch-Amerikaner? Bereits vor dem Krieg veranstaltete der DAFB, in dem auch viele Auswanderer organisiert waren, „Internationale Sporttage“ in den USA, zu denen Sportler aus der alten Heimat eingeladen wurden. Während der Kriegs- und Nachkriegszeit fanden die beliebten Veranstaltungen nicht statt. 1950 ließ der DAFB die Tradition wiederaufleben. Man wollte dem in Folge des Zweiten Weltkriegs von der internationalen Sportszene immer noch isolierten Deutschen Fußball-Bund die Hand reichen. Als erstes deutschen Team reiste im Sommer 1950 der HSV zu einer „Tournee des guten Willens“ nach Amerika, ein Jahr später wurde die Eintracht eingeladen. Das lag daran, dass man prominente Fürsprecher hatte. Der Ehrenpräsident des DAFB, August Steuer, war in Großheubach bei Miltenberg geboren und der Eintracht schon seit seiner Kindheit verbunden. Außerdem engagierte sich Max Behrens im DAFB, ein Sportjournalist jüdischen Glaubens, der in der NS-Zeit aus Frankfurt in die USA geflohen war. Behrens war Eintrachtler, aber auch großer Fan des FSV, was ihm die Entscheidung pro Eintracht wohl schwer gemacht hatte, denn auch der FSV war als potentieller Gast in der engeren Auswahl.  

Neben acht Fußballspielen warten in den USA auch zahlreiche Sehenswürdigkeiten, wie auf diesem Bild ein Ausflug an die Niagarafälle.

So brach die Eintracht am 2. Mai 1951 auf zur großen Reise in die Staaten, die bis Anfang Juni dauern sollte und während der acht Spiele stattfanden. Die begehrten Flugtickets besaßen: Christian Kiefer (Zweiter Vorsitzender), Willi Balles (Spielausschussvorsitzender), Kurt Windmann (Trainer) und die Spieler Adolf Bechtold, Helmut Henig, Ernst Kudrass, Heinz Kaster, Herbert Kesper, Werner Heilig, Friedel Reichert, Joachim Jänisch, Hubert Schieth, Alfred Kraus, Kurt Krömmelbein, Alfred Pfaff, Walter Giller, Ludwig Kolb und Hans Wloka. Im Gepäck hatte die Truppe neben funkelnagelneuen Trainingsanzügen und einem Satz neuer Trikots vor allem auch Geschenke: 400 Festschriften (vom 50. Vereinsjubiläum 1949), 3000 Vereinsabzeichen, ein Zentner Bücher (Bildbände über Frankfurt) und 15 Dosen Frankfurter Würstchen sollten als Gastgeschenke verteilt werden. Die Würstchen sollten bei der Ankunft in New York noch zu Problemen führen.

Gastgeschenk mit Hindernissen: 15 Frankfurter Würstchen sind dem Zoll zu viel des Guten.

Denn als die Mannschaft am Morgen des 3. Mai in New York landete, wurde sie nicht nur vom DAFB-Mann August Steuer herzlich empfangen. Die Zöllner fanden im Koffer von Trainer Windmann die 15 Dosen Frankfurter Würstchen – und die durften nicht eingeführt werden. Erst nach langen Diskussionen durfte der Koffer mit den Leckereien, die eine Frankfurter Wurst- und Konservenfabrik „zur Verteilung an eine US-Mannschaft nach Ihrer Wahl in unserem Auftrage und zu Ehren unserer Heimatstadt Frankfurt“ gespendet hatte, den Zoll passieren. Da war die Eintracht 1951 überzeugender als 2013, als es der Apfelwein in Tel Aviv nicht durch den Zoll schaffte...

20 Pfund Gewichtszunahme?

Bereits am ersten Abend erwartete die Eintracht zur Begrüßung ein Festbankett in New Jersey. Mehr als 1000 Gäste mussten sich über zwei Stunden gedulden, ehe alle Ansprachen gehalten waren. Das reichhaltige Essen entschädigte für die lange Wartezeit. Und war doch nur ein Vorgeschmack auf das, was die Eintracht in den nächsten vier Wochen erwarten sollte. Täglich stand mindestens eine Einladung eines Restaurants an, außerdem musste beziehungsweise durfte man zu Empfängen bei Konsulaten, Bürgermeistern und Vereinen. Und die vielen Sehenswürdigkeiten wollte man sich auch nicht entgehen lassen. Trainer Windmann meinte zu den vielen Essenseinladungen: „Wenn das so läuft, werden unsere Spieler bis zur Abfahrt am ersten Juni mindestens 20 Pfund zugenommen haben.“

Am 6. Mai wurde es erstmals ernst für die Eintracht. Im Stadion Randall Island feierte der DAFB vor 24.000 Zuschauern ein Sportfest. Den Höhepunkt des Tages bildete das Spiel der Eintracht gegen eine Auswahlelf des DAFB. Das Spiel endete erwartungsgemäß 5:2 für die SGE, doch der unterlegene Gegner ging trotzdem nicht leer aus. Beim abendlichen Empfang überreichte Trainer Windmann der amerikanischen Mannschaft nämlich die von ihm am Zoll so zäh verteidigten Frankfurter Würstchen.

Nach einigen Tagen in New York begann am 9. Mai die große Rundreise durch die Staaten. Erstes Ziel war Buffalo. Auch hier wurde die Eintracht herzlich empfangen. Am 11. Mai stand wieder ein Spiel auf dem Programm. Gegen die „Western New York All Stars“ gab es vor 4000 Zuschauern ein deutliches 13:1. Das straffe Programm führte die SGE weiter nach Toledo, wo am 13. Mai im Glass Bowl Stadium das Spiel gegen die „Ohio/Michigan All Stars“ 5:1 gewonnen wurde. Einen Tag später fand im Public School Stadium in St. Louis ein Spiel gegen die „Zenthoefer“ an. Im vierten Spiel der Tour setzte es mit einem 1:2 die erste Niederlage. Nach zwei weiteren Tagen in St. Louis ging es weiter nach Milwaukee. Das Spiel gegen die „Midwest All Stars“ gewann die Eintracht 5:0. Im Rückblick zur Reise, der in der Vereinszeitung insgesamt elf Seiten einnahm, geht das Ergebnis fast unter. Beeindruckender war für die Berichtenden, dass Trainer Windmann vor laufender Kamera sprach: „In Milwaukee sprach unser Trainer in einem Televisionssender. Es war für uns ein Erlebnis, ihn hierbei in seiner Sprechweise beobachten zu können.“

Der Trainer im Fernsehen: „Ein Erlebnis“

Am 21. Mai kehrte die Mannschaft von Milwaukee zurück nach New York. In den letzten zehn Tagen standen noch etliche Empfänge und Termine auf dem Programm. Außerdem wurden noch zwei Siege eingefahren: Am 24. Mai wurde eine Deutsch-Ungarische Auswahl aus Brooklyn 5:1 besiegt, am 27. Mai eine DAFB-Auswahl aus New Jersey mit 7:0. Das letzte Spiel der Tournee fand am 30. Mai wiederum im Randall Island Stadium gegen den schottischen Pokalsieger Celtic Glasgow statt. Ursprünglich als krönender Abschluss der Reise gedacht, geriet das Spiel aus dem Ruder. Nach dem frühen 1:0 durch Wloka merkten die SGE-Spieler schnell, dass die Schotten unter Freundschaftsspiel etwas anderes verstanden. Celtic fiel vor allem durch unverhältnismäßige Härte auf und gewann letztlich 3:1. Die Eintracht hatte nach Abpfiff fünf verletzte Spieler zu beklagen. Trotz dieses negativen sportlichen Abschlusses gab es am nächsten Abend ein rauschendes Fest. Der DAFB verabschiedete die Eintracht. Der Spielausschussvorsitzende Willi Balles bezeichnete die Reise in seiner Rede als „das größte und schönste Ereignis in der traditionsreichen Geschichte der Eintracht“. Christian Kiefer aus dem Vorstand sammelte bei den Gastgebern fleißig Adressen ein, denn einmal mehr hatte sich gezeigt: Viele Frankfurter, die im Nationalsozialismus in die Staaten geflohen waren, hatten sich gefreut, ihre Eintracht wieder zu sehen, und waren zu den Festen und Empfängen gepilgert. In den Eintracht-Heften veröffentlichte Kiefer die neuen Adressen der alten Frankfurter.

5000 Fans bei der Rückkehr

Dem großen Abschied in New York folgte ein noch größerer Empfang in Frankfurt. Mehr als 5000 Menschen begrüßten die erschöpften Kicker nach ihrer Rückkehr am Main. Oberbürgermeister Kolb betonte in seiner Ansprache, dass die Eintracht dazu beigetragen habe, das Verständnis zwischen Amerika und Deutschland zu fördern. Vollgepackt mit Geschenken aus der Neuen Welt feierten die Spieler das Wiedersehen mit ihren Angehörigen. Das schönste Geschenk aber kam erst einige Wochen später in Form eines Schecks aus Amerika. Über 50.000 Dollar waren an Antrittsgeldern und Spenden für den Bau der neuen Tribüne zusammengekommen.

Gedenktafel zur Amerikareise, einst am Riederwald, heute im Eintracht-Museum zu sehen.

1952 wurde die Tribüne am Riederwald gebaut, finanziert mit Hilfe der Einnahmen der Reise durch die Staaten. Sieben Jahre später war die Eintracht Deutscher Meister. August Steuer vom DAFB, der den Gewinn der Meisterschaft in Berlin miterlebte, war fünf Jahre zuvor Gast bei einer kleinen Feierstunde im Riederwald. Im Juli 1954 wurde ihm zu Ehren im Foyer eine Tafel angebracht, auf der vermerkt war: „Der Grundstock zur Errichtung dieser Tribüne wurde gelegt durch Spenden des Deutsch-Amerikanischen Fußballbundes dank der Tatkraft seines Ehrenpräsidenten August Steuer“. Die Tafel ist heute im Eintracht Frankfurt Museum zu bestaunen.

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