10.01.2026
Bundesliga

Heiß gelaufen

Zwischen Frankfurt und Dortmund zählt jede Sekunde, Ebnoutalib lässt Taten und Zahlen sprechen, Fjørtoft erweist sich als Prophet und am Ende steht Erlebnis über Ergebnis.

Das Bundesligajahr 2026 war etwas mehr als fünf Minuten jung, als die erste Durchsage im Deutsche Bank Park fällig war. Nicht wegen eines Tors, sondern weil bei einem führerlosen Auto im Parkhaus des Stadions noch der Motor lief. Im Rückspiegel mit Blick auf den Restart zwischen Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund ein Bild mit Symbolcharakter, weil beide Traditionsvereine im 105. Aufeinandertreffen in der deutschen Beletage nicht wirklich den Anschein eines Kaltstarts erweckten, sondern im winterlichen Stadtwald heißer und heißer liefen, was Dino Toppmöller folgendermaßen beschrieb: „Dortmund hat versucht, das Spiel mit allem, was sie hatten, zu gewinnen, und wir auch. Es ist völlig normal, dass der Gegner mal gefährlich wird, weil beide Teams gute Offensivreihen haben. Für uns war wichtig, diese Präsenz zu zeigen, dass wir zu Hause mutig Fußball spielen, das Spiel gewinnen wollen.“ Letzteres Ziel verfehlten die Hessen denkbar knapp.

Als hätten es die Vorboten gewollt, da auf dem Videowürfel erstmals die Nachspielzeit sekundengenau nachzulesen war. 3:2 durch den eingewechselten Mo Dahoud gegen dessen Ex-Klub in Minute 91:06. Der Endstand durch den ebenfalls von der Bank gekommenen Borussen Carney Chukwuemeka, als der Tacho 94:59 anzeigte – eine Sekunde vor Ablauf der Mindestnachspielzeit von fünf Minuten. 3:3 nach insgesamt 99 Minuten, ein Twist jagte den nächsten – aus Sicht des Gastgebers einer zu viel.

Ein weiterer Vorbote saß derweil auf der Pressetribüne. Der viel beschäftigte TV-Experte Jan Åge Fjørtoft war am Donnerstag beim Premier-League-Topspiel Arsenal gegen Liverpool zugegen, am Freitagabend auf der Waldtribüne anzutreffen und zuvor im kicker in prophetischer Mission unterwegs, als der ehemalige Eintracht-Stürmer hoffte, „dass die neuen Angreifer einen guten Start erwischen. Als ehemaliger Stürmer weiß ich, wie viel Druck es von einem nimmt, wenn man das erste Tor geschossen hat“, wie er in der Kolumne „Einwurf“ erklärte.

Nachdem eben ein Einwurf von Rasmus Kristensen über Arthur Theate und den gefoulten Robin Koch zum Strafstoß und ersten Ausgleich durch Can Uzun führten, gehörten nach dem Seitenwechsel Younes Ebnoutalib die Schlagzeilen: Die Bild schreibt vom „Ebnoutalib-Wahnsinn“, die Frankfurter Rundschau vom „Traum-Debüt“ und die Welt sieht ein „glänzendes Debüt“.

Hypothetisch, ob die Titel auch ohne die Torpremiere zum Eintracht-Einstand derlei plakativ ausgefallen wären, an der grundsätzlichen Bewertung hätte es so oder so keinen Zweifel geben dürfen; das sagen zum einen die Kollegen und Vorgesetzten.

Markus Krösche attestierte dem 22-Jährigen, „ein sehr gutes Spiel gemacht“ und „viel für die Mannschaft gearbeitet“ zu haben. Ansgar Knauff sah „ein super Spiel, Younes hat sich aufgerieben“. Der Sportvorstand und der seit Samstag 24-jährige Flügelstürmer – alles Gude an dieser Stelle – ließen auch den Vorlagengeber Arnaud Kalimuendo nicht unerwähnt. „Arnaud kam rein, gibt direkt die Vorlage, hat sich gut eingebracht. Die Neuzugänge tun uns sehr gut“, freute sich Knauff für die Offensivverstärkungen. Krösche sah vor dem Treffer zum 2:2 „ein super Zusammenspiel, Arnaud hat mit dem richtigen Timing den Ball gespielt, dann hat es Younes super gemacht“. Zurück zu Ebnoutalib, der nicht nur über sich, sondern auch Zahlen sprechen lässt.

Der Aktionsradius von Younes Ebnoutalib gegen Borussia Dortmund.

21 Sprints und 70 intensive Läufe waren die meisten aller Adler, 11,81 Kilometer die zweitgrößte Laufstrecke hinter Hugo Larsson. Dazu gesellen sich 17 Zweikämpfe und sieben Luftduelle – jeweils teamintern spitze. Dass der Toptorjäger der Zweitligahinrunde eine Etage höher gerade so weitermachte und sich als 297. SGE-Spieler im Fußballoberhaus in die Torschützenliste eintrug, war je nach Auslegung Krönung oder Belohnung.

„Ich glaube, dass sich Younes direkt sehr gut freigeschwommen und extrem aufgerieben, Gelbe Karten gezogen hat. Er ist dahingegangen, wo es wehtut, und hat sich mit einem tollen Tor belohnt“, erkannte Cheftrainer Toppmöller an.

Ebnoutalib selbst bedankte sich bei „Drüber gebabbelt – die Spieltagsanalyse aus dem Deutsche Bank Park“ für die Chance, „zu starten, das ist nicht selbstverständlich“. Die nach seiner Verpflichtung im Vodcast geäußerte Vermutung, beim Debüt die Tränen nicht unterdrücken zu können, bewahrheitete sich übrigens nicht, wie der gebürtige Frankfurter erklärte: „Ich habe schon mit den Tränen gekämpft. Aber da bleibt nicht richtig Zeit, weil du beim ersten Spiel ein bisschen nervös bist und dich fokussieren musst. Aber es war knapp ...“

Ausblick: Stuttgart

So knapp wie Freud und Leid am Freitagabend beieinanderlagen. „Natürlich wünschst du dir beim Tor in Minute 90 plus zwei, dass du als Sieger vom Platz gehst. Aber so ist der Sport, das müssen wir akzeptieren. Für mich ist die Art und Weise, wie wir aufgetreten sind, entscheidend“, trug Coach Toppmöller den Unlucky Punch in letzter Sekunde mit Fassung und forderte zugleich ein: „So müssen wir weiter auftreten!“ Am Dienstag wartet in Bad Cannstatt mit dem VfB Stuttgart schon der nächste Kontrahent aus den Top Sechs. Um im Bild zu bleiben: mit laufendem Motor in die schwäbische Autostadt.