10.03.2022
Europapokal

Maßstäbe gesetzt

Lindströms Appell, Kamadas Jubiläum, Trapps Szene des Spiels: Die Einordnung zum Sieg bei Real Betis und der Blick in Richtung Crunchtime.

Einordnung: Mutig, leidenschaftlich, stimmig

Die Szene des Spiels spielte sich vielleicht in der 54. Minute ab. Evan Ndicka unterband einen Angriff der Gastgeber mittels einer perfekt getimten Grätsche gegen Canales, seine Mitspieler feierten ihn für dies Aktion. „Unfassbar geil, wie Evan sich reingeworfen hat“, frohlockte Kevin Trapp später. Es war eine Szene mit großer Symbolik, denn sie verdeutlichte viele Tugenden, die die Eintracht an diesem Abend im Estadio Benito Villamarín auf den Platz brachte: Mut, auch mal ins Risiko zu gehen. Leidenschaft und Kampfgeist, dem ballsicheren Gegner Paroli zu bieten. Dazu kam das spielerische Element, dass zusammen mit der defensiven Kompaktheit nach Balleroberungen dazu führte, dass sich die Adlerträger insbesondere in der zweiten Halbzeit einige gute Gelegenheiten herausspielten. Möglichkeiten, sogar noch höher als 2:1 zu gewinnen, waren also da. Aber Djibril Sow relativierte richtigerweise: „Wir haben gewonnen, also wollen wir uns nicht beschweren.“

Der Schweizer, aufgrund einer frühen Gelben Karte (25.) in der Schaltzentrale lange gehandicapt („Ich hatte schon ein bisschen Schiss“), hatte die „vielleicht beste Saisonleistung“ seiner Adlerträger gesehen. „Wir kommen zur richtigen Zeit wieder in Form“, blickte er auf die beginnende Crunchtime der Saison. Eine Leistungssteigerung im Vergleich zu den Partien in den vergangenen Wochen war zweifellos zu erkennen – auch, weil das Team getragen wurde von den Fans. Die organisierte Fanszene war erstmals nach über zwei Jahren wieder bei einer Partie dabei, heizte schon vor der Partie kräftig ein und feierte das Team auch weit nach Schlusspfiff. „Europas beste Mannschaft“, hallte es vom Oberrang, als das Stadion schon fast leergefegt war.

Hat sich von der Gelben Karte nicht von seinem Spiel abbringen lassen: Djibril Sow.

Kurz zuvor hatte sich die Mannschaft zur Kurve begeben und sich feiern lassen. „Die Fans haben uns diesen Extraprozent gegeben“, meinte Jesper Lindström, der mit viel Geschwindigkeit seine Gegenspieler immer wieder vor Probleme gestellt hatte. Wie auch seine offensiven Mitstreiter, doch der 38-jährige Claudio Bravo hielt die Béticos im Spiel. Den Gastgebern war mit zunehmender Spieldauer das straffe Programm der vergangenen Wochen anzumerken, es war bereits das 17. Pflichtspiel in diesem Kalenderjahr, die Eintracht steht bei deren neun. Trainerroutinier Manuel Pellegrini sprach in der Pressekonferenz nach dem Spiel mehrfach von „körperlichem und mentalem Verschleiß“, der auch durch großzügige Rotation in Form von sechs Wechseln im Vergleich zum 1:3 am Vorsonntag gegen Atlético nur bedingt aufzuhalten sei.

Geschichte des Spiels: Wieder auswärts, wieder Europa

1:0 in Antwerpen, 2:1 in Piräus, 1:1 bei Fenerbahce Istanbul, und jetzt 2:1 bei Real Betis. In dieser Europa-League-Saison ist die Eintracht auswärts nicht zu besiegen, überhaupt gab es in den sieben Partien noch keine Niederlage. Die Eintracht hat auch beim Tabellenfünften der LaLiga sein Europapokalgesicht gezeigt und eine sehr gute Ausgangsposition für das Rückspiel am kommenden Donnerstag geschaffen. Nach drei Niederlagen in Serie und dem 4:1 bei der Hertha ist in den vergangenen Wochen ein stetiger Aufwärtstrend zu erkennen. Und wieder zeigt sich, dass die Europapokalabende für die Eintracht keine Belastung sind, sondern willkommene Gelegenheiten, das Selbstvertrauen zu steigern. Nun geht’s an die Konstanz, das war in den Aussagen der Spieler deutlich rauszuhören. „Wir haben den Charakter und die Qualität. Das müssen wir nur konstant zeigen“, sagte Jesper Lindström.

Zahl des Spiels: 10

Es war ein Angriff, wie er im Fußballerlehrbuch stehen könnte. Balleroberung von Djibril Sow, starkes Dribbling von Jesper Lindström, die Ablage von der Grundlinie an den Fünfmeterraum, wo, na wer wohl, Daichi Kamada nur einschieben brauchte. Es war das zehnte Tor des Japaners in der UEFA Europa League im 23. Europapokalspiel für die Eintracht – eine Topquote. Die Frankfurter Rundschau schreibt über die Leistung des Japaners: „Auf internationaler Bühne dreht er auf, fintiert und brilliert, glänzt mit klugen Ideen, auch mal mit einem Hackentrick – und er schießt Tore, in diesem Fall das Siegtor. Runde Sache.“ Dem ist nicht viel hinzuzufügen, und damit geht’s zum nächsten Thema.

Das schreiben die Medien: „Euro-Könige“

Klar, dass die vielen vergebenen Gelegenheiten („Chancenwucher“/sportbuzzer.de) auch ein Thema waren. Die Stimmen fielen ansonsten sehr positiv aus. „Kostic und Kamada wieder Euro-Könige“ titelte die BILD, während die FAZ „Mutige Eintracht wird belohnt“ in die Überschrift nahm. Die Frankfurter Rundschau hatte unterdessen die „Rückkehr der magischen Nächte“ gesehen. Dass die Chancen, das Viertelfinale der UEFA Europa League zu erreichen, sehr gut sind, darüber sind sich die Medien einig.

Ausblick

Natürlich sprachen viele von „einem großartigen Abend“ und einer „sehr guten Leistung“, doch Sportvorstand Markus Krösche weiß, dass es schon am Sonntag in Bochum um wichtige Punkte in der Bundesliga geht und auch im internationalen Achtelfinale erst Halbzeit ist. „Den Sieg ordne ich sehr hoch ein, denn hier zu gewinnen, ist ein Riesenerfolg, auch wenn wir noch viele Sachen haben, die wir besser machen können.“ Die Mannschaft absolvierte bei fast schon sommerlichen Bedingungen in Sevilla noch das Auslaufen am Donnerstagmorgen, ehe es zurück nach Frankfurt ging. Dort stehen am Freitag- und Samstagvormittag jeweils eine Einheit an, ehe am Sonntagnachmittag ab 17.30 Uhr der VfL Bochum zu Gast im Deutsche Bank Park ist. Das Rückspiel gegen Betis steigt am kommenden Donnerstag ab 21 Uhr an selber Stelle.