24.11.2021
Europapokal

Mein (vorerst) letztes Mal

Nico Heymer schreibt in seiner Gastkolumne über die Auswärtsfahrt nach Salzburg – und warum dieser Trip ihm für immer im Gedächtnis bleiben wird.

Die meisten Fußballfans, und wir reisewütigen Adler sowieso, haben eine ordentliche Anzahl Auswärtsfahrten auf dem Buckel. So viele, dass die meisten irgendwie zu einer schwarz-rot-weißen Erinnerungspampe zusammengemischt werden, die wir einfach zwischen “Glorreiche Zeiten und traurige Tage” im Hirn abheften.

Das mag auf den ersten Blick negativ klingen, ist es aber nicht. Auswärtsfahrten mit Eintracht Frankfurt gehören zu den glücklichsten Erinnerungen meines Lebens. Und dass man in der Retrospektive auf keine einzige Fahrt verzichten will, egal ob man in München sprichwörtlich oder in Porto real baden geht, spricht Bände.

Ehrlich gesagt gibt es kaum Gespräche, die ich so genieße, wie die diese:

 „Weißt du noch, als wir mit der Eintracht in Mailand waren und dies und das erlebt haben?”

„Moment, das war doch in Strasbourg?”

Und für die nächsten 30 Minuten schwelgt man in Erinnerungen, die mehr oder weniger ausgeschmückt das Gefühl vermitteln, man habe selbst 90 Minuten mit dem Adler auf der Brust geackert (gut, irgendwie stimmt das ja auch, wenn auch nicht auf dem Rasen). Und dennoch würde man sich danach nicht dafür verbürgen, dass „dies und das” wirklich in Strasbourg passiert ist.

War das jetzt in Strasbourg oder doch in Mailand? Eine Frage, die sich der ein oder andere Vielfahrer sicherlich schon einmal gestellt hat.

Doch eine Auswärtsfahrt wird mir für immer in Erinnerung bleiben. Salzburg gegen Eintracht Frankfurt Ende Februar 2020. Ein aus meiner Sicht ungeliebter Gegner, Sturmtief “Sabine”, ein Eishockeyspiel, aber vor allem: das letzte Mal gemeinsam in Europa.

Stunden vor dem geplanten Anpfiff hingen zwei Themen wortwörtlich in der Luft. Ein Sturm und ein Virus, dessen Namen man sich zu diesem Zeitpunkt kaum gemerkt hatte. 

Doch ansonsten lief erstmal alles ab, wie man es kennt. An jeder Laterne der Stadt kleben einschlägige Aufkleber, kleine und größere Gruppen Fans ziehen durch die Straßen, grüßen sich mit dem obligatorischen „Gude” und die steigende Anspannung schlägt sich in an jeder Ecke aufbrandenden Eintracht-Gesängen nieder. Doch die Stimmung ist durchweg positiv. Das Hinspiel war deutlich zu Gunsten unserer Eintracht ausgegangen und die Hoffnung, sowohl Salzburg als auch Leipzig innerhalb eines Monats aus den Pokalwettbewerben zu schießen, gibt ordentlich Auftrieb.

Irgendwann gegen Mittag kommen die ersten Gerüchte auf, dass das Spiel wegen eines Sturms abgesagt werden könnte. In dem Augenblick erscheint das allen extrem abwegig. Es ist kalt und nieselt etwas, aber ein Tornado ist das mit Sicherheit nicht und außerdem würde der vollgepackte Spielplan wegen dieser unnötigen Europameisterschaft im Sommer keinen Nachholtermin zulassen. Wie sehr wir uns da irren sollten, konnte keiner absehen.

Leere Ränge in Salzburg, nachdem das Spiel aufgrund des drohenden Sturms verlegt wurde.

Von den ersten Gerüchten bis zur tatsächlichen Absage vergehen nur wenige Stunden, und die Meldung sitzt wie ein Schlag ins Gesicht. Flüge, Züge, Hotels, eingereichte Urlaubstage. Plötzlich müssen sich alle mit Themen auseinandersetzen, für die man für gewöhnlich wenige Stunden vor Anpfiff eines Auswärtsspiels kaum mehr bereit ist.

 - „Spielen die denn überhaupt morgen?”

 - „Ich hab' gehört, sie spielen um 12.30 Uhr ohne Zuschauer.”

- „Morgen geht überhaupt nicht, weil am Wochenende wieder Bundesliga ist.”

- „Also unser Bus fährt noch heute Nacht. Den können wir wohl kaum umbuchen.”

Der Buschfunk läuft an jenem Donnerstagnachmittag auf Hochtouren, und doch weiß natürlich niemand etwas Konkretes. Für uns und viele Tausende ist klar, dass wir in Salzburg bleiben werden und dass wir jetzt einen kompletten Tag zu füllen haben, der eigentlich der Eintracht vermacht war.

Die erste Amtshandlung wird zugleich die letzte für den Tag. Erstmal die lokale Gastronomie unterstützen. Mit einigen Dutzend weiterer Fans finden wir uns standesgemäß im lokalen Irish Pub wieder, die Grenzen zwischen den Tischen verschwimmen mit jeder vergangenen Stunde. Alle feiern, singen und fachsimpeln gemeinsam über das morgige Spiel, während die restlichen Europacup-Partien auf dem viel zu kleinen Fernseher laufen.

Was tun, wenn das eigene Spiel kurzfristig verschoben wurde? Man könnte ja beim hiesigen Eishockey-Spiel vorbeischauen.

Und während wir in der Salzburger Altstadt die Eintracht und uns selbst feiern, sickert über WhatsApp die Erkenntnis ein, dass wir das Event des Tages verpasst haben.

Denn trotz des abgesagten Spiels amüsierten sich am Abend knapp 1000 Adler prächtig in der Mozartstadt. Sie strömten zum Eishockeyspiel der Alps Hockey League zwischen den zweiten Mannschaften des EC Red Bull Salzburg und des EC-KAC. Die Klagenfurter genossen dabei von den Rängen die volle Unterstützung seitens der Frankfurter. „Auswärtssieg! Auswärtssieg!" oder „Im Herzen von Europa” klingen an diesem Abend durch die ansonsten vollkommen leere Eissporthalle und es dauert nicht lange, bis wir wissen: Das ist eine absolut einzigartige Erfahrung und das perfekte Beispiel dafür, welch tolle Momente die Eintracht auf Reisen erschaffen kann.

Am nächsten Tag laufen wir von einer lokalen Brauerei mit Hunderten Fans in Richtung Stadion. Alle etwas müde von den letzten 24 Stunden, immerhin ist dieser Freitag quasi die Nachspielzeit, mit der keiner rechnen konnte. Dennoch herrscht eine besondere Stimmung. Es ist nicht der lautstarke, beeindruckende Fanmarsch, den man noch aus Mailand in Erinnerung hat. Doch die Sonne scheint, wir laufen durch ein traumhaftes Bergpanorama und der Sturm, der zu später Stunde am Vorabend noch meinen geliebten Balkenschal der Salzach geopfert hatte, gehört der Vergangenheit an. Eine nicht wirklich erklärbare Euphorie liegt in der Luft. Wir wissen, dass wir hier heute nicht ausscheiden werden. Wie sich später zeigen sollte, teilen André Silva und Filip Kostic dieses Wissen mit uns. Doch es ist nicht das 2:2 an jenem Abend oder das verschobene Spiel, das in Erinnerung bleiben sollte.

In Salzburg konnten die Spieler noch gemeinsam mit den Fans feiern, nur wenige Tage später sollte Corona nicht nur den Profifußball auf den Kopf stellen.

An diesem Freitag auf dem Weg zum Stadion mehren sich plötzlich die Meldungen von abgesagten Großveranstaltungen und die ersten Meldungen von Corona-Fällen im unmittelbaren Bekanntenkreis werden laut. Noch bevor wir das Stadion erreichen, wissen alle: In Basel, unserem potenziell nächsten Gegner, werden keine Zuschauer im Stadion erlaubt sein. Immerhin sind dort gerade alle Veranstaltungen mit mehr als 1000 Zuschauern abgesagt worden.

Für die Übriggeblieben tut das an diesem Tag keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil. Im Wissen, dass wir wohl sobald kein europäisches Auswärtsspiel mehr erleben würden, saugen wir jede Sekunde auf. Trotz Tickets, auf denen verschiedene Blöcke vermerkt sind, stehen wir bei Anpfiff zusammen und geben 90 Minuten alles. Nur um direkt nach Abpfiff todmüde von drei Tagen Salzburg und glückselig über den Sieg in Richtung Hotel zu stolpern.

Zweimal würde die Eintracht in der Saison 2019/20 noch vor Zuschauern spielen, bevor der Corona-Hammer endgültig fällt. Für mich sollte das Spiel in Salzburg das letzte sein, das ich für 15 Monate besuche. Und dieser Trip zu einem ungeliebten Gegner, unter widrigen Wetterbedingungen mit Spielverschiebung und aufkommender Angst vor der am Horizont wartenden Pandemie hinterlässt nur einen Gedanken in meinem Kopf: Gott sei Dank sind wir nicht gegen DIE ausgeschieden.

Zur Person

Nico Heymer ist Moderator, Podcaster sowie Eintracht-Fan durch und durch. In den vergangenen Jahren vor allem durch seine YouTube-Formate bei OneFootball bekannt, wird er bei der Eintracht beim Spiel gegen Royal Antwerp FC als Host beim Livestream-Format "Watch Party #SGEuropa" auf dem offiziellen Eintracht-Twitch-Kanal fungieren. Start ist um 20.40 Uhr.

Nico Heymer ist zudem auf Twitter aktiv. Hier geht es zu seinem Kanal.

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