01.06.2021
Team

Mit Weitsicht und Herzblut

Als Spieler war er Kämpfer, Kapitän, Klubikone. Attribute, die sich Markus Krösche erhalten hat, zugleich aber um zahlreiche Kompetenzen erweiterte. Am heutigen Dienstag beginnt er in Frankfurt.

Bald zehn Jahre ist es her, dass Markus Krösche das erste und als Spieler einzige Mal mit Eintracht Frankfurt in Berührung gekommen ist. Sechster Spieltag in der Zweiten Bundesliga, Gastspiel des SC Paderborn im heutigen Deutsche Bank Park. Sebastian Rode auf der rechten Außenbahn, Gelbe Karte gegen Gordon Schildenfeld, 0:0 nach 90 Minuten. Es gibt wahrscheinlich Spiele, die in der Vergangenheit mehr Werbung für den Fußball und auch für die Eintracht betrieben haben ...

Einerlei. Am Ende dieser Saison 2011/12 gelingt den Adlern die dauerhafte Rückkehr ins deutsche Oberhaus, während die Ostwestfalen die Relegation um einen Punkt verpassen. Der damals 31-jährige defensive Mittelfeldspieler hängte unabhängig davon noch zwei Jahre dran an der Pader. Als einer der ersten von 16 SCP-Profis mit auslaufendem Vertrag verlängerte der Kapitän im November frühzeitig. Woraufhin der kicker titelte: „Krösche gibt die Richtung vor“. Nicht zum ersten, nicht zum letzten Mal. Und ab dem 1. Juni als Vorstand Sport bei Eintracht Frankfurt.

Geborene Führungsfigur

Nicht nur, weil er „auf all seinen Stationen erfolgreich gearbeitet“, sondern nicht zuletzt „als Profi, Trainer und zuletzt im Management reichlich Erfahrungen gesammelt“ habe, frohlockte der Aufsichtsratsvorsitzende Philip Holzer am Morgen nach der einstimmigen Berufung, „einen absoluten Volltreffer“ gelandet zu haben. Krösches Vita lässt dahingehend kaum eine andere Meinung zu, was beileibe nicht allein auf dessen knapp siebenjähriges Wirken im operativen Bereich beziehen lässt. Denn die Rolle als Führungsfigur begleitet den gebürtigen Hannoveraner gewissermaßen seit Jugendtagen.

Jugendliche Führungsfigur: Markus Krösche gewinnt als Kapitän von Werder Bremen die Deutsche Meisterschaft der A-Junioren.

Schon die Deutsche Meisterschaft der A-Junioren erlebte Krösche 1999 als Mannschaftskapitän, an der Seite von Tim Borowski führte Krösche die U19 des SV Werder Bremen während einer 40 Grad heißen Hitzeschlacht auf der Stuttgarter Festwiese zum 4:1 über den VfB Stuttgart, der durch einen gewissen Ioannis Amanatidis kurzzeitig zum Ausgleich gekommen war. Damit wären die auch heute noch geläufigen Namen auch schon genannt. Entsprechend musste Krösche schnell feststellen, dass Talent und Verdienste allein keine Garantie auf nachhaltigen Erfolg bedeuten. Der Durchbruch zum Profi erfolgte sodann nicht an der Weser, sondern 2001 in Paderborn, wo er sich innerhalb von 13 Jahren ein Denkmal schuf, 2005 und 2009 in die Zweite Liga sowie 2014 schließlich in die Bundesliga aufstieg und nach 373 Einsätzen als Rekordspieler und Spielführer auf dem Höhepunkt seiner fußballerischen Schaffenskraft abtrat.

Karriereende auf dem Höhepunkt 2014: Markus Krösche feiert als Spieler den Bundesligaaufstieg.

Von der Pike an die Spitze

Wobei dies auch nur bedingt zutrifft. Fast nahtlos daran anschließend übernahm der nun 34-Jährige nämlich die U23 des Emporkömmlings und begann in der Westfalenliga, sich das nötige Rüstzeug für die Karriere nach der Karriere zuzulegen. Auch mit dem Unterbau stand nach einer Spielzeit der Aufstieg in die Oberliga. Nebenbei erwarb Krösche in Windeseile sämtliche Trainerscheine und schloss 2018 erfolgreich den Lehrgang zum Fußballlehrer ab. Hier findet sich ebenso eine kleine Parallele, dass Kompetenz zwar die Aufstiegschancen erhöhen kann, aber nicht zwangsläufig muss. Aus jenem Jahrgang war bis zuletzt einzig Dimitrios Grammozis auf der Bundesligabühne zugange – und auch er mit Schalke bekanntlich nicht mehr.

Frühzeitig vorgesorgt

Um die Unwägbarkeiten des (Berufs-)Lebens wissend hatte sich Krösche 2008, auch unter den Eindrücken des Abstiegs in die Dritte Liga, an der Fachhochschule Paderborn für ein Präsenzstudium in BWL eingeschrieben, um für die Zeit nach der aktiven Laufbahn für alle Eventualitäten gewappnet zu sein. Bemerkenswerter als der abschließende Notenschnitt von 2,7 wirkt rückblickend der Titel der Bachelorarbeit: „Die finanzielle Situation von Fußballprofis nach der Karriere - eine empirische Befragung unter 400 Fußballprofis“.

Ein Sportchef für Spektakel

2015 erinnerte sich sein ehemaliger Cheftrainer Roger Schmidt an seinen vormaligen Anführer und gewann ihn als Assistenzcoach für Bayer 04 Leverkusen. Erstmals Bundesligaluft für den 193-maligen Zweitligaspieler! Im Frühjahr 2016 war Schmidt für drei Spiele gesperrt, Krösche übernahm interimsweise die Chefrolle. Gleiches Spiel dann nochmal im Herbst, ehe das Trainerteam 2017 gehen musste. Ein Wink des Schicksals.

Erstmals Bundesliga: Markus Krösche als Assistenzcoach von Roger Schmidt in Leverkusen.

Denn keine zwei Wochen darauf übernahm Krösche, Mitglied der Jahrhundertelf des SC Paderborn, den vakanten Posten des Geschäftsführers Sport in seiner langjährigen Heimat. Eine der der ersten Amtshandlungen bestand nach einem Monat darin, Steffen Baumgart als neuen Coach – und damit eine eigene Spielidee – zu installieren: Vertikal, mutig, laufintensiv, frech. Dem abgewendeten Abstieg in die Regionalliga folgte daraufhin der Durchmarsch von der Dritten in die Erste Liga. Im Sommer 2019 konnte der zu diesem Zeitpunkt mit 38 Jahren jüngste Sportchef der Zweiten Bundesliga auf zwei DFB-Pokalviertelfinals, 166 Tore und nicht zuletzt die Rückkehr in die deutsche Beletage zurückblicken. Mehr geht nicht.

„Entscheidend ist immer das Gespräch miteinander“

Der Lockruf aus Leipzig war die Folge, der Schritt zu einem designierten Champions-League-Teilnehmer die logische Konsequenz. Passend zu seinem fußballerischen Ideal bewies der Sportdirektor auch bei Transfers durchaus Wagemut, wie er einmal in Bezug auf Neuzugänge erklärte, die „in ihrer Karriere schon einige negative Dinge erlebt“ hätten. Denn „das ist wichtig für die Entwicklung der Spieler und wichtig für unser Team, um mögliche Rückschläge einordnen und bewältigen zu können.“

Weiter führte der als ehrlich und hart arbeitende Krösche in einem vereinseigenen Interview mit seinem bisherigen Arbeitgeber: „Entscheidend ist immer das Gespräch miteinander. Darüber finde ich heraus, wer dieser Spieler eigentlich ist. Wie ist sein privates und familiäres Umfeld, welche Interessen hat er, wie sind seine Ansichten zu bestimmten Themen. Man kennt einen Spieler sportlich und fußballerisch, hat jede Menge Bilder und Statistiken, doch es geht auch immer darum, wie ein Spieler in die Gruppe passt und uns durch seine Persönlichkeit helfen kann. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass es gut funktioniert.“

Klausuren statt Kaffee und Königsklasse

Europapokal! Sportdirektor Markus Krösche und Trainer Julian Nagelsmann führen Leipzig 2020 ins Halbfinale der UEFA Champions League.

Hat es. 2020 zogen die Sachsen ins Halbfinale der Königsklasse ein, 2021 wurden sie Vizemeister und standen wie im Vorjahr im DFB-Pokalfinale. Noch als Student „hat es mich manchmal gewurmt, wenn meine Teamkollegen nachmittags Kaffee trinken gegangen sind oder sich zum Champions League schauen verabredet haben. Da habe ich häufig zu Hause gesessen und gelernt“, erinnerte sich der Familienvater vor einigen Jahren.

Die Umstände haben sich bekanntlich dank derlei Weitsicht und Herzblut geändert. Eigenschaften, die der 40-Jährige mindestens in den nächsten vier Jahren bei Eintracht Frankfurt einbringen möchte: „Der Klub ist unter anderem aufgrund seiner Emotionalität eine großartige Adresse im deutschen Fußball. Ich möchte dazu beitragen, dass die aktuelle Erfolgsstory dieses Traditionsvereins auch in der Zukunft weitergeschrieben werden kann.“ Schon jetzt wirkt die Nullnummer anno 2011 wie aus einer anderen Zeit. Für den Klub und erst recht seinen neuen Sportvorstand.

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