01.04.2023
Bundesliga

Mit Wut im Bauch

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache und lassen zwei Blickwinkel zu. Die Gefühlslage nach dem Remis gegen Bochum könnte gemischter nicht sein. Das kann aber auch Kraft geben.

Es war ein Potpourri an Gefühlen, das am späten Freitagabend nach dem Unentschieden gegen den VfL Bochum durch die Katakomben des Deutsche Bank Park waberte. Wut, Frustration und Enttäuschung ob des 1:1-Endstands trotz sehr hohem Aufwand und zahlreicher Einschussmöglichkeiten auf der einen Seite, eine Leistung, die allerdings auch perspektivisch optimistisch und positiv stimmt auf der anderen.

„Fußballerisch“ sei er „sehr zufrieden mit dem Auftritt“, betonte Cheftrainer Oliver Glasner und ergänzte, dass dies „fußballerisch vielleicht die beste Leistung 2023 war“. Sportvorstand Markus Krösche wolle und könne „der Mannschaft von der Leistung her nichts vorwerfen“, es war ein Spiel, in dem die Frankfurter „drückend überlegen“ gewesen seien. „Wir haben genau das umgesetzt, was wir uns vorgenommen haben: mit viel Energie und Power zu starten“, sagte indes Philipp Max, der ebenso wie sein Pendant auf der anderen Außenbahn Aurélio Buta immer und immer wieder Akzente nach vorne setzte. Insgesamt 50 Flanken schlugen die Hessen übrigens gegen Bochum, bei den Gästen wurden derer vier notiert.

Dass die beiden Tore fielen, wie sie letztlich fielen, hätte man vorab erahnen können. Noch auf der Spieltagspressekonferenz hatte Oliver Glasner das mögliche Szenario aus der Spielanlage des VfL umrissen, das letztlich zum ersten Treffer des Abends führte; hinzu kommt, dass Bochum seine letzten vier Bundesligatore alle nach einem ruhenden Ball erzielte – aus dem Spiel heraus trafen die Blau-Weißen zuletzt Anfang Februar 2023. Auch der Strafstoß für die Eintracht bemühte im Nachhinein die Statistiker: Der Klub von der Castroper Straße verschuldete in der Bundesliga in dieser Saison 13 Elfmeter – so viele wie kein anderes Team. Überhaupt verursachte in der Bundesligahistorie nur Hannover in der Spielzeit 1985/86 mehr Strafstöße innerhalb einer kompletten Saison (17) als Bochum in 2022/23.

Geschichte des Spiels: Aufwand und Ertrag

„Es war eines der Spiele, bei denen du am Ende nicht weißt, weshalb du nicht gewonnen hast“, sagte Djibril Sow am EintrachtTV-Mikrofon. Manchmal genügt ein Blick auf die Zahlen, um die Geschichte eines Spiels zu erzählen. 20:7 Torschüsse, 16:5 Versuche innerhalb des Strafraums, 73 Prozent Ballbesitz für die Hausherren, 15:2 Ecken, die Diskrepanz in der Anzahl der Flanken, ein Exptected-Goal-Wert von 3,2 zu 1,11, 116:114,5 Kilometer Laufleistung. Die abgegebenen Schüsse bedeuten eingestellten Rekord für die Hessen in dieser Spielzeit, die sieben Torschüsse von Rafael Borré sind der höchste Saisonwert in der Liga eines Eintrachtspielers in der laufenden Saison. Aber: „Irgendein Bein war immer dazwischen, Bochum hat mit großer Leidenschaft verteidigt“, sagte Glasner.

Aurélio Buta sorgt mit seinen Flankenläufen immer wieder für Gefahr.

„Wir haben einen brutalen Aufwand betrieben“, blickte Kapitän Sebastian Rode auf das 1:1. „Wir sind enttäuscht über das Resultat“, so Glasner; „das Ergebnis ist ärgerlich und stellt uns nicht zufrieden“, sagte Krösche nach 90 Minuten.

90 Minuten, die aber auch zeigten, dass die Eintracht gegen einen tiefstehenden Gegner immer wieder Lösungen fand und sich zahlreiche Möglichkeiten erspielte. Nur der Ball wollte kein zweites Mal über die Linie, wie vernagelt war das Gehäuse von VfL-Keeper Manuel Riemann. „Wir hatten Kombinationen, Torchancen und Torszenen. Unsere Außen waren immer dabei, wir haben die zweiten Bälle geholt, wir hatten eine sehr gute Absicherung und Balance. Ich sehe Vieles, was wieder in die richtige Richtung geht“, sagte Frankfurts Cheftrainer, dessen Gegenüber Thomas Letsch später von einer „bärenstarken“ Eintracht sprach und eingestand, dass Frankfurt seiner Elf „Aufgaben gestellt hat, die wir nicht lösen konnten“. Philipp Max würde „den Hut davor ziehen, was wir nach dem Rückstand über die restlichen Minuten gezeigt haben“.

Torschütze Randal Kolo Muani gemeinsam mit Makoto Hasebe.

Zahl des Spiels: 22

Der verwandelte Elfmeter zum 1:1 war Randal Kolo Muanis 22. Torbeteiligung in der Bundesliga in der aktuellen Saison – zwölf Tore, zehn Assists. In 2023 markierte der Franzose bereits sieben Treffer im deutschen Oberhaus, kein Bundesligaspieler hat mehr. Apropos mehr: Seit detaillierter Datenerfassung 2004/05 gelangen nur zwei Frankfurtern mehr Torbeteiligungen in einer Bundesligarunde als Frankfurts Nummer neun: André Silva 2020/21 (33) und Sébastien Haller 2018/19 (24).

Das Tor aus der 22. Minute ruft zudem zwei weitere bemerkenswerte Erkenntnisse auf den Plan: Zum einen traf die Eintracht in jedem der letzten neun Ligaheimspiele, zudem verbuchte sie in bislang 26 Ligaspielen 25 Treffer in der ersten Halbzeit – lediglich bei den Topteams aus München (48) und Dortmund (29) sind es mehr.

Das schreiben die Medien

  • Hessenschau: „Die Hessen waren über die gesamte Spieldauer die bessere und aktivere Mannschaft, insbesondere Borré und Djibril Sow verdienten sich Fleißkärtchen. Bochum verlegt sich fast ausschließlich aufs Verteidigen, fuhr nur noch sporadisch den ein oder anderen Konter (…).“

  • Kicker: „Auch in der zweiten Hälfte blieb die SGE das spielbestimmende Team, Bochum konzentrierte sich fast ausschließlich aufs Verteidigen. Und das klappte auch ganz gut.“

  • Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Sie haben es von rechts und von links, mit rechts und mit links versucht. Doch der sehnsüchtig erhoffte Siegtreffer wollte der Eintracht einfach nicht gelingen. Am Ende eines dominant geführten Bundesligaspiels mussten sich die Frankfurter Fußballspieler am Freitag unter Flutlicht mit einem 1:1 gegen den VfL Bochum zufrieden geben.“

Das sagt das Netz

  • „Bochum holt einen Punkt und niemand weiß wieso.“ (@xilliman)

  • „Wieder ein n Unentschieden. Was macht man jetzt damit? Langsam werde selbst ich ungeduldig. Es müssen Punkte her, ob schön anzuschauen oder nicht ist zweitrangig. Wie dem auch sei: Weiter, immer weiter! #SGE #SGEBOC“ (@Smo_officiale)

  • „Schwierig. Bochum hat jedesmal die Passwege von außen zugestellt. Anstatt dann durch die Mitte zu gehen und mal von 20 m aufs Tor zu hauen versuchen wir uns durchzukombinieren 👍🏻“ (@phil_8299)

Ausblick: Mit Wut im Bauch

Die Adlerträger blieben im sechsten Bundesligaheimspiel in Folge unbesiegt, es ist die längste Serie unter Oliver Glasner. Darüber hinaus setzte sich die Eintracht in jedem ihrer letzten Partien im DFB-Pokal auf heimischem Rasen durch. Am Dienstag, 4. April, trifft Frankfurt um 18 Uhr im Pokalviertelfinale auf den 1. FC Union Berlin – im Deutsche Bank Park. „Jetzt heißt es: Kopf hoch und weitermachen. Dann werden wir wieder dafür belohnt“, hob Glasner hervor.

„Es ist wichtig, auch mal etwas Wut mitzunehmen“, sagte Sow: „Im mentalen Bereich können wir einen Schritt nach vorne machen.“ Die Frustration und Wut richtig kanalisieren und in positive Energie umwandeln – und mit in das nächste Spiel nehmen. „Wir haben die nötige Qualität, um wieder in den Flow zu kommen“, so Rode.