08.08.2022
Historie

Nicht von dieser Welt

Es war vielleicht das größte Spiel der Vereinsgeschichte: Eintracht gegen Real 1960. Vor der Neuauflage erinnern sich die Spieler Egon Loy, Erwin Stein sowie Journalist Hartmut Scherzer.

Die Eintracht-Legenden blicken auf das legendäre Endspiel der Landesmeister aus der Saison 1959/60 zurück: Real Madrid gegen Eintracht Frankfurt. Damals trafen die Teams zum ersten Mal aufeinander. Ein Duell, das bis heute unvergessen bleibt.

Der 18. Mai 1960. In Berlin steht die Mauer noch nicht, die USA warten auf seinen Präsidenten John F. Kennedy, Liverpool erlebt das erste Konzert der Beatles, und die Eintracht ist noch amtierender Deutscher Meister. Exklusive Videosequenzen zeigen die Abläufe rund um das Endspiel des Pokals der Landesmeister zwischen zwei Teams, zwischen denen Welten liegen. Ein Jahrhundertspiel, das als schönstes 3:7 aus Eintracht-Sicht in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Begleitet werden die Rückblicke von den Eintracht-Legenden, die damals auf dem Platz standen: Egon Loy, Erwin Stein, dessen Frau Renate und Journalist Hartmut Scherzer berichten von dem besonderen Spiel.

Den di Stéfano haben wir immer nur von hinten gesehen.

Erwin Stein

Bis heute gilt das Finale gegen Real Madrid als eines der besondersten Spiele auf Vereinsebene. Der Eintracht brachte es eine ungeheure Popularität, denn sie stand einer seinerzeit Übermannschaft mit Stars wie Santamaria, Gento, di Stéfano und Puskás gegenüber. Sie alle waren Profis, während die Eintracht-Akteure dem Fußball als Freizeitaktivität nachgingen und parallel ihren Beruf weiterführten – unter anderem Richard Kreß in der Drogerie oder Kapitän Alfred Pfaff als Gastronom.

Trotz dieser Umstände startete die Eintracht gut in das Endspiel um den Europapokal. Kurz nach Anpfiff traf Erich Meier die Latte, in der 18. Minute gelang Richard Kreß dann nach Vorlage von Erwin Stein sogar der erste Treffer des Spiels. Die Eintracht führte im Hampden Park in Glasgow vor 127.000 Zuschauern mit 1:0, und Egon Loy bewahrte die Hessen mit mehreren Flugeinlagen vor einem frühen Ausgleich. „Ich dachte mir, ‚Okay, jetzt müsste es eigentlich zu Ende sein‘, aber da war es leider noch zu früh“, erinnert sich der damalige Torhüter. „Und die [Real; Anm. d. Red.] haben uns dann nach Strich und Faden ausgespielt.“ Stein und Kreß hatten noch gute Chancen, auf 2:0 zu erhöhen, doch nach und nach kam Real besser ins Spiel. In der 27. Minute sorgte di Stéfano für den Ausgleich, und zwei Zeigerumdrehungen später folgte die Führung für die Madridistas. Die Hoffnung, mit einem knappen Rückstand in die Halbzeitpause zu ergehen, erfüllte sich nicht. Nach 45 Minuten stand ein 3:1 auf der Anzeigetafel, Torschütze für Real war kurz vor dem Pausenpfiff der legendäre Ferenc Puskás – der schnellste Linksaußen der Welt, wie ihn die Presse damals betitelte. Neben ihm wirbelten weitere Superstars aus Spanien, Argentinien und Ungarn. „Den di Stéfano haben wir immer nur von hinten gesehen“, erzählt Egon Loy. „Das war toll, wie die Jungs gespielt haben. Wenn wir fünf Tore geschossen hätten, dann hätten die noch acht oder neun geschossen.“

Real-Keeper Rogelio Domínguez muss am 18. Mai 1960 drei Mal hinter sich greifen – aufgrund des Sturmlaufs seiner Vorderleute fallen diese aber nicht weiter ins Gewicht.

Mit dem Anpfiff der zweiten Halbzeit versteckte sich die Eintracht nicht, erspielte sich weitere Chancen, doch es sollte nicht zum Treffer kommen. Stattdessen lieferten sich Gento und Lutz in der 56. Minute ein Laufduell, das mit einem Pfiff des Schiedsrichters und dem Fingerzeig auf den Elfmeterpunkt der Eintracht endete. Kontakt – gar keiner. Dementsprechend zeugte es von Größe der Eintracht-Spieler, dass sie kaum protestierten. Den Elfmeter verwandelte Puskás sicher zur 4:1-Führung für Real Madrid. Der Ungar blieb gnadenlos und legte nach, er erzielte auch das 5:1 (60.) und 6:1 (70.). Real Madrid spielte einen Fußball, der nicht von dieser Welt war.

Die Eintracht konnte durch Erwin Stein noch einmal verkürzen, bevor di Stéfano in der 73. Minute den siebten Treffer Reals erzielte. Es war allerdings die Eintracht, die in Person von Erwin Stein das Torfestival abschloss. In der 75. Minute versenkte er den Ball zum zweiten Mal im Netz. Besonders er behält das Endspiel bis heute noch bestens in Erinnerung, denn an dem Tag gelangen ihm zwei Tore und eine Vorlage. Damit machte er sich über Frankfurt hinaus einen Namen. „Auf einmal war der Stein überall bekannt“, berichtet seine Lebensgefährtin Renate Stein. „Das war er vorher nicht so gewohnt.“ Stein selbst erinnert sich vor allem an die besondere Atmosphäre im Stadion. „Das Stadion steht ja mitten in der Stadt“, erklärt er. „Um das Stadion herum sind Häuser, vielleicht zehn Stockwerke hoch. Der Schall vom Stadion geht gegen die Häuser und kommt wieder zurück. Das muss man erlebt haben. Über 100.000, dort hat die Musik gespielt.“

Selbstverständlich waren die Eintracht-Akteure nach dem Spiel enttäuscht, doch sie hinterließen mit ihrem mutigen, offensiven Spielstil einen bleibenden Eindruck. So beeindruckten sie auch bei der Siegerehrung, als sie sich im Spalier aufstellten und dem Sieger Real Madrid per Applaus Anerkennung zollten. Die Fans wussten um ihre Leistung, unter anderem auch Sebastian Rodes Oma. „Sie hat mir schon häufiger erzählt, dass das Spiel hier präsent war und die Massen elektrisiert hat“, sagt er. „Die meisten in Frankfurt haben das vor dem Radio oder dem Fernseher verfolgt.“ Die Bedeutung des Spiels für die Eintracht-Akteure war ebenso wenig zu greifen. Es machte sie zu Helden, zu Legenden, doch die Bescheidenheit verloren sie danach nicht. Sie wurden Freunde fürs Leben, veranstalteten gemeinsame Urlaube, blieben auf ewig verbundene Familien und ebneten den Weg für eine weltoffene Eintracht. 

Unabhängig vom 3:7 erfährt Eintracht Frankfurt nach dem Endspiel hohe Anerkennung.

So wurden die Eintracht-Spieler in Frankfurt auch begeistert von der Masse empfangen, wo sie nach Rückkehr im Konvoi mit Oldtimern und Brauereiwagen über die Friedensbrücke in Richtung Römer tuckerten. Zehntausende begrüßten die Mannschaft, laut Presse war die „Menschenmenge mächtiger als im Meisterjahr.“ Oberbürgermeister Werner Bockelmann fand in seiner Rede ausschließlich lobende Worte für das Team: „Sie haben durch ihre Haltung und ihr Auftreten eine Stadt im Sturm erobert. Sie haben eine völkerversöhnende Aufgabe erfüllt. Und darum gebührt ihnen der Dank der Stadt und seiner Bürger.“ Abgeschlossen wurde der Tag im Zoo-Gesellschaftshaus, wo sich auch die Mainzer Hofsänger versammelt hatten. Diese überreichten der Eintracht einen Erinnerungspokal, der heute im Museum steht.

62 Jahre liegt dieses besondere Duell zurück. Das Spiel prägte den Eintracht-Geist, wie er heute immer noch weiterlebt. Zusammenhalt, Leidenschaft, Teamvertrauen. Der Kommentator im Film fasst es zusammen: „Ein Spieler mit dem Adler auf der Brust glaubt an die Sensation und spielt offensiv, ein Vermächtnis bis heute.“ Umso schöner ist es, dass die Helden von damals heute noch immer im Stadion anzutreffen sind. Loy, Stein, Lutz – sie alle besitzen eine Dauerkarte für die Meisterloge und schauen der Eintracht von der Tribüne aus zu. „Wir sind stolz auf die Eintracht, wie sie jetzt spielt“, kommentiert Hartmut Scherzer, auch nach über 60 Jahren noch Berichterstatter für verschiedene Medien, die gegenwärtige Situation.

Am Mittwoch werden sich die Eintracht und Real Madrid nach 62 Jahren nun zum zweiten Mal in der Geschichte gegenüberstehen werden. „Wir hoffen“, so Coach Oliver Glasner und schmunzelt, „dass wir das Ergebnis von damals umdrehen können.“ Das hoffen die Protagonisten von damals sicherlich auch. Besonders wird der Tag übrigens für Dieter Stinka, ebenfalls auf dem Feld damals. Er wird in Helsinki vor Ort sein und feiert am Spieltag seinen 85. Geburtstag.

18. Mai 1960

Real Madrid – Eintracht 7:3 (3:1)

Loy - Lutz, Höfer - Weilbächer, Eigenbrodt, Stinka - Kreß, Lindner, Stein, Pfaff, Meier.

Trainer: Oßwald

Tore

0:1 Kreß (18.), 1:1 di Stéfano (27.), 2:1 di Stéfano (29.), 3:1 Puskás (45.), 4:1 Puskás (56., Foulefmeter), 5:1 Puskás (60.), 6:1 Puskás (70.), 6:2 Stein (72.), 7:2 di Stéfano (73.), 7:3 Stein (75.).

Schiedsrichter: Mowat (Schottland)

Zuschauer: 127.621 (Hampden Park).

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