14.05.2020
Historie

„Not schweißt zusammen“

Ex-Adlerträger Matthias Dworschak berichtet von seiner Arbeit am Limit in einem Pflegeheim, in dem Mitarbeiter wie Patienten infiziert sind.

Matthias Dworschak ist gut drauf, seine Stimme ist freundlich, er klingt gelöst. „Ja, die Arbeit macht immer noch Spaß. Auch in diesen Zeiten“, sagt der Ex-Profi von Eintracht Frankfurt, der seit sieben Jahren im „Haus am Park“ in Liederbach arbeitet. Das Pflegeheim, dessen Träger die Arbeiterwohlfahrt (AWO) Hessen-Süd ist, meldete Ende April die ersten COVID-19-Fälle, eine Woche später sind sieben Mitarbeiter und 13 Bewohner infiziert. Ein Stockwerk wird seither komplett isoliert, das Betreten ist nur in kompletter Schutzausrüstung mit Kittel, Schuhüberzug, Maske und Handschuhen erlaubt. Dworschak erlebt die Situation im „Haus am Park“ tagtäglich, auch wenn er mit seinem Arbeitsbereich Haustechnik nicht direkt mit den Patienten zu tun hat.

„Das macht natürlich etwas mit einem, diese Situation hier zu erleben. Ich sehe die Pflegekräfte, die teilweise hier schlafen und Zwölf-Stunden-Schichten machen, um die Kontakte so gering wie möglich zu halten. Sie sind der Ansteckungsgefahr jederzeit ausgesetzt, da kann man noch so vorsichtig sein. Das ist Arbeiten am Limit“, sagt der zweifache Familienvater, der freilich hofft, dass „wir alle Infizierten über den Berg kriegen.“ Zugleich betont er: „Die Not schweißt zusammen.“

In Dworschaks Verwandtschaft finden sich Maurer und Schlosser, so sei er einst in diesen Job bei der AWO gerutscht. Handwerkliche und organisatorische Arbeit halten sich für ihn in etwa die Waage. Er wohnt mit seiner Familie in Eddersheim, der sechsjährige Sohn besucht die Eingangsstufe – eine Schulform, bei der die erste Klasse auf zwei Jahre gestreckt ist. „Das Homeschooling ist daher machbar. Aber man muss dranbleiben“, schmunzelt der 46-Jährige, der vor vier Monaten zum zweiten Mal Vater geworden ist.

Ein einziges Mal den linken Fuß benutzt

Seine weiterhin große Verbundenheit zur Eintracht zeigt ein Foto, dass er der Redaktion zukommen lässt. Darauf sind seine beiden Kinder abgebildet, im Eintracht-Trikot und Body. Dazu ein Geburtstagsschreiben von Karl-Heinz Körbel im Namen der Traditionsmannschaft aus dem vergangenen April. Seit rund zehn Jahren ist Dworschak dort dabei – und damit in etwa so lange wie bei seiner ersten Eintracht-Zeit. 1988 kam er in die Eintracht-Jugend und spielte später zunächst bei den Amateuren unter Trainern wie Bernhard Lippert und Rudi Bommer. 1995 bis 1997 absolvierte er 22 Pflichtspiele für die Adlerträger. Zwei Partien vor rund einem Vierteljahrhundert sind ihm freilich in besonderer Erinnerung. Sein einziges Bundesligator gelingt Dworschak im Mai 1996 in Düsseldorf. Die Eintracht ist schon abgestiegen, als der von Dragoslav Stepanovic in der Halbzeit eingewechselte Dworschak auf 1:2 verkürzt. „Das war in meiner ganzen Karriere das einzige Mal, dass ich meinen linken Fuß genutzt habe“, schmunzelt Dworschak. Die Partie endet 2:2. Besser lief es wenige Monate zuvor gegen den FC Bayern München. „Dieses 4:1 war sicherlich mein Highlight mit der Eintracht“, sagt er über den deutlichen Sieg gegen den damaligen Tabellenführer. Die Eintracht stand seinerzeit auf Rang 15 und brachte den Erfolg sogar in Unterzahl über die Zeit. Dworschak stand volle 90 Minuten auf dem Platz.

Trainer der Eintracht damals: Karl-Heinz Körbel. Der 65-Jährige hegt und pflegt den Zusammenhalt der Traditionsmannschaft, in der auch Dworschak regelmäßig kickt. „Die Truppe hat sich super entwickelt, es macht sehr viel Spaß. An Einsatz und Moral auf dem Platz hapert es nie, aber natürlich haben wir auch neben dem Rasen viel Spaß miteinander“, erzählt er. „Ich vermisse es total, dass wir aktuell keine Spiele absolvieren können“.

Ebenso wenig im Einsatz ist der SV Niederseelbach. Beim stark abstiegsbedrohten Kreisoberligisten aus dem Rheingau-Taunus-Kreis hat er im Winter die sportliche Leitung übernommen, um seinen ehemaligen Spieler Kevin Detloff zu unterstützen. Der frühere Mainzer Jugendspieler kickte unter Dworschak bei dessen Heimatverein FC Eddersheim, eine der Trainerstationen des früheren Adlerträgers nach seiner aktiven Karriere. „Familie und Beruf stehen im Vordergrund. Daher bin ich im Moment nicht scharf drauf, einen Trainerjob zu übernehmen“, sagt Dworschak, der bis zum Herbst den Gruppenligisten SKV Büttelborn coachte.

In naher Zukunft ist für ihn ohnehin erstmal wichtig, „dass wir die Krise gut überstehen.“ Adi Dworschak weiß, wovon er spricht. Denn nach dem Telefonat mit der Eintracht-Redaktion wird er wieder seiner Arbeit nachgehen – an einem Ort, an dem das Coronavirus ständiger Begleiter ist.