Ein Zusammenschnitt seiner wichtigsten und schönsten Tore für Eintracht Frankfurt würden es auch in jeden Saisonrückblick der Eintracht zwischen 1990 und 1994 schaffen. Wie er im knallgelben Dress, vorne prangt der Tetra-Pak-Schriftzug darauf, das Leder in die Maschen hämmert; die besten Keeper jener Zeit wie Oliver Kahn und Co. hatten keine Abwehrchance; sein Bein im Strafraum war immer schneller als die Beine der Gegenspieler. Anthony Yeboah, einer der erfolgreichsten Torschützen der Eintracht-Historie und heutiger Botschafter, feiert an diesem Samstag seinen 60. Geburtstag.
Fast die Eintracht aus der Bundesliga geschossen
Yeboah hat die Eintracht geprägt und hatte schon Einfluss, da hat er noch gar nicht am Main gespielt. Das Hinspiel in der Relegation um den letzten Bundesligaplatz 1989 gewinnt die Eintracht gegen den 1. FC Saarbrücken mit 2:0, beim Gegner fällt ein 23-jähriger Ghanaer auf. Yeboahs Aktionen werden von Affenlauten begleitet, darüber haben Augen- und Ohrenzeugen wie Gegenspieler Karl-Heinz Körbel oder Fan Henni Nachtsheim am EintrachtTV-Mikro gesprochen. Der Stürmer hebt sich die Tore fürs Rückspiel auf, trifft gegen Uli Stein doppelt. Frank Schulz‘ zwischenzeitlicher Ausgleich sorgt dafür, dass die Eintracht die Klasse hält. Und direkt an Yeboah baggert.
Körbel berichtet Jahre später: „Ich habe zu unseren Verantwortlichen gesagt, dass wir Tony verpflichten müssen.“ Manager Klaus Gerster startet die Verhandlungen sozusagen an Ort und Stelle, spricht nach dem Spiel mit Yeboah. Dieser muss noch seinen Vertrag erfüllen, kommt dann 1990 nach Frankfurt. Er bleibt bis Januar 1995 und wird bis dahin 89 Tore in 156 Spielen schießen.
Zwei Mal wird er Torschützenkönig, 1993 und 1994; ein Mal, obwohl er lange verletzt war. Bevor dies passierte, hatte der damalige Trainer Klaus Toppmöller noch den legendären „Bye-Bye-Bayern“-Spruch losgelassen. Wer weiß, wie die Saison mit einem durchweg fitten Yeboah ausgegangen wäre. Oder, wenn er 1992 in Rostock getroffen hätte. Selbstkritisch sagte er einst: „Meine Leistung [in diesem Spiel; Anm. d. Red.] war nicht so, wie sie hätte sein können.“
Oft war die Darbietung so, wie sie sein sollte – und wofür ihn die Fans, nicht nur zu seiner Zeit in Frankfurt, liebten. Yeboah ist Symbolfigur des Fußball 2000, Körbel sagt dazu: „Durch Uwe Bein und Tony gab es eine neue Ära.“ Körbel selbst hatte es in den Relegationsspielen gespürt: „Er hatte Waden wie Beton. Du konntest ihn treten, wie du wolltest – er hat gar nicht reagiert.“ Bein war es dann, der seine tödlichen Pässe unter anderem Yeboah servierte. Der Ghanaer wurde 1994 der erste afrikanische Kapitän in der Bundesliga. Er wurde überall geliebt – aber nirgends so innig wie in Frankfurt.
Auch Schattenseiten in Yeboahs Leben
Diese Liebe gibt Yeboah noch heute zurück. „Wenn ich in Frankfurt bin, fühle ich mich immer zu Hause. Hier habe ich mein Leben begonnen“, sagte er im Interview für „Stimmen der Eintracht“, in dem er im ersten 2024 erschienenen Teil auch über die Schattenseiten seines Lebens spricht. Wie er in einer armen Familie in Ghana aufgewachsen ist. Wie seine Eltern sich mühten, mit den insgesamt acht Kindern über die Runden zu kommen. Wie er jahrelang barfuß Fußball spielte. Wie er sich sagte, um seiner Familie zu helfen: „Dafür werde ich sterben.“ Wie er rassistisch beleidigt wurde und es im Stadion hingenommen hat; Randbemerkung: daraus ist mit „Anthony Sabini“ einer der berühmtesten Sketche des hessischen Comedy-Duos Knebel/Nachtsheim von Badesalz entstanden. Wie er von der Eintracht suspendiert wurde, die berühmte Geschichte um den damaligen Trainer Jupp Heynckes und die ebenso ausgebooteten Mitspieler Maurizio Gaudino und Jay-Jay Okocha. „Er ist mein Bruder, ein unglaublicher Mensch“, sagte Okocha kürzlich in einem Interview mit der Eintracht.
In Ghana hat Anthony Yeboah vor vielen Jahren ein Hotel gegründet, es heißt „Yegola“. Es ist eine „Verbindung aus meinem Namen und meinen Toren. Ein bekannter ghanaischer Kommentator hat diesen Begriff geprägt. Immer wenn ich in der Bundesliga getroffen habe, hat er ins Mikro gerufen: ‚Yeeegoooooooola‘. Jeder in Ghana nennt mich Yegola“, erklärt Yeboah. Jeder in Ghana kennt auch Tore von Anthony Yeboah. Und seinen Lebensweg aus der Armut hin zum Fußballprofi, der nach der Eintracht-Zeit auch noch unter anderem in Leeds und beim HSV spielte. Vielleicht, weil er diese Einstellung oder Fähigkeit hatte: „Wenn ich Fußball gespielt habe, habe ich den Hunger vergessen. Ob ich wollte oder nicht: Ich musste meiner Familie helfen, für sie kämpfen. Das war meine Bestimmung, meine Vision.“
„Ruhiges Leben“ in Ghana
Sie hat dazu geführt, dass er heute in Ghana „ein ruhiges Leben lebt“, wie er sagt. Der Kontakt zur Eintracht ist nie abgebrochen. „Rainer Falkenhain war in der Geschäftsstelle, als ich meinen ersten Vertrag in Frankfurt unterschrieben habe. Er wurde mein Freund. Die enge Beziehung besteht bis heute“, sagt er beispielsweise über das Verhältnis zum langjährigen Leiter der Lizenzspielerabteilung. Mit Karl-Heinz Körbel ist er ebenso freundschaftlich verbunden, Yeboah lief vor einigen Jahren auch mal in der Traditionsmannschaft auf. Rund 33 Jahre, nachdem der am 6. Juni 1966 geborene Yeboah erstmals mit der Eintracht in Kontakt kam. Funfact, um das Zahlenspiel weiterzudrehen: 99 Tore in 227 Partien gelingen ihm in Bundesliga und Relegation zusammengenommen, seine Quote in internationalen Begegnungen (35 Spiele, 20 Tore) und im DFB-Pokal (25/13) ist noch besser.
Zahlenspiele Ende, am heutigen Samstag steht die 60 im Vordergrund. Eintracht Frankfurt wünscht alles Gute, Tony!

