04.05.2023
DFB-Pokal

Reisegruppe Drama

Kamada und Ndicka antworten auf ihre Weise, Hasebe will kein Vorlagengeber sein, landet dennoch in den Geschichtsbüchern, und Frankfurt möchte nach dem Finaleinzug nach Europa – am liebsten über die Bundesliga.

Die letzte Grätsche des Mittwochabends gebührte Oliver Glasner. Auch wenn der Cheftrainer nicht auf dem Hosenboden rutschte, sondern stilecht auf der Brust: die grünen Rasenspuren auf dem Final-Shirt waren nicht zu übersehen. „Unsere Fans haben ‚Eintracht vom Main‘ gesungen. Das habe ich nochmal aufgesaugt nach den schweren Wochen. Dann musste auch der Diver nochmal sein“, erklärte der Österreicher nach dem dramatischen 3:2-Sieg im DFB-Pokalhalbfinale beim VfB Stuttgart. Es war der emotionale Abschluss eines vorläufigen Happy End, das Sebastian Rode wie folgt zu erklären versuchte: „Scheinbar sind wir in den Nächten mit Flutlicht hellwach und mit unseren Fans bereit, diese Siege zu feiern.“

In den Augen des Kapitäns zeige das die „Stärke der Mannschaft, in ganz wichtigen Spielen zu 100 Prozent“ da zu sein, „auch wenn es davor nicht gelaufen ist“. Nicht weiter ging es auch für den 32-Jährigen nach der Pause. „Der Oberschenkel hat zugemacht. Man muss auch mal wissen, wann man sich auswechseln lassen muss“, meinte der Spielführer mit einem Augenzwinkern, nachdem er noch am Samstag gegen Augsburg 90 Minuten im roten Bereich absolviert und die Folgenacht mit Krämpfen zu kämpfen hatte.

Geschichte des Spiels: Torschützen lassen Kritik verstummen

Brachten mit ihren Toren die Eintracht auf die Finalstraße: Evan Ndicka und Daichi Kamada.

Rode war nicht der einzige Akteur, dessen physische Grenzen in dieser Woche im Ungefähren blieben. „Evan Ndicka war drei Wochen raus und hat drei Trainingseinheiten absolviert. Er hat gesagt, er sei bereit. Dann habe ich gesagt: Okay, du spielst. Bei Seppl wusste ich, er war am Anschlag, bei Makoto war nicht sicher, ob er durchspielen kann“, dröselte Glasner hinterher einige Fragezeichen auf, auf welche die Adlerträger nur eine Antwort kannten: gewinnen und weiterkommen!

„Eines weiß ich immer: dass die Mannschaft bis zum Schluss alles für den Erfolg gibt. Das gibt mir ein wahnsinniges Vertrauen in sie. Dieses Urvertrauen habe ich in den zwei Jahren in die Spieler absolut aufgebaut“, bekräftigte Glasner seine in Bad Cannstatt gefestigte Überzeugung.

Ganz offiziell: Daichi Kamada ist Man of the Match.

Fest machte nicht nur der Fußballlehrer das symbolhaft an Daichi Kamada und Evan Ndicka. „Uns wurde angedichtet, die beiden wären mit den Gedanken nicht mehr da – die beiden schießen das 1:1 und 2:1. Ich denke, jeder hat gesehen – dafür lege ich wieder mal meine Hand ins Feuer – dass, selbst wenn nicht alles gelingt, jeder von der ersten bis zur letzten Sekunde alles für die Eintracht gibt. Anders wäre es nicht möglich, in zwei Jahren in zwei Finals zu stehen.“

Dem pflichtete Markus Krösche bei. „Dass sich die zwei mit anderen Themen beschäftigen würden, haben sie eindrucksvoll widerlegt“, bekundete der Sportvorstand bei EintrachtTV, um gleichzeitig das Kollektiv zu loben: „Die erste Halbzeit war keine Topleistung, aber in der zweiten Halbzeit haben die Jungs eine sehr gute Reaktion gezeigt und die Bereitschaft bewiesen, auch wenn es schwierig ist, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen.“

Zahl des Spiels: 39 Jahre, 105 Tage

Wie eben Kamada, der erst nach zielstrebigem Solo die Partie drehte und den Elfmetertreffer von Randal Kolo Muani mit einem beherzten Gegenstoß einleitete. „Das war ein ganz anderes Gesicht“, meinte Djibril Sow angesprochen auf die gesamte Leistung und bezog sich im selben Atemzug auf seinen Mittelfeldkollegen: „Das Tor von Daichi: Anstatt rauszuspielen, macht er das Dribbling und trifft!“

Fünf klärende Aktionen, die meisten aller Akteure in Stuttgart: Makoto Hasebe.

Weshalb selbst Makoto Hasebe hinterher fast darauf beharrte, dass ihm das vorhergegangene Zuspiel nicht als Assist angerechnet würde. Die Datenhüter sahen es anders, weshalb der Japaner mit 39 Jahren und 105 Tagen zum ältesten Vorlagengeber in der Geschichte des DFB-Pokals avancierte und Oliver Neuville ablöste, der 2010 37 Jahre und 104 Tage alt war.

Auch in diesem Fall ließen die Verantwortlichen nichts unversucht. „Ich habe Daichi am Tag davor nochmal all seine Tore aus dem Herbst gezeigt und gesagt: Du schießt alles zwischen 14 und 18 Metern – schieß!“, verriet Glasner hinterher.

Nachricht von Kostic

Einmal das Nähkästchen geöffnet, berichtete der Fußballlehrer „von mehreren 100 WhatsApp-Nachrichten“, die ihn nach dem vierten DFB-Pokalfinaleinzug der Eintracht innerhalb der vergangenen sieben Jahre erreichten. Beantwortet habe er zunächst erst eine: „Filip Kostic hat mir einen Screenshot von mir während des Elfers geschickt“, bezog sich Glasner darauf, während des Strafstoßes mit dem Rücken zum Feld gestanden zu haben. Die Replik: „Bei dir habe ich immer hingesehen, weil bei dir war ich mir sicher.“

Ausblick: „Können in der Liga noch viel erreichen“

Sicher ist sich derweil Kevin Trapp in einer Sache: „Wir werden eine sehr gute Stimmung im Verein haben und haben vier schöne Wochen vor uns – und vier wichtige Spiele in der Liga!“ Das Brot- und Buttergeschäft möchten die Hessen trotz oder gerade wegen der neun sieglosen Ligabegegnungen in Serie nicht vernachlässigen.

„Wir möchten in der Bundesliga die letzten vier Spiele gewinnen. Das ist extrem wichtig für den Endspurt. Der Abstand ist zwar größer geworden, aber es ist weiter alles möglich“, hat Sportvorstand Krösche die Europapokalränge längst nicht aus den Augen verloren. Auch Trapp weiß: „Wir können in der Liga noch viel erreichen. Es wird zwar schwierig, aber ich habe im Fußball schon viel erlebt.“

Glasner beschwört unbeirrt von personellen Fragezeichen: „Wir werden topfit nach Hoffenheim fahren und alles für den Sieg geben.“ Wer könnte Erlebnis und Ergebnis besser vereinen als die Reisegruppe Drama.