15.01.2026
Eintracht

Andree Wiedener: „Das wird kein 0:0“

Bundesligaduell zwischen seinen Ex-Vereinen und als Trainer mit der Tradi am Sonntag in München gefordert: Im Gespräch mit Andree Wiedener vor einem ganz besonderen Wochenende.

Im Profifußball hat Andree Wiedener für genau zwei Vereine gespielt: SV Werder Bremen, zu dem er als 17-Jähriger gewechselt war – und Eintracht Frankfurt. 86 Pflichtspiele absolvierte der gebürtige Niedersachse als Adlerträger, stieg zweimal auf und zwischenzeitlich einmal ab. Seitdem ist Wiedener im Rhein-Main-Gebiet und bei der Eintracht verwurzelt. Seit dem Start der offiziellen Traditionsmannschaft im Jahr 2007 ist er regelmäßig dabei; zunächst als Spieler, mittlerweile gemeinsam mit UEFA-Pokalsieger Wolfgang Trapp als Trainer. 

Vor dem Spiel seiner beiden Herzensvereine spricht  Wiedener über außergewöhnliche Erlebnisse mit beiden Klubs abseits der großen Titel und Aufstiege, warum er das Bundesligaspiel am Freitagabend mit gemischten Gefühlen verfolgt und wie die Traditionsmannschaft die Teilnahme beim Legends Cup angeht. Das Turnier mit sechs top besetzten Traditionsmannschaften lockt am Sonntagnachmittag fast 10.000 Zuschauer in den SAP Garden nach München.

Andree, am Wochenende steht mit unserer Tradi der Legends Cup in München und das Duell deiner Ex-Vereine in der Bundesliga an. Mit einem Augenzwinkern, auf was freust Du Dich mehr?
Natürlich auf den Legends Cup mit der Tradi, weil ich selber Einfluss nehmen kann (lacht).

Absolut verständlich. Aber der Reihe nach: Freitagabend trifft der SV Werder Bremen auf Eintracht Frankfurt. Wie hat Dir die Eintracht gefallen in den ersten beiden Spielen nach der Winterpause?
Die Partie gegen Dortmund habe ich live gesehen. Sie war meiner Meinung nach nicht so überragend, wie es an manchen Stellen dargestellt wurde. Aber die zweite Halbzeit war super von beiden Seiten. Natürlich ist es immer ärgerlich, wenn du diese Spiele nach Führung nicht nach Hause bringst und es nicht schaffst, den Vorsprung zu verwalten. Dann strotzen die Spieler auch nicht vor Selbstvertrauen und dann passiert das gegen Stuttgart nochmal. Dieses Selbstvertrauen und Selbstverständnis musst du dir wieder erarbeiten. Im Moment machen wir im Kollektiv zu viele Fehler, das war vergangene Saison etwas anders. Das ist aus meiner Erfahrung aber ganz normal: Wenn du solche knappen Spiele dann mal wieder über die Zeit bringst, steigt dann Selbstvertrauen, du gehst mit einem anderen Gefühl ins nächste Spiel und dein Kopf weiß, dass du Spiele gewinnen kannst. Dann spielst du auch wieder besseren Fußball. Da müssen wir wieder hinkommen. 

Wir können das, weil wir gut besetzt sind, das Potenzial da ist und wir junge Spieler haben. Aber aktuell sind wir nicht bei 100 Prozent.

Andree Wiedener

Wie gelingt uns das?
Durch Siege, die dann auch mal vielleicht nicht gut aussehen, aber auch drei Punkte bringen. Wir können das, weil wir gut besetzt sind, das Potenzial da ist und wir junge Spieler haben. Aber aktuell sind wir nicht bei 100 Prozent. Wenn das wieder kommt, dann haben wir gute Chancen, oben mitzuspielen. Wenn das Team funktioniert, dann minimieren sich die Fehler und du gewinnst Spiele. Man muss aber auch noch eins sagen …

Das wäre?
Wir haben gegen Dortmund und Stuttgart gespielt, das sind aktuell Spitzenmannschaften. Der BVB ist unter Niko Kovac wieder stabiler geworden. Dem VfB muss man hohen Respekt zollen, was sie aufgebaut haben. Das hätte ich vor der Saison nicht erwartet, dass sie so weit oben dabei sind. 

Wie siehst Du die Situation in Bremen?
In Bremen geht der Blick nach unten. Es müssen Punkte her, der Abstand zu den Abstiegsrängen ist gering, fünf Punkte ist nichts. Deswegen müssen sie punkten. Daher tut mir das Duell morgen Abend auch mehr weh als das Hinrundenspiel. Beide Mannschaften haben eine schwierige Situation und dürfen sich nichts mehr erlauben, das war vor dem ersten Spieltag natürlich anders. Ich bin auf jeden Fall genauso wie bei der Eintracht in Bremen mit Herzblut dabei, fast schon zu extrem. Wenn die Mannschaft in Rückstand gerät, will ich manchmal am liebsten den Fernseher abschalten. 

Andree Wiedener (3.v.r.) im Kreise der Traditionsmannschaft, hier im vergangenen September in Neukirchen im Rahmen von "Eintracht in der Region".

Du lebst jetzt seit vielen Jahren in der Region, bist auch durch die Traditionsmannschaft nah an der Eintracht dran. Bist Du gelegentlich im Stadion?
Ein ganz besonderes Spiel im Jahr ist natürlich Pflicht (lacht). Mit der Firma oder der Familie gehe ich dazu gelegentlich hin. Es ist nicht so einfach, an Karten zu kommen. Da sieht man die Entwicklung, die der Verein in den vergangenen Jahren genommen hat. Ich muss aber auch sagen, dass ich seit einigen Jahren wieder sehr gerne die Spiele im Radio höre. Die Bundesliga-Konferenz samstags macht großen Spaß. 

Mit der Eintracht bist Du zweimal in die Bundesliga aufgestiegen, hast hier aber auch schwierige Zeiten erlebt. Wie sind deine Erinnerungen an deine aktive Zeit hier, was waren die besonderen Spiele für Dich?
Es war ein Auf und Ab. In meinem ersten Jahr gab es fast den Lizenzentzug, kurzfristig haben wir uns gerettet. Es wird oft vergessen, an welchem Abgrund wir waren, um dann ein Jahr später aufzusteigen, als wäre nichts gewesen. Von den Zuschauern bin ich nicht immer sehr wohlwollend behandelt worden, weil natürlich ganz andere Erwartungen da waren. Der Wendepunkt war für mich im Frühjahr 2005 in Cottbus, als ich an der Außenlinie einen Ball ergrätscht habe direkt vor unseren Fans. Da haben alle gejubelt und das war der Punkt, als meine Art zu spielen akzeptiert wurde. Weil du nach den besonderen Spielen fragst: Das ist dann eins gewesen, was mir besonders in Erinnerung bleibt. So konnte ich meinen Teil beitragen zum Aufstieg 2005. In Bremen erging es mir übrigens ähnlich. 

Andree Wiedener vor der Aufstiegssaison 2002/03.

Erzähl bitte.
Natürlich hatten wir Erfolg, haben Titel gewonnen. Aber für mich war eine Szene im Abstiegskampf 1999 wichtig, als ich gegen Schalke an der Außenlinie im Vollsprint einen Ball ergrätscht habe und die Leute aufgesprungen sind. Wir haben 1:0 gewonnen, ansonsten wären wir tot gewesen. Das sind besondere Momente, die sind im Kopf.

Eine Sache müssen wir an dieser Stelle zur Eintracht-Zeit noch klären: In der Saison 2002/03 hast Du ab dem 21. Spieltag jedes Spiel absolviert, hast dann aber das verrückte, entscheidende Spiel um den Aufstieg gegen Reutlingen nur von der Bank aus gesehen. Was war los?
Willi Reimann hatte sich für Henning Bürger entschieden. Das war’s. Wir haben oft auch zusammen gespielt, aber gegen Reutlingen saß ich nur auf der Bank und habe natürlich mit mehr als einem Auge auf das Spiel in Braunschweig geschaut [wo Konkurrent Mainz spielte; Anm. d. Red.]. Ob ich spiele oder nicht, war aber gar nicht so entscheidend. Die Hauptsache war der Aufstieg.

Bei Werder hast Du schon in der Jugend gespielt, bist dann zweimal DFB-Pokalsieger und einmal Meister geworden, hast über 300 Spiele bestritten für die Amateure und Profis zusammen. Wie sind deine Verbindungen heute noch nach Bremen?
Sehr gut, die Kontakte sind immer noch da und es gibt nach wie vor viele Leute im Verein, die ich noch aus meiner aktiven Zeit kenne. Trotz des Wachstums ist es schön zu sehen, dass Kontinuität da ist. Wie bei uns zum Beispiel mit Philipp Reschke, der schon zu meiner aktiven Zeit da war. Auch bei der Arbeit der Traditionsmannschaft sind Parallelen zur Eintracht zu erkennen.

Inwiefern?
Eintracht und Werder leben die Tradition weiter, das ist enorm wichtig. Ende November war ich bei der Weihnachtsfeier der Werder Legenden dabei, es war schön. Auch dort geht es ständig vorwärts. Du musst den Menschen etwas bieten, musst präsent sein, dich vermarkten, den Bekanntheitsgrad steigern. Das können nicht alles nur die Profis leisten. Früher konntest du als Profi mal feiern und keiner hats mitbekommen. Heute weiß jeder schon wo du hingehst, bevor du überhaupt da bist. 

Die Entwicklung bei unserer Tradi bekommst Du hautnah mit. Was zeichnet unsere Truppe aus?
Leider kann ich nicht mehr mitspielen, vielleicht habe ich zu viel gegrätscht früher (lacht). Die Muskulatur macht Probleme. Ich bin dankbar, dass Charly [Karl-Heinz Körbel; Anm. d. Red.] mir die Chance gegeben hat, weiterhin dabei zu sein, als Trainer. Charly hat das Teamgefüge im Blick, dass die Leute menschlich passen. Alle kommen mit Freude hin, jeder hat Spaß. Wir sind eine coole Truppe und lachen viel. Natürlich sind wir auf dem Platz immer noch Profis, meckern, motzen, sind auch mal sauer, haben aber immer Freude am Spiel und wollen gewinnen. Das, was hier aufgebaut wurde, auch mit „Eintracht in der Region“, ist unfassbar. Wir spielen vor 1600 Zuschauern im Schnitt, in der Spitze auch mal über 3000. Und das, obwohl manche Jüngere uns nicht mal kennen. Wir müssen die Tradition leben und nicht nur von reden. Genau das lebt Charly vor. Er ist das Aushängeschild des Vereins, die absolute Ikone. Dass die Eintracht heute dort ist, wo sie ist, hat sie zum großen Teil Karl-Heinz Körbel zu verdanken. 

Am Sonntag steht der Legends Cup in München an, ein absolutes Highlight mit Mannschaften wie den Bayern, Juve und Real. Auf was freust Du Dich besonders?
Es wird wahrscheinlich ausverkauft sein, das ist gigantisch. Alleine diese Stimmung, darauf freue ich mich. Das wird ein tolles Turnier. Man trifft ehemalige Mitspieler und Gegenspieler, ich freue mich zum Beispiel unglaublich auf Oka [Nikolov; Anm. d. Red.]. Er ist sehr flink und wird ein großer Rückhalt unseres Teams sein.

Ihr habt früher schon in der Halle zusammengespielt, im Archiv findet sich beispielsweise ein gemeinsamer Turniersieg 2006 in Köln.
Ich habe früher sehr gerne in der Halle gespielt. Ich war klein, wendig, bissig. Die Atmosphäre war immer super, du bist nah an den Fans. Du bist mit vielen Menschen in Kontakt, weil du Zeit hattest, nicht wie bei einem Bundesligaspiel. Abends bei der Players Night, das hat immer Spass gemacht. Darauf freuen wir uns auch jetzt. 

Wir haben eine richtig gute Mannschaft, eine gute Mischung von allen Spielertypen.

Andree Wiedener über den Kader beim Legends Cup

Wie schätzt Du unseren Kader ein?
Wir haben eine richtig gute Mannschaft, eine gute Mischung von allen Spielertypen. Ich bin gespannt auf das spielerische Niveau und wie wir durchkommen, du musst auch Glück haben. Wir wollen alle Spaß haben, aber auch erfolgreich sein. Aber nicht mehr mit allen Mitteln, alle müssen am nächsten Tag wieder arbeiten. 

Abschließend nochmal der Blick auf Freitag. Was für ein Spiel erwartest Du und wie geht’s aus?
Ich vermute, dass beide Mannschaften erstmal schauen, dass sie keinen Gegentreffer bekommen. Beide haben Probleme mit zu vielen Gegentoren. Aber es wird kein 0:0, dafür sind beide offensiv gut genug, auch wenn Werder hier in letzter Zeit zu harmlos war. Ich hoffe auf ein Remis, aber ich weiß natürlich, dass das beiden nicht weiterhilft.