Egon, die Meisterschaft ist 60 Jahre her. Es gibt zwar Videomaterial, aber nur die Wenigsten werden eine Vorstellung vom Fußball 1959 haben. Wie können sie unsere Leser das Spiel von damals vorstellen?
Der Fußball hat sich natürlich wesentlich verändert, vor allen Dingen taktisch und physisch. Wir spielten damals noch im normalen WM-System, welches dem heutigen 4-3-3 ähnelte. Es gab wenig Variation, das ist heute viel anders. Das Equipment und die Beschaffenheit der Plätze sind wesentlich besser geworden.
Wie kamst du zur Eintracht?
Ich wechselte im Juli 1954 nach der WM von Schwalbach nach Frankfurt. Davor hatte ich in der Bayernliga gespielt. Mein damaliger Trainer riet mir, in die Oberliga zu wechseln. Ich habe mich dann für die Eintracht entschieden. Das war, wie sich im Nachhinein herausgestellt hat, genau die richtige Entscheidung.
Wie waren die ersten beiden Jahre für dich?
Mein erstes Punktspiel für die Eintracht war in Offenbach in der Saison 1954/55. Wir haben mit 1:2 verloren. Das erste Spiel der darauffolgenden Saison war wieder gegen die Kickers. Wir gewannen 1:0, aber ich habe mich schwer verletzt. Ich hatte eine Knieverletzung, musste operiert werden und lange aussetzen.
In der Saison 1957/58 hast du alle Partien bestritten und warst auch in der Meistersaison nach überstandener Verletzung der große Rückhalt, die Eintracht verlor nur das erste Spiel nach deiner Rückkehr. Der Titel ist bis heute die einzige Meisterschaft, die die Eintracht gewonnen hat. Erfüllt dich das heute noch mit besonderem Stolz?
Ja, natürlich bin ich stolz. Aber auf der anderen Seite wäre es noch schöner gewesen, wenn wir in der Folgezeit weitere Meisterschaften hätten feiern könnten. Die Gelegenheiten waren da, wurden aber nicht genutzt. Vielleicht gibt es nochmal eine Chance.
An was erinnerst du dich gerne, abseits vom Fußball, wenn du an die Zeit bei der Eintracht zurückdenkst?
Das sind vor allen Dingen die vielen Reisen. Wir sind schon 1959 in Russland gewesen. Wir haben eigentlich die ganze Welt bereist und waren sehr unternehmungslustig, haben ganz viele tolle Erfahrungen gesammelt. Also nicht nur im Fußball, sondern auch Erfahrungen, die uns im Leben weitergebracht haben. Viele Bekanntschaften und Freundschaften sind da entstanden. Richard Kreß zum Beispiel hat jahrelang danach Freunde aus Südafrika gehabt. Das waren schon ganz tolle Erlebnisse. Ich habe ein ganz besonderes Erlebnis im Urlaub in Florida gehabt. Da waren wir am Pool und es ist über Zuschauerzahlen gesprochen worden, da haben alle gesagt: „So und so viele kommen zu den Eishockey-Spielen und zu den Baseball-Spielen“. Und einer sagte, er wäre mal in Schottland gewesen, bei einem Fußballspiel. Da habe ich gesagt: „Waren da so 128.000 Zuschauer gewesen?“ Er antwortete: „Ja, woher weißt Du das?‘ „Ja, ich habe mitgespielt!“ Da meinte er: „You’re making jokes!“ Er konnte das nicht glauben. Im nächsten Jahr haben wir uns im Urlaub verabredet, ich habe einige Sachen mitgebracht wie die Mannschaftsaufstellung und Tickets. Da war er ganz begeistert und musste es seinen Freunden erzählen, dass er jemanden kennt, der im Endspiel in Glasgow auf dem Feld stand.
Wirst du noch häufig von Fans erkannt und angesprochen?
Ja, natürlich. Wir dürfen noch heute viele Autogramme geben. Ab und zu werden wir auch angesprochen, auch auf die Eintracht. Die aktuelle Euphorie ist einmalig.
Was war der Höhepunkt zu deiner Zeit bei Eintracht Frankfurt?
Das war natürlich die Deutsche Meisterschaft, das war das Highlight. Zumal wir vorher auch Süddeutscher Meister geworden waren. Anschließend folgten die sechs Endrundenspiele und das Finale. Wir haben also insgesamt 37 Spiele bestritten – obwohl wir keine Berufs-, sondern Vertragsspieler waren. Wir haben alle noch einen Job gehabt. Wir waren sozusagen Feierabendfußballer. Sich am Ende Deutscher Meister nennen zu dürfen, war ein Highlight für jeden Spieler.
Wie ist heute deine Beziehung zur Eintracht? Wie verfolgst du heute die Spiele?
Also für den Verein gibt es nur Lob. Wir werden sehr gut betreut und bedient, wir haben eine Dauerehrenkarte und eine eigene Loge. Ich glaube, es ist nicht in vielen Vereinen der Fall, dass so viel Wert auf Tradition gelegt wird.
Hast du noch Kontakt zu deinen damaligen Mitspielern?
Ja, natürlich. Leider sind wir 60 Jahre später nicht mehr vollzählig. Das tut uns natürlich sehr leid, aber wir sind noch zu siebt und an und für sich alle gut beieinander. Wir freuen uns bei jedem Heimspiel, beisammen zu sein. Auch die Frauen und Witwen der verstorbenen Spieler sind in unserem Kreis immer sehr gerne gesehen. Ein großes Dankeschön an den Verein!
Kennst du die Fans, die mit ihrer Fahne an die 1958/59 erinnern?
Ja, wir konnten die Fahnenträger beim letzten Heimspiel ausfindig machen und haben die Jungs kennengelernt. Das zu sehen ist auch für uns einmalig, dass unter diesen vielen Fahnen eben auch die Tradition mit dieser 59er-Fahne aufrecht gehalten wird.


