27.05.2021
Eintracht

Achterbahnfahrt der Gefühle

Nach einem Jahr Abstinenz hat sich die Eintracht wieder für die UEFA Europa League qualifiziert. Zeit, noch einmal die entscheidenden Momente der Saison Revue passieren zu lassen.

Der Auftakt in die Saison 2020/21 verläuft verheißungsvoll: In der ersten Runde des DFB-Pokals setzt sich die Eintracht mit 2:1 bei Drittligist 1860 München durch, aus den ersten drei Bundesligaspielen gegen Bielefeld (1:1), bei Hertha BSC (3:1) und gegen die TSG Hoffenheim (2:1) holen die Hessen sieben Punkte. Der Heimsieg gegen die Sinsheimer vor 8000 Zuschauern soll aber nicht nur das letzte Saisonspiel mit Fans im Stadion sein, sondern auch der vorerst letzte Dreier in der Liga. Es folgt die längste Sieglosserie der Adler in der Bundesliga seit 2017, beginnend mit dem 1:1 beim 1. FC Köln kann die SGE neun Spiele in Folge nicht dreifach punkten. Allerdings verlieren die Hessen dabei nur die beiden Partien in München (0:5) und in Wolfsburg (1:2), die anderen sieben enden unentschieden.

Nach der enttäuschenden Last-Minute-Niederlage bei den Grün-Weißen scheint die Eintracht im Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach lange auf der Siegerstraße, ehe es nach einer zwischenzeitlichen 3:1-Führung am Ende 3:3 heißt. Nach zwölf Spieltagen stehen acht Unentschieden zu Buche, nur der 1. FC Köln spielte in der Saison 1991/92 bis zum gleichen Zeitpunkt zehnmal und damit häufiger remis. „Die Leistung der gesamten Mannschaft stimmt mich optimistisch, dass wir bald wieder gewinnen werden, auch wenn es nach neun Spielen ohne Sieg natürlich Zeit wird, dass wir uns belohnen. Mir macht es Spaß, zu sehen, wie alle kämpfen, eine kompakte Einheit bilden und Mentalität zeigen“, zeigt sich Chefcoach Adi Hütter im Anschluss an die Gladbach-Partie trotz der zwei Gegentore in den Schlussminuten optimistisch.

Wendepunkt Augsburg

Der Sieg in Augsburg sollte die Wende in der Saison der Eintracht einläuten.

Das Vertrauen des Trainers in die Mannschaft zahlt sich aus. Zum Abschluss des Jahres 2020 platzt der Knoten beim 2:0-Erfolg in Augsburg. Beim ersten Sieg seit dem dritten Spieltag halten die Hessen zugleich erstmals in der Saison die Null. „Das ist ein absoluter Befreiungsschlag für uns, nachdem wir in den vergangenen Wochen nicht immer vom Glück verfolgt waren. Wir haben immer daran geglaubt, dass wir den Bock umstoßen“, resümiert Hütter nach dem wichtigen Sieg.

So erfolgreich, wie sich die Eintracht in die kurze Weihnachtspause verabschiedet, startet auch das neue Jahr: Nach dem 2:1-Auftaktsieg gegen Bayer 04 Leverkusen gelingt der SGE mit dem ersten Bundesligasieg in Mainz (2:0) Historisches. Gebremst wird die Euphorie vom Ausscheiden im DFB-Pokal, in der zweiten Runde müssen sich die Adlerträger nur wenige Tage nach dem Bundesligaduell mit 1:4 in Leverkusen geschlagen geben.

Würdiger Abschied für den Capitano

Die enttäuschende Pokalniederlage kann die Eintracht schnell abhaken, fünf Tage später steht bereits die nächste Ligapartie auf dem Programm. Während Kapitän David Abraham sein Team im Heimspiel gegen den FC Schalke 04 zum 120. und letzten Mal als Kapitän auf den Platz führt (178 Spiele insgesamt für die Eintracht), feiert Luka Jovic sein drehbuchreifes Comeback als Adlerträger.

Freunde wieder vereint: Filip Kostic und Luka Jovic.

Bei seiner Einwechslung nach knapp einer Stunde steht es 1:1. Der Serbe braucht nur zehn Minuten, um auf 2:1 zu erhöhen. In der Nachspielzeit gelingt dem Leihspieler von Real Madrid noch ein weiterer Treffer zum 3:1-Endstand. „Dass er zwei solch schöne Tore erzielt, spricht für seine Klasse und ist nicht immer zu erklären. Filip hat die Verpflichtung Auftrieb gegeben, beide sind dicke Buddys. Ich bin froh, dass er die beiden Treffer vorbereitet hat“, freut sich der Coach nicht nur über den erfolgreichen Einstand des Stürmers zurück an alter Wirkungsstätte, sondern auch für dessen zweimaligen Vorlagengeber Filip Kostic. Für die Flankenmaschine Kostic ist es übrigens der Startschuss zu einem bislang furiosen Jahr 2021, er hatte vor dem Schalke-Spiel erst einen Scorerpunkt auf der Habenseite. Am Saisonende sind es 14. 

Neben der Freude über den vierten Ligasieg in Serie gegen Schalke und dem Sonderlob für die zwei Matchwinner kommt aber vor allem eines nicht zu kurz: Warme Worte zum Abschied von David Abraham. Ein Kämpfer und Leader, der sowohl auf als auch neben dem Platz geschätzt wird. „Ich weiß noch, dass es kritische Stimmen gab, als ich David aus Hoffenheim geholt habe, weil er dort ein bisschen angeschlagen war. Wie er hier gereift ist und sich als Spieler entwickelt hat, ist unglaublich. Wir werden ihn auf dem Platz und in der Kabine sehr vermissen“, weiß Sportdirektor Bruno Hübner. Und der gelobte Argentinier resümiert: „Eine lange Reise geht zu Ende. Ich bin froh, dass ich meine Karriere hier beenden durfte, wo ich viel bekommen und viel gegeben habe. Die Eintracht war meine schönste Station. Ich hätte mich liebend gerne vor den Fans verabschiedet. Das werde ich nachholen. Ich bedanke mich bei allen Fans und allen Vereinen für das Vertrauen und die Unterstützung.“

Der Capitano David Abraham wird nach seinem letzten Spiel für die Eintracht von den Teamkameraden gefeiert.

Serien und Rekorde

Nach dem emotionalen Abschied von David Abraham wird die Siegesserie der Eintracht in der Liga von einem 2:2-Auswärtsremis in Freiburg kurz unterbrochen, ehe die anschließenden fünf Partien in Bielefeld (5:1), gegen Hertha BSC (3:1), bei der TSG Hoffenheim (3:1), gegen den 1. FC Köln (2:0) und gegen den FC Bayern München (2:1) allesamt gewonnen werden. Durch die Serie von zehn ungeschlagenen Spielen in Folge, aus denen die Hessen 28 von 30 Punkten holen, klettert die SGE Woche für Woche in der Tabelle. Vor der Partie in Augsburg rangiert die Eintracht noch auf Platz zehn, nach dem Erfolg gegen den Rekordmeister steht mit Rang drei zwischenzeitlich die beste Saisonplatzierung. Gegen die Münchner treffen die Adler zudem im elften aufeinanderfolgenden Spiel mindestens doppelt und stellen damit den Vereinsrekord aus dem Jahr 1977 ein. Apropos Rekord: In der Spielzeit 2020/21 profitiert die Eintracht insgesamt sechsmal von Eigentoren der Gegner – so oft wie keine Mannschaft zuvor in der Bundesligahistorie. Im Saisonverlauf können die Adler 69 Treffer bejubeln, nur die Bayern und der BVB sind erfolgreicher. Mehr als 69 Tore erzielte die SGE in der Bundesliga letztmals in der Saison 1991/92 (76 Tore bei 38 Spielen), insgesamt ist es die siebtbeste Trefferquote der Vereinsgeschichte.

Offensive Spitzenleistungen

Mit seinen 28 Saisontreffern übertraf André Silva sogar den Rekord von Eintracht-Legende Bernd Hölzenbein.

Einen großen Anteil an der erfolgreichen Torausbeute hat André Silva. Der Portugiese stellt in dieser Spielzeit mit 28 Toren einen neuen Vereinsrekord auf, mit 16 Rückrundentoren in 16 Spielen weist der Stürmer zudem eine herausragende Quote in der zweiten Halbserie auf. Silva erzielt 2020/21 nicht nur viele, sondern auch wichtige Tore, ganze achtmal schießt der Stürmer seine Eintracht mit 1:0 in Führung. Insgesamt acht Treffer des Portugiesen bereitet Flankenkönig Filip Kostic vor, der in der Offensive ebenso wie Daichi Kamada (zwölf Assists) glänzt. 

Sonderlob für alle Adlerträger

Die drei Offensivakteure sind nicht die einzigen Adlerträger, die in dieser Saison für Furore sorgen. Während die Erfolgserlebnisse und die starken Leistungen über weite Strecken vordergründig an der Qualität und dem Teamgeist der gesamten Mannschaft festzumachen sind, bleibt immer wieder Zeit, um einige Spieler besonders hervorzuheben. In jeder Partie sticht ein anderer Adlerträger heraus: Youngster Tuta tritt in die großen Fußstapfen von David Abraham und spielt eine starke Premierensaison, Rückkehrer Luka Jovic ist direkt zur Stelle, Djibril Sow läuft als Taktgeber im Mittelfeld zu Höchstleistungen auf und Stefan Ilsanker vertritt den zeitweise verletzten Martin Hinteregger zuverlässig mit seiner Zweikampfstärke. In der Offensive schießen sich neben André Silva, Filip Kostic und Daichi Kamada auch Aymen Barkok und Ajdin Hrustic mindestens einmal in den Fokus. Auch für Neuzugang Amin Younes findet Coach Hütter beispielsweise nach dem 2:1-Erfolg gegen die Bayern nur lobende Worte: „Ich kann mich nicht erinnern, einen Spieler mit dieser Qualität jemals trainiert zu haben. Er hat eine unglaubliche Technik und Energie, ist ein toller Mensch und geiler Kicker.“ Der Offensivallrounder hat in seiner ersten Saison in Frankfurt zwar immer wieder mit kleineren Verletzungen zu kämpfen, zeigt bei seinen Einsätzen aber stets, über welche Qualitäten er verfügt.

Doch auch über das sportliche hinaus zeigt Younes Vorbildcharakter, als er nach seinem Traumtor gegen den FC Bayern sein Aufwärm-Trikot anlässlich der Aktion #SayTheirNames in Gedenken an die Opfer von Hanau in die Höhe streckt. 

Big Points im März und im April

Die beeindruckende Serie von zehn ungeschlagenen Partien in der Bundesliga findet am 23. Spieltag ihr Ende, als die Eintracht in Bremen mit 1:2 verliert. Es folgen zwei 1:1-Unentschieden gegen den VfB Stuttgart und in Leipzig, ehe die Adler mit Union Berlin (5:2), Borussia Dortmund (2:1) und dem VfL Wolfsburg (4:3) drei direkte Konkurrenten um die internationalen Plätze schlagen und im vorher so gefürchteten April wichtige Siege landen.

André Silva köpft zum entscheidenden 2:1 gegen Borussia Dortmund ein.

„Es ist schön, am Ende des Tages als Sieger im eigenen Stadion vom Platz zu gehen. Das Spiel hätte ein ausverkauftes Haus verdient gehabt. Ich glaube, die Jungs sind platt, weil sie viel investiert haben. Wir mussten an unsere Grenzen gehen und das Spiel in dieser Form annehmen“, resümiert Adi Hütter etwa nach dem Sieg gegen die Niedersachsen.

Schwierige Schlussphase

Die erreichten Grenzen sind eine Woche später zu spüren, als sich die Eintracht auswärts Mönchengladbach mit 0:4 geschlagen geben muss. Der anschließende 2:0-Heimerfolg gegen Augsburg bringt die vorher gewünschte Reaktion, einzig gegen die Fuggerstädter bleibt die Eintracht damit ohne Gegentor in dieser Saison. Es folgen eine 1:3-Niederlage in Leverkusen, ein 1:1 gegen Mainz und ein 3:4 auf Schalke. Nach der Niederlage in Gelsenkirchen sitzt „der Stachel tief“, wie Adi Hütter im Anschluss an die Partie erklärt. Trotzdem haken die Adlerträger das Spiel gegen Schalke schnell ab und verabschieden sich mit einem Heimsieg gegen den SC Freiburg nach einer turbulenten Saison in die wohlverdiente Sommerpause. Durch das 3:1 bleiben die Adler zum dritten Mal in ihrer Bundesligageschichte im eigenen Stadion eine gesamte Spielzeit ohne Niederlage (zehn Siege, sieben Remis). Zuvor gelang dies nur 1971/72 und 1973/74. Einzig der FC Bayern (43) sammelt im heimischen Stadion in dieser Saison mehr Zähler als die Eintracht (37). Saisonübergreifend ist die SGE sogar seit dem 6. Juni 2020 zu Hause ungeschlagen, damals verloren die Hessen mit 0:2 gegen Mainz. Eine Serie, die die Eintracht in der kommenden Saison zu gerne fortsetzen möchte.

Fazit: Turbulente Rekordsaison

Die Spieler sowie das Trainerteam und der Staff von Eintracht blicken auf eine Spielzeit mit 60 Punkten und 69 Toren zurück.

Unter dem Strich steht nach einer abwechslungsreichen und turbulenten Spielzeit die beste Bundesligaplatzierung seit 1993/94. Damals schloss die Eintracht die Saison ebenfalls als Tabellenfünfter ab. Zudem darf die SGE in der kommenden Spielzeit wieder in der UEFA Europa League für Furore sorgen, dann hoffentlich auch wieder gemeinsam mit den Fans. „Wir brauchen Zuschauer! Davon lebt der gesamte Wettbewerb. Europa League ohne Zuschauer kann ich mir nicht vorstellen“, findet Vorstandssprecher Axel Hellmann. Die erreichten 60 Punkte bedeuten zugleich die drittbeste Ausbeute der Bundesligahistorie der Hessen, nur 1991/92 (68 Punkte, 20 Teams in der Bundesliga) und 1974/75 (61) waren es umgerechnet auf die Drei-Punkte-Wertung mehr. Hellmann resümiert: „Es gibt sicher eine Menge Betrachtungsweisen, aber wir möchten im großen Bild bleiben, nicht zu kleinteilig werden und uns auf die Fakten konzentrieren: Wir haben 60 Punkte geholt, uns frühzeitig für die Europa League qualifiziert, sind ohne Heimniederlage geblieben und haben mit André Silva einen neuen Rekordtorschützen. Deshalb bleibt festzuhalten: Eintracht Frankfurt hat eine herausragende Saison gespielt.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

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