20.05.2020
Historie

„Mit der heutigen Medizin…“

Einen Tag vor dem sich zum 40. Mal jährenden UEFA-Pokaltriumph 1980 spricht der wohl tragischste aller damaligen Helden über früher und heute: Jürgen Grabowski.

Hat die Hand schon kurz nach dem Schlusspfiff am UEFA-Pokal: Der seinerzeit verletzte Jürgen Grabowski (l.), hier mit Bernd Hölzenbein und Bruno Pezzey (v. l.).

Jürgen Grabowski war Eintracht-Kapitän in der Saison 1979/80. Doch sein letztes Pflichtspiel – letztlich seiner Karriere – bestritt er im März 1980. Heute spricht Grabowski über das Foul von Lothar Matthäus, den Fußball in den 1960er und 1970 Jahren, die Entwicklung der Fanszene und Fahrten zur Dialyse.

Ganz Frankfurt hatte sich riesig gefreut, als die Eintracht 1980 den UEFA-Pokal gewann. Nur du konntest dich nicht so richtig freuen. Weshalb eigentlich?
Ich war zwar der Kapitän dieser tollen Mannschaft, aber ich konnte nicht mitspielen, weil ich verletzt war. Am 15. März 1980 bestritt ich mein letztes Pflichtspiel für die Eintracht.

Damals gab es gegen Borussia Mönchengladbach eine Szene, über die du dich noch heute aufregen kannst.
Ja, Lothar Matthäus hat mich an der Seitenlinie gefoult. Ich erlitt eine Fußprellung, von der ich mich nicht mehr erholte. Es war zwar kein Bruch, aber die Bänder hatten sich im Mittelfußbereich verschoben. Unser damaliger Mannschaftsarzt Georg Degenhardt schickte mir zwar täglich eine Physiotherapeutin nach Hause. Aber auch sie bekam mich bis zum Finale nicht fit. Vermutlich wäre das mit der heutigen modernen Medizin möglich, damals aber leider nicht.

Wie lange hattest du gebraucht, um wieder schmerzfrei zu sein?
Bei meinem Abschiedsspiel im Dezember 1980 musste ich massenhaft Voltaren einwerfen. Erst im Juli 1981 bei der Traditionsmannschaft von Uwe Seeler ging es wieder. Also hat es länger als ein Jahr gedauert.

Was passiert, wenn du heute auf Lothar Matthäus triffst?
Nichts, denn als Mensch hat er keine gute Figur abgegeben. Klar, so ein Foul kann im Fußball immer mal passieren. Aber dann ist es doch das Normalste auf der Welt, dass der junge Matthäus den alten Grabowski anruft und ihm sagt, dass es ihm leidtut. Aber das passierte nie. Er hat mir sogar vorgeworfen, ich hätte meine Karriere nur beendet, weil ich als Sportinvalide von der Versicherung noch mal richtig abkassieren wollte. Das hatte mich am meisten geärgert. Dabei hatte ich die Versicherung nie in Anspruch genommen. Ich hatte sowieso nach der Saison aufhören wollen und gesagt, da kann ich doch jetzt nicht die Versicherung in Anspruch nehmen. Da habe ich auf viel Geld verzichtet.

Das erste Training 1965 verpasst

Ein bitteres Ende einer großen Karriere also?
Ja, das kann man so sagen. Zuvor hatte ich Glück gehabt, ohne große Verletzungen durchgekommen zu sein. Klar, da hatte man mal zwei Wochen einen Gips. Aber Kreuzbandrisse gab es damals ja noch nicht. Oder sie sind zumindest nicht als solche erkannt worden.

Wie war das, als du 1965 zur Eintracht gekommen bist?
Da ging gleich einiges schief. Das erste Training habe ich verpasst, weil ich das richtige Stadion nicht gefunden habe. Ich kannte Frankfurt kaum, irrte mit dem Auto irgendwo am Oberforsthaus rum, weil ich dachte, ich muss ins Waldstadion. Dabei hätte ich an den Riederwald gemusst. Aber den zu finden war noch schwerer. Ich hatte nicht mal einen Straßenatlas, ein Navi gab es ja noch nicht. Und so fuhr ich heim, musste anrufen und die Sache erklären.

Was dir aber anscheinend niemand übel genommen hat...
Nein, ich bin in eine bomben Mannschaft reingekommen. Loy, Lutz, Lindner, Landerer, Huberts, Solz – alles ganz große Namen. Ich habe bis 1980 441 Spiele absolviert, bin nie ausgewechselt worden. Da kann man schon stolz drauf sein.

Du bist ja sowohl als Rechtsaußen als auch als Zehner eingesetzt worden. Siehst du dich mehr als Außenstürmer oder als Regisseur?
Wir haben damals einen anderen Fußball gespielt. Der Rückpass zum Verteidiger oder gar zum Torwart war verpönt, wir wollten alle gleich nach vorne spielen. Unter Trainer Elek Schwartz haben wir im 4-2-4-System gespielt, da war Rechtsaußen für mich in Ordnung. Wichtig war für mich, dass ich möglichst bei jedem Angriff den Ball bekam. Dribbling, Doppelpass, das waren unsere Waffen. Und mit Bernd Hölzenbein sowie Bernd Nickel hatte ich großartige Partner. Im Mittelfeld konnte ich meine Stärken besser ausspielen als auf der rechten Seite.

Karl-Heinz Körbel hat dich einmal als den größten Künstler bezeichnet, der je das Eintracht-Trikot übergezogen hat. Siehst du das auch so?
Das geht einem natürlich runter wie Öl. Aber es war schon eine Herausforderung, so lange bei einem Verein zu bleiben. Jeder kennt deine Stärken, aber jeder kennt auch deine Schwächen. Auf dem Feld hatte ich es nicht einfach, hatte in fast jeder Partie einen Sonderbewacher dabei, der 90 Minuten lang einen halben oder ganzen Meter hinter mir herlief und von dem es auch häufig auf die Hölzer gab. Wenn ich heute die Eintracht sehe, frage ich mich, wie Filip Kostic gegen einen solchen Sonderbewacher aussehen würde. Er ist für mich der beste Bundesligapieler und ich bin froh, dass er noch hier spielt.

Angenommen, du könntest die Zeitmaschine drehen: Würdest du heute gerne spielen?
Natürlich! Abgesehen vom Geld, das heute verdient wird, sind die Rahmenbedingungen doch sensationell. Ja, auch wir hatten tolle Fans. Aber wenn wir 45 Minuten Mist gespielt haben, sind wir zur Pause lautstark ausgepfiffen worden. Das passiert heute doch fast nie. Heute sind die Fans wirklich der zwölfte Mann, der hinter der Mannschaft steht. Oder denken wir an unseren Arbeitsplatz, den Rasen. Bei uns war das häufig ein Stoppelacker, jetzt wird er quasi mit dem Nagelscherchen gepflegt. Ein moderner Mannschaftsbus ist ausgestattet wie ein Gefährt aus dem Weltraum. Klar, wir hatten eine tolle Zeit. Aber wenn man die heutigen Summen hört, da wird einem schon schwarz vor Augen. Das alles ist doch kaum noch zu toppen. Höchstens mit goldenen Wasserhähnen in den Umkleidekabinen.

Wie geht es dir inzwischen gesundheitlich?
Seit etwa vier Jahren weiß ich, dass ich Nierenprobleme habe. Es ist nicht schön, wenn man zusehen muss, dass die Werte immer schlechter werden, dass ich irgendwann ein Dialysepatient sein werde. Inzwischen habe ich das Stadium erreicht, muss dreimal pro Woche ins Krankenhaus. Zunächst habe ich mich nach jeder Blutwäsche richtig elend gefühlt. Aber das ist besser geworden, ich wollte eigentlich im April wieder ins Stadion, weil mir der Fußball sehr fehlt.

Und dann kam Corona...
Ja, natürlich habe ich etwas Angst vor der Geschichte. Ich gehöre der Risikogruppe an. Wir müssen uns hilflos überraschen lassen, wie es mit Corona weitergeht. Ich hätte nie gedacht, dass es so etwas noch einmal geben würde – eine Krankheit, gegen die es noch keine Spritzen, Tabletten oder Therapien gibt.

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