04.10.2021
Bundesliga

Paukenschlag statt Stimmungsdämpfer

Frankfurt feiert den ersten Ligasieg ausgerechnet, als die wenigsten damit rechnen. Die Freude kennt keine Grenzen, doch blenden lässt sich am Main niemand.

Einordnung des Spiels: Gegen jede Wahrscheinlichkeit

Das Sportjahr 2000: Am 7. Oktober trifft Dietmar Hamann als letzter Deutscher im alten Wembley-Stadion vor dessen Abriss, am 8. Oktober wird Michael Schumacher zum ersten Mal Formel-1-Weltmeister im Ferrari-Stall. Und am 18. November gewinnt Eintracht Frankfurt beim FC Bayern München 2:1. Auswärts das letzte Mal für über zwei Dekaden. Bis zum gestrigen Sonntag. Damals wie heute nach Rückstand.

Dass die gesamte Gästebank nach dem Schlusspfiff in der Allianz Arena überfallartig auf den Rasen stürzte, wie es letztmals nach dem DFB-Pokalsieg 2018 der Fall gewesen war, hatte natürlich mit dem durchaus historisch angehauchten Streich zu tun. Und freilich mit der Tatsache, dass Heimniederlagen beim Rekordmeister gefühlt qua Vereinssatzung verboten sind: 30 Bundesligabegegnungen vor heimischer Kulisse nicht mehr verloren, nach eigener Führung gar seit März 2010 nicht mehr.

Nicht zuletzt war der einträchtige Freudentaumel aber auch dem Umstand geschuldet, dass es sich am siebten Spieltag um den ersten Saisonsieg in der deutschen Beletage handelte. Was genauso zur Wahrheit gehört, wie die Feststellung von Oliver Glasner: „Wir können diesen Erfolg sehr gut einordnen. Die Jungs haben es überragend gemacht, aber es gibt noch viel zu tun.“

Oder wie FCB-Coach Julian Nagelsmann angesprochen auf die statistisch in jeder Hinsicht überlegenen Hausherren, die knapp 73 Prozent Ballbesitz und 20:5 Torschüsse verbuchten, meinte, dass es ihm völlig egal sei, ob das Ergebnis verdient sei oder nicht.

Schlagzeilen des Spiels

So oder so kaum verwunderlich, dass im Blätterwald wahlweise von der „Sensation in Fröttmaning“ (Frankfurter Rundschau) oder „Eintrachts Wunder-Sieg in München“ (BILD) die Rede war. Die F.A.Z. sah gar „Ein historisches Werk“. Und dann war da natürlich noch der für Martin Hinteregger „ganz klar Mann des Spiels“. Oder wie es die FR ausdrückte: „Der Teufelskerl in grün“. Kevin Trapp, den nicht nur der kicker in die Elf des Spieltags wählte.

Mann des Spiels

Das Fachblatt kürte den Keeper gar zum Mann des Spieltags. Vor allem in der ersten halben Stunde, aber auch nach dem Seitenwechsel hielt der Torwart nahezu alles, was auf sein Gehäuse einprasselte. Sei es gegen Weltfußballer Robert Lewandowski oder auch mal den eigenen Mann, als Kristijan Jakics Klärungsversuch beinahe im eigenen Kasten eingeschlagen wäre. Oder ums kurz zu machen: Zehn Paraden sind eingestellter persönlicher Bundesligarekord.

Erhält Sonderlob von allen Seiten: Kevin Trapp.

Der Auftritt des Rückhalts im Anschluss geriet gleichermaßen sinnbildlich für den während den 90 Minuten. Gefragt, ob dies die beste Leistung seiner Karriere gewesen sei, musste der 31-Jährige angesichts elf Profijahren erstmal in sich gehen. „Es war sicher eines meiner besten Spiele“, kam der Routinier um diese realistische Selbsteinschätzung nicht herum, hob aber im selben Atemzug hervor: „Umso schöner ist es, wenn das mit einem Sieg belohnt wird. Die gesamte Mannschaft hat super verteidigt.“ Passend zum 3. Oktober – als Einheit. An die Gesamtlaufleistung von 121,57 Kilometern kam kein anderes Team am Wochenende heran.

Umso wichtiger war Trapp daher im Augenblick des Triumphs: „Wir dürfen feiern, aber in zwei Wochen nach der Länderspielpause ist das nächste Spiel. Wenn wir dann nicht die Dinge auf den Platz bringen, die uns stark machen, ist dieser Sieg nicht mehr so viel wert.“

Zielspieler des Spiels

Linker Fixstern: Filip Kostic.

Mehr als eine Erwähnung wert ist nicht zuletzt wegen seines goldenen Treffers Filip Kostic. Bemerkenswert war nämlich auch aus taktischer Sicht die Rollenverteilung in München. Die in München angewandte 3-4-3-Anordnung brachte grundsätzlich zwei Besonderheiten mit sich. Zum einen besetzte Glasner die Außenbahnen mit „zwei gelernten Außenverteidigern, um die Flügel zu kontrollieren“, wie der Fußballlehrer im Nachgang erklärte. „Wir wollten Kompaktheit mit einem Fünferblock.“ Was in der ersten Halbzeit aufgrund der nach dem Geschmack des Österreichers teilweise zu offensiven Interpretation nicht aufging, „haben wir dann nach und nach besser in den Griff bekommen.“

Rafael Santos Borré rieb sich in der Defensivarbeit auf.

Zum anderen – und damit zurück zu Kostic – fungierten der Serbe und Jesper Lindström als Halbstürmer hinter der einzigen Sturmspitze Rafael Santos Borré. Jedenfalls auf dem Papier. Denn bei Betrachtung der realttaktischen Aufstellung bewegten sich Kostic und Lindström im Schnitt sogar höher als der Kolumbianer, der gerade gegen den Ball das Zentrum vor Kristijan Jakic und Djibril Sow verdichtete, während seine Angriffspartner bei Ballgewinnen regelmäßig den Weg in die Tiefe suchten. Kostic erwies sich somit gewissermaßen als verkappter Zielspieler.

Perspektivwechsel des Spiels

Weil der Plan schließlich mehr als aufging, blickt die Eintracht vor der Länderspielpause nun nach zwischenzeitlich sechs Remis in Serie und zunächst acht Spielen ohne Sieg plötzlich auf acht Begegnungen ohne Niederlage zurück. Für Glasner einerlei, der einerseits seinen großen Respekt vor dem Kraftakt seiner Truppe kundtat, andererseits aber auch aufzeigte: „Wir hatten einen fantastischen Torhüter und Pfostenglück vor der Pause. Wir haben selber noch viel zu tun, etwa was das Ausspielen unserer Offensivsituationen angeht. Wir genießen den Moment.“

Ausblick: Regeneration und Länderspiele

Allzu lange wird dieser Zustand zwangsläufig nicht anhalten. 13 Adlerträger begeben sich auf Länderspielreise, eine Handvoll ist verletzt oder angeschlagen. Für die verbliebenen Akteure steht am Montag Regeneration an. Am Dienstag steigt das erste Mannschaftstraining der Woche, am Mittwoch wartet eine Doppelschicht, am Donnerstag die letzte Einheit der Woche. Von Freitag bis Sonntag erhalten alle, die können, frei. Auch dieses Entgegenkommen wird der Stimmung sicher keinen Abbruch tun.

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