29.11.2020
Bundesliga

Sechserpack

Das halbe Dutzend war am Samstagnachmittag in vielerlei Hinsicht Programm. Das neunte Saisonspiel in sechs Punkten.

1. Wie gewonnen, so zerronnen

Es ist zwar nicht überliefert, ob sich Tobias Reichel dieser besonderen Konstellation bewusst gewesen ist. Eine bemerkenswerte Randnotiz war es dennoch, dass der 35 Jahre junge Schiedsrichter bei seinem Bundesligadebüt die Begegnung des im Durchschnitt ältesten Kaders gegen den Verein, der an sechs vorangegangenen Spieltagen die älteste Anfangsformation gestellt hatte, leitete. Gleichwohl war von Gemächlichkeit am Samstag an der Alten Försterei keine Spur, weder beim im Schnitt 27-jährigen Union-Aufgebot (Startelf 27,8 Jahre), noch bei der mit 27,9 Jahren im Vergleich zu den Vorwochen (bis zu 29,6 Jahre) deutlich verjüngten Eintracht. Sechs Tore, sechs Gelbe Karten, derer vier zwischen der 57. und 62. Minute, ein Strafstoß, Siegchancen auf beiden Seiten bis zum Schluss. Kaum verwunderlich, dass Adi Hütter befand: „Schade, dass so ein interessantes und packendes Spiel ohne Zuschauer stattgefunden hat.“ Auch FCU-Coach Urs Fischer vermutete: „Die TV-Zuseher hatten sicherlich ihren Spaß.“ Am Ende konnte zwar keine Seite so wirklich mit der Punkteteilung leben, dennoch beteuerten die Trainerkollegen später an den Mikrofonen, dass das „Glas halbvoll“ sei.

Mister Zuverlässig: Kapitän David Abraham.

Die grundsätzliche Zuversicht bei Hütter spiegelte sich nicht weniger auf dem Spielberichtsbogen wider, auf welchem außer dem wegen COVID-19 in häuslicher Quarantäne befindlichen Aymen Barkok das identische Personal vom 1:1 gegen Leipzig stand. Mit Kevin Trapp, Martin Hinteregger, Djibril Sow, Erik Durm, Filip Kostic, Daichi Kamada, Bas Dost und André Silva fanden sich gar acht Akteure auf dem Platz wieder, die bereits beim 2:1-Sieg in Köpenick 2019 gestartet waren. Sie alle sollten das Vertrauen über weite Strecken ebenso rechtfertigen wie die neuen Abwehrkräfte David Abraham, Evan Ndicka und Stefan Ilsanker.

2. Dominante Defensivzentrale

Ob die vier Paraden von Trapp, die Passquote von Abraham (89,6 Prozent), die 67 erfolgreichen Pässe von Hinteregger, den Topspeed von Ndicka (33,69 Stundenkilometer) oder die Zweikampfquote von Stefan Ilsanker (83,3 Prozent, davon alle vier in der Luft gewonnen) – das Frankfurter Defensivzentrum entschied alle individuellen Spitzenwerte für sich. Wären da nicht „die ersten fünf Minuten“ gewesen, für Schlussmann Trapp „das Schlimmste, was passieren konnte.“ Der Torhüter sprach sich in Bezug auf das 0:1 nach zwei Minuten ebenso wenig von Schuld frei wie Hinteregger mit Blick auf das 0:2: „Bei der Elfmeterszene muss ich mich cleverer anstellen. Ich habe gewusst, dass Awoniyi den Haken macht, aber trotzdem falsch agiert.“

3. Der K-Faktor

Der Strafstoß in der sechsten Minute war für Max Kruse Formsache, der somit 17 seiner 18 Bundesligaelfer verwandelt hat; in der Vorwoche gegen Köln zudem einen im Nachschuss. Dem Spielmacher der Eisernen sollte schließlich auch das letzte Wort gehören. Ausgerechnet, nachdem die Hessen noch vor der Pause ausgleichen und in der Schlussviertelstunde das Spiel drehen konnten, setzte der 32-Jährige zum von Hütter betitelten „1000-Gulden-Schuss“ an, was nicht nur den 3:3-Endstand bedeutete, sondern seine Gegenspieler vor eine innerliche Zerreißprobe stellte. Bas Dost, drei Minuten zuvor noch umjubelter Schütze zum 3:2, meinte hinterher schulterzuckend über seinen ehemaligen Kollegen vom VfL Wolfsburg: „Ich habe noch mit ihm zusammengespielt. Max Kruse kann einfach gut schießen.“ Am prägnantesten formulierte es wohl Ilsanker: „Beim 3:3 kann man nur Beifall klatschen. Max ist ein ganz großer Spieler, ich bin ein Fan von ihm. Sch…, dass er seine Klasse heute gezeigt hat.“ Und nicht nur dem Abräumer damit sein 100. Bundesligaspiel einigermaßen verhagelt hat.

Ihren Wert untermauerten auf der Gegenseite ebenso zwei Adlerträger mit „K“ auf dem Rücken: Daichi Kamada und Filip Kostic lieferten jeweils drei Torschussvorlagen, die Hälfte vom Erfolg gekrönt. Sei es nach der Freistoßflanke des Serben vor dem 2:2 durch Silva oder durch die zwei zentimetergenauen Pässe des Japaners für Silva und Dost, die beide bereits in der Vorsaison gegen den FCU getroffen hatten. Kamada servierte sich mit seinen Vorlagen fünf und sechs damit nicht nur an die Assist-Spitze der deutschen Beletage, sondern riss mit zwölf Kilometern zugleich die größte Laufstrecke ab.

4. Zeichen der Zeit

Die sechs Vorlagen von Daichi Kamada sind Bundesligaspitze.

Auf Kamadas Quote kommt vorbehaltlich der Sonntagsspiele übrigens einzig noch Robert Lewandowski, dem wiederum Goalgetter Silva auf den Fersen ist. Seit dem Restart traf nur Europas Fußballer des Jahres häufiger (21) als der bei nun sieben Saisontoren stehende Portugiese (15 seit Ende Mai). Letztmals doppelt netzte der mit fünf Abschlüssen gewohnt schussfreudige Silva ebenfalls in der Hauptstadt, am 13. Juni beim 4:1 gegen Hertha BSC. Überhaupt bewiesen die an der Alten Försterei weiter ungeschlagenen Hessen, sich speziell in Köpenick sichtlich wohlzufühlen. Vier Siegen stehen zwei Remis gegenüber, wenngleich die Gäste den zwölften Punkt im neunten Spiel genauso gemischt zur Kenntnis nahmen wie derlei Statistiken: Nach Rückstand holte Frankfurt 2020/21 bereits vier Unentschieden und einen Dreier, was ebenso Ligaspitze ist wie die nun sechs Unentschieden. Oder um es mit Dost auf einen Nenner zu bringen: „Wir haben in dieser Saison nur ein Spiel verloren, aber leider auch nur zwei gewonnen.“

5. Historische Schnittmengen

Zwei historische Siege hatten hier und da im Vorfeld auch in den sozialen Medien die Runde gemacht. Zum einen das 2:1 beim Arsenal FC am 28. November 2019, als wiederum Kamada mit zwei Volltreffern aufhorchen ließ. Zum anderen das 1:0 bei Girondins Bordeaux am 28. November 2013, als die orangene Wand international Schlagzeilen machte. Von vergleichbarer Festtagsstimmung sind die Adler derzeit so weit entfernt wie mit Platz neun von der roten – oder orangenen – Zone. Im grünen Bereich ist sicher auch nicht alles, wohl aber personell betrachtet. So meldete sich Sebastian Rode, nebenbei wie Trapp schon vor sieben Jahren in Frankreich dabei, in der Schlussphase nach zwei Wochen aus dem Krankenstand zurück, was Hütter einmal mehr vor die Qual der Wahl stellte: „Es gab die Überlegung, ihn von Anfang an zu bringen. Djibril Sow und Stefan Ilsanker haben es aber gegen Leipzig gut gemacht und diesmal auch. Es kommen noch viele Spiele.“

6. Und nun

Genau genommen geht es nach dem Aufeinandertreffen mit dem Tabellensechsten Union Berlin an den nächsten beiden Spieltagen jeweils gegen die Top Fünf, zudem voraussichtlich kurz vor Weihnachten in der Zweiten Runde des DFB-Pokals zum derzeit Vierten aus Leverkusen. Für das Heimspiel am zehnten Spieltag gegen Vizemeister Borussia Dortmund am Samstag, 15.30 Uhr, im Deutsche Bank Park, bleiben inklusive des sonntäglichen obligatorischen Auslaufens sechs Tage zur Vorbereitung. Am Montag haben die Adler frei, von Dienstag bis Freitag warten fünf Einheiten, davon zwei am Mittwoch. Das Mannschaftstraining am Dienstagvormittag überträgt EintrachtTV live.

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