24.02.2021
Eintracht

„Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht“

Im ersten Teil des großen Podcast-Interviews erklärt Finanzvorstand Oliver Frankenbach unter anderem, wie sich die Eintracht in Zeiten der Coronapandemie aufstellt.

„Über Geld spricht man nicht“, behauptet der Volksmund. In der neuen Podcast-Folge „Eintracht vom Main“ geht es aber genau darum: Zu Gast ist Eintracht Frankfurts Finanzvorstand Oliver Frankenbach. Der Diplom-Kaufmann hat den Traditionsverein über mehrere Jahre finanziell flottgemacht, ehe die pandemiebedingte wirtschaftliche Vollbremsung kam. Zugleich zeigt Frankenbach gegenüber dem Moderator und Leiter Medien und Kommunikation Jan Martin Strasheim die in den vergangenen Monaten ergriffenen Maßnahmen sowie künftige Lösungswege auf, die ihn zu dem Schluss kommen lassen: „Deshalb hatte ich auch nie Bedenken, dass wir diese Saison finanziell überstehen.“ Um welche strategischen Justierungen es sich dabei handelt, führt der Finanzvorstand detailliert im ersten Teil der 15. Podcast-Episode aus.

Oli, in Zeiten der Coronapandemie steht unter anderem die finanzielle Situation der Klubs im Fokus. Wie hast du die vergangenen Monate erlebt?
Wenn ich ein Jahr zurückdenke, hat noch keiner daran gedacht, dass das Virus eine Pandemie nach sich ziehen würde. Über das Wort Pandemie hat, glaube ich, zum damaligen Zeitpunkt noch niemand richtig nachgedacht. Das war einfach irgendein Virus, von dem man glaubte, dass es relativ schnell wieder verschwinden und alles relativ schnell wieder ganz normal sein würde. Wenn man sich die finanzielle Seite anschaut, kann ich mich noch genau daran erinnern, wie es uns damals ging. Wir hatten im Februar 2020 im Aufsichtsrat gerade unseren letzten Monats-Forecast besprochen und waren eigentlich gut aufgestellt. Der Verein ging in Richtung 300 Millionen Euro Umsatz und 26 bis 27 Millionen Euro Gewinn nach Steuern. Nach dem Spiel gegen Bremen, zu dem wir noch Zuschauer empfangen durften, fing es dann an. Wir waren in der laufenden Saison eigentlich noch relativ gut gesattelt, weil wir auch innerhalb des Vorstands wussten, dass die Saison 2019/20 nicht die entscheidende war, weil wir Reserven gebildet hatten. Dass die Saison administrativ eine echte Herausforderung werden würde, war klar, weil keiner so richtig wusste, in welche Richtung sich die Pandemie entwickelt. Spiele wurden abgesetzt und der Ligaspielbetrieb wurde kurzzeitig vollständig unterbrochen. Da kam ein bisschen durch, was man von den Deutschen auch erwartet: Anpacken und schnell aus einem negativen Szenario wieder ein positives machen. Dann wurde der Spielbetrieb fortgesetzt und alle waren etwas positiver gestimmt, in der Hoffnung, dass wir auch über den Sommer hinaus Konzepte entwickeln können, um den Spielbetrieb auch in Zukunft aufrechterhalten zu können. Leider befinden wir uns nach wie vor im Sonderspielbetrieb, aber zuletzt gab es ja wieder etwas Licht am Ende des Tunnels, dass wir möglicherweise wieder Zuschauer zulassen dürfen.

Lass uns nochmal kurz in den Winter zurückspringen, als Fredi Bobic dich kurz vor Weihnachten angerufen hat, um dir zu sagen, dass die Eintracht Bas Dost verkauft. War das für dich als Finanzvorstand das schönste Weihnachtsgeschenk?
Wir haben die Zeit von Februar bis Oktober vergangenen Jahres dazu genutzt, uns finanziell breiter aufzustellen. Wir haben verschiedenste Maßnahmen zur weiteren Liquiditätssicherung für den Verein ergriffen, deswegen hatte ich erstmal keine Angst davor, dass wir die Saison finanziell nicht überstehen würden. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Dass wir in der Transferperiode über den einen oder anderen Transfer nachdenken sollten, war allen klar. Aber wir waren nicht gezwungen, etwas zu machen, um zu überleben. Ich glaube, das war der große Vorteil gegenüber anderen Klubs. Dass man natürlich irgendwann darüber nachdenkt, wo man wieder Geld umsetzen kann, bevor man in einen Verlust von 30 bis 40 Millionen Euro läuft, ist aber auch klar. Als mich Fredi dann angerufen hat, um mir zu sagen, dass Bas Dost geht, wusste ich, dass er schon wieder eine Idee im Kopf hat, wie man dieses scheinbar negative Erlebnis wieder in ein positives umwandeln kann. Dann kam Luka Jovic, weshalb ich glaube, dass das ganz gut funktioniert hat.

Die Leihrückkehr von Luka von Real Madrid nach Frankfurt war wahrscheinlich auch finanziell ein guter Deal, oder?
Wenn es kein guter Deal gewesen wäre, hätten wir es nicht gemacht (schmunzelt).

Du bist seit über 20 Jahren bei der Eintracht – wir haben auch schon schlechtere Deals getätigt, oder?
Natürlich. Wobei ich immer sage, dass man jede Entscheidung immer aus zwei Blickwinkeln betrachten sollte. Zum einen den Zeitpunkt, zu dem man sie trifft und zum anderen, indem man diese Entscheidung Jahre später wieder diskutiert. Ich schaue dahingehend nie zurück, denn zum jeweiligen Zeitpunkt ist es erstmal immer – scheinbar – die richtige Entscheidung. Was dann später daraus wird, zeigt sich erst im Nachhinein. Da kann es auch vorkommen, dass man sich eingestehen muss, es vielleicht besser nicht gemacht zu haben. Insofern gibt es von meiner Seite aus nie einen Blick zurück.

Wenn wir 30.000 Zuschauer reinlassen, wüsste ich nicht, warum wir nicht auch Vollauslastung haben könnten.

Finanzvorstand Oliver Frankenbach

Allerdings hast du früher durchaus auch schwierigere Zeiten miterlebt, in denen nicht immer die besten Entscheidungen getroffen wurden. Denken wir zum Beispiel an den beinahe Lizenzentzug 2002 oder hohe Ambitionen, denen man nicht gerecht werden konnte. Inwieweit haben dich diese Erfahrungen geprägt?
Ich habe während meiner Zeit bei der Eintracht verschiedenste Personen in den verschiedensten Positionen kennengelernt und glaube, dass ich gerade zu Beginn meiner Zeit hier viele Dinge beobachten konnte. Aber nicht nur bei uns, sondern auch bei anderen Vereinen. Das hat sich rund um die 2000er Jahre geändert. Hier war vor allem die Personalie Heribert Bruchhagen entscheidend. Er war einer der Ersten, der keine sportliche Entscheidung getroffen hat, ohne sich vorher mit den Finanzverantwortlichen abzustimmen. Diese Expertise hat man davor nicht besonders zurate gezogen.  

Herrscht diese alte Denkweise heute noch immer an manchen Standorten in der Bundesliga?
Das würde ich in der Bundesliga fast ausschließen. Natürlich steht man immer unter einem gewissen sportlichen Druck, das ist nachvollziehbar. Wenn man sich in einer etwas schwierigeren sportlichen Situation befindet, wird man wahrscheinlich immer ein etwas größeres finanzielles Risiko eingehen, als wenn man sportlich gut aufgestellt ist.

Du hast vorhin vom Licht am Ende des Tunnels gesprochen – wie genau sieht das für dich aus?
Das wäre für mich in erster Linie, wenn wir in einen halbwegs vernünftigen Spielbetrieb vor Zuschauern kommen. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass wir vielleicht die beiden letzten Spieltage der laufenden Saison mit einer geringen Zahl von Zuschauern im Stadion bestreiten können. Das Thema Zuschauer bei Spielen wird irgendwann wieder einen vernünftigen Lauf nehmen, sodass wir im und über den Sommer hinaus wieder in Richtung einer guten Auslastung bei unseren Spielen kommen werden.

Wie viele Zuschauer bräuchte es, um wieder rentabel zu wirtschaften?
Es wäre schön, wenn wir an die 30.000 Zuschauer kommen. Mit 10.000 bis 12.000 Fans können wir einen Sonderspielbetrieb umsetzen. Ich denke aber, dass man bereits ab 15.000 Zuschauern keine Abstände und Hygienemaßnahmen mehr einhalten kann. Wenn wir 30.000 Zuschauer reinlassen, wüsste ich nicht, warum wir nicht auch Vollauslastung haben könnten.

Es hat sich auch gezeigt, welch tolle Truppe wir zusammenhaben, die sich sofort umstellen, neue Situationen annehmen und etwas Negatives wieder in etwas Positives umwandeln kann.

Finanzvorstand Oliver Frankenbach

Wie fällt hier die Kommunikation bezüglich einer Zuschauerrückkehr mit der Politik aus?
Es macht momentan keinen Sinn, vonseiten des Fußballs Druck auf die Politik bezüglich einer Fanrückkehr in die Stadien zu erzeugen. Die Politik weiß, dass die Bundesliga genau wie andere Profisportarten auch Hygienekonzepte hat, um einen Regelspielbetrieb umzusetzen. Deshalb warten wir ab, bis wir vonseiten der Politik in eine Position kommen, in der wir diese Konzepte umsetzen dürfen. Aber ich sage es nochmal deutlich: Es macht von unserer Seite aus keinen Sinn, Druck auszuüben. Dafür gibt es momentan andere, größere Probleme.

Ist die momentane Zeit die herausforderndste, seit du bei Eintracht Frankfurt bist?
Ich denke schon. Zwar war auch die Situation 2002 sehr besonders, hat sich allerdings im Vergleich zu heute nur auf die wirtschaftliche Dimension bezogen. Die Pandemie hingegen trifft uns in jedem Bereich, deswegen ist die aktuelle Situation für uns alle unheimlich herausfordernd. Aber es hat sich auch gezeigt, welch tolle Truppe wir zusammenhaben, die sich sofort umstellen, neue Situationen annehmen und etwas Negatives wieder in etwas Positives umwandeln kann.

Auf dass wir bald trotzdem wieder Fans im Stadion begrüßen dürfen.
Ich wie viele meiner Kollegen auch haben erst jetzt wirklich realisiert, dass Zuschauer ein extrem positives Mittel sind, unabhängig davon, aus welcher Sicht man sie betrachtet. Das gilt nicht nur für die daraus entstehenden Ticketeinnahmen, sondern beeinflusst etwa auch die Sponsoringerlöse, TV-Vermarktung und vieles andere. Es ist wie ein Kreis, um den sich Satelliten drehen. Das vielen so vorher gar nicht bewusst und ist in Zeiten von Corona jetzt umso mehr aufgefallen ist. Ich denke jeder wünscht sich die Zuschauer wieder in Stadion zurück. Aus vielerlei Gründen, nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht.

Vervollständige bitte folgenden Satz: Ohne die sogenannten Geisterspiele hätte Eintracht Frankfurt jetzt…
...nicht wirtschaftlich überlebt. Ich denke, so geht es auch vielen anderen Bundesligavereinen. Denn ohne die damit verbundenen TV-Einnahmen wäre es auf Dauer für alle brenzlig geworden. Das hätte sicherlich auch irgendwann zu Kündigungen innerhalb des Vereins geführt, weil man irgendwann seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann. Da hätten wir irgendwann bei null beginnen müssen.

Dieses Interview basiert auf Oliver Frankenbachs Aussagen in der neuen Episode der „Eintracht vom Main“. Im ersten Teil spricht der Finanzvorstand  unter anderem über die Herausforderungen und Lösungswege während der Coronapandemie. Im zweiten Teil widmet sich der Podcast vermehrt dem Menschen Oliver Frankenbach sowie der generellen Entwicklung von Eintracht Frankfurt. An dieser Stelle sei euch auch das komplette Podcast-Paket ans Herz gelegt.

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