09.05.2022
Bundesliga

Würdiges Wechselspiel

Sportlich war das Spiel gegen Gladbach schon im Vorfeld von überschaubarem Wert. Für Romantiker hätten die Rahmenbedingungen nicht passender sein können.

Einordnung: Emotion über Ergebnis

Die sportliche Geschichte des Traditionsduells zwischen Eintracht Frankfurt und Borussia Mönchengladbach ist schnell abgehandelt. Jeweils 50 Prozent Ballbesitz, beiderseits eine Passquote von überdurchschnittlichen 87 Prozent, vernachlässigbare sechs zu sieben Foulspiele und eine Torwahrscheinlichkeit von 0,99 zu 1,1 führten nach 90 Minuten zum schließlich folgerichtigen Endstand von 1:1. Ausgeglichener geht’s fast nicht, was Cheftrainer Oliver Glasner von einem „tollen Fußballabend mit gerechtem Ergebnis“ sprechen ließ.

Die Extreme waren am Sonntagnachmittag dafür abseits der fußballerischen Geschicke zu finden. Wie im Vorfeld angekündigt, kamen die nach der Saison den Verein verlassenden Aymen Barkok, Danny da Costa und Stefan Ilsanker bei der letzten Gelegenheit vor heimischem Publikum zum Einsatz. Alle drei erhielten das Mandat für die Startelf, was in der Bundesliga bei Ilsanker letztmals am siebten und bei Barkok am ersten Spieltag der Fall gewesen war.

Zahl des Spiels: 51.500

Das Wechselspiel fand schließlich nicht allein auf dem Spielberichtsbogen, sondern emotional auch nach Schlusspfiff statt. 51.500 Fans hatten sich bei herrlichen äußeren Bedingungen in den ausverkauften Deutsche Bank Park aufgemacht, so viele wie nie seit den Anfang April gelockerten Pandemiebeschränkungen. „Die vergangenen Wochen waren körperlich und mental anstrengend. Das honorieren sie“, erklärte sich Coach Glasner hinterher die flächendeckenden Anfeuerungsrufe im weiten Rund, Platz zwölf in der Beletage hin, 14 Punkte in der Rückrunde her.

Aymen Barkok, Stefan Ilsanker und Danny da Costa zeigen es mit dem Fanschal: „Eintracht Frankfurt über Alles“.

Energie, um das scheidende Trio gebührend zu verabschieden, fanden die Anhänger am frühen Abend noch dazu. „Danny da Costa“-Sprechchöre bei dessen Auswechslung kurz vor Schluss und eine Einladung, auf den Zaun der Nordwestkurve zu klettern, ließen keine Zweifel daran, an den verschiedenen Verdiensten im Adlerdress und der unverändert gesuchten Nähe.

Eindeutige Botschaft auf dem Videowürfel nach dem letzten Heimspiel der Saison.

Genau darauf zahlte der geschonte Sebastian Rode ein, als der in Zivil in den Mittelkreis geschrittene Kapitän eine Botschaft an die Besucher richtete: „Wir haben als Mannschaft und vor allem mit euch noch viel Großes vor. Wir möchten uns schon jetzt bei euch bedanken und dies am 18. Mai nochmal auf dem Feld tun – um dann am Tag danach gemeinsam feiern zu können. Dafür werden wir nochmal zehn Tage Vollgas geben“, nahm der 31-Jährige das Europa-League-Endspiel in Sevilla gleichermaßen ins Visier wie die Adressaten, die per Transparent bekundeten: „Heute ist egal — holt uns den Pokal!

Einer, der vor drei Jahren um Haaresbreite am europäischen Finale vorbeigeschrammt war, kam knapp zwei Stunden zuvor zu Wort. David Abraham, fast 16 Monate nach seinem 178. und letzten Auftritt mit dem Adler auf der Brust, erhielt nun die ihm zugedachte Zeremonie vor größtmöglicher Kulisse. Neben warmen Worten gab’s die Aushändigung der lebenslangen Mitgliedschaft durch Vorstandssprecher Axel Hellmann und Präsident Peter Fischer ebenso oben drauf wie das Versprechen: „Du bist in Sevilla dabei, denn du bleibst ein Teil des Teams.“ Das war er übrigens auch am Freitag zuvor in Limburg gewesen, bei der Traditionsmannschaft der Eintracht. 

Geschichten des Spiels: Kuriosum um Chandler, Hasebe, Paciencia

Dass dieses zuletzt weniger berücksichtige Akteure zu bereichern wissen, bewiesen etwa Timothy Chandler, Makoto Hasebe und Goncalo Paciencia.

Publikumsliebling Chandler rieb sich je eine Halbzeit auf der linken und rechten Außenbahn auf, hätte zwei Zeigerumdrehungen vor Ultimo beinahe den Siegtreffer erzielt und überholte mit seinem 179. Eintracht-Spiel Capitano Abraham. Ausgerechnet.

Oldie Hasebe verzeichnete mit 32,97 Kilometern pro Stunde die höchste Sprintgeschwindigkeit aller Frankfurter. Ausgerechnet.

Und Stürmer Paciencia erarbeitete sich nicht nur Spitzenwerte von sechs Torschüssen und 27 geführten Zweikämpfen, sondern nach vier Jokertoren in der Hinrunde auch seinen ersten Treffer in diesem Kalenderjahr. „Es ist ein tolles Gefühl, auch weil ich lange nicht mehr getroffen hatte. Meine Mutter hat diese Woche gesagt, dass ich mehr von außerhalb des Strafraums schießen muss“, verriet der Portugiese hinterher. Der Sohn gehorchte und netzte erstmals in der Bundesliga per Fernschuss. Am Muttertag. Ausgerechnet.

Das schreiben die Medien

Inwieweit sich bei derlei Erkenntnissen letztlich wie im Wiesbadener Kurier von „Eintracht Frankfurt mit B-Elf“ sprechen lässt, liegt wie so oft im Auge des Betrachters. Ansonsten pendelten die Schwerpunkte der Berichterstattung wahlweise wie beim kicker zwischen „Paciencias Sonntagsschuss“ und dem „Abschied von Ex-Kapitän Abraham“. Die FAZ beobachtete: „Die Eintracht lässt nur einen Knaller los“.

Ausblick: Media Day, Analyse, Generalprobe

Damit derer in den verbleibenden zwei Pflichtaufgaben in Mainz und gegen den Rangers FC weitere folgen, steht „Regeneration und Behandlung auf dem Plan, danach ein Media Day der UEFA“, skizzierte Glasner den Fahrplan am Montag. Während die Spieler am Dienstag und Mittwoch frei haben werden, werde das Trainerteam „in dieser Zeit die Rangers analysieren. Ab Donnerstag beginnt die Vorbereitung auf Sevilla“, machte der Fußballlehrer keinen Hehl aus den Prioritäten. Dahingehend diene die Reise zum Rhein-Main-Nachbarn 1. FSV Mainz 05 am Samstag zum Bundesligakehraus als „Generalprobe. Wir werden dort mit der besten Elf antreten, die uns zur Verfügung steht.“ Ganz ohne romantische Hintergedanken.

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