11.04.2021
Bundesliga

Zwischen Vorschuss und Lorbeeren

Die Eintracht geht zum wiederholten Mal in Vorleistung, auch weil alle Spieler das in sie gesetzte Vertrauen zurückzahlen. Nicht nur mit Toren.

Es war ein Bild, das sich dem Fußballzuschauer in der Regel nur selten bietet. Etwa nach einer Entscheidung im Elfmeterschießen, einem Siegtor in letzter Sekunde – oder eben, wenn jemand den ersten Treffer überhaupt für seinen Verein erzielt. So geschehen bei Erik Durm am Samstagnachmittag gegen den VfL Wolfsburg, als der 28-Jährige im 32. Auftritt mit dem Adler auf der Brust mit seinem vermeintlich schwächeren linken Fuß und letzter Kraft zum 4:2 einschoss – und kurz darauf unter dem rot-schwarz-gestreiften Jubelberg seiner Kameraden verschwand.

Ein gar nicht mehr so heimlicher Held: Erik Durm.

Der erste Bundesligatreffer des Weltmeisters seit März 2016 war nicht das einzige Ereignis, das gegen die bis dato stärkste Defensive der Liga jeder Wahrscheinlichkeit trotzte. Auf der einen Seite diente Durms Einschuss gewissermaßen als Beleg dessen kontinuierlicher persönlicher Steigerung. So hatte er nicht nur wie gewohnt seine rechte Bahn im Griff, nur rund jeden vierten Angriff fuhren die Gäste über deren linke Seite, sondern hatte auch bei drei der vier Frankfurter Treffer seine Füße im Spiel. Das 1:1 durch Daichi Kamada bereitete die Nummer 25 vor und vor dem 2:1 von Luka Jovic spielte Durm den vorletzten Pass.

Auf der anderen Seite ging mit der gesamten Ausbeute eine schier gnadenlose Effizienz einher. Auf Grundlage der Expected-Goals-Analysten wären für die Eintracht eigentlich 1,32 Tore möglich gewesen. Doch „Fußball ist nicht berechenbar. Das zeigt auch das Torschussverhältnis von 8:20 und spricht für ihre Qualität in der Offensive“, bemerkte VfL-Coach Oliver Glasner hinterher. Tatsächlich fanden davon fünf Versuche den Weg auf den Kasten von Koen Casteels, die ersten vier waren allesamt drin. Damit hatten die Hausherren dem Tabellendritten nach 60 Minuten eine Kiste mehr eingeschenkt als dieser in der kompletten Rückrunde zuvor kassiert hatte.

Sebastian Rode sprach „insgesamt von einem verdienten Sieg“.

Entsprechend zeigte sich auch Adi Hütter, „beeindruckt, gerade wenn der Gegner zuvor so oft zu null gespielt hat. Aber das mussten wir auch, weil sie selbst drei geschossen haben“, war sich der Cheftrainer zugleich bewusst, dass „wir nicht in jeder Situation Herr der Lage“ waren. Und dennoch in vielen anderen Phasen des Topduells, wie Sebastian Rode analysierte: „Dass wir Nackenschläge wie das 2:2 kurz nach der Pause wegstecken, zeichnet uns schon die gesamte Saison aus. Wir haben aber schnell zu unserer Linie zurückgefunden und Großchancen kreiert. Daher kann man insgesamt von einem verdienten Sieg sprechen.“

Tennis im Deutsche Bank Park

Der reichlich Potential für ein Tennisergebnis gehabt hätte, wie Hütter und Fredi Bobic im Nachgang kundtaten, als sie unisono über ein mögliches 5:5, 5:6, 5:3 oder 6:3 sinnierten. In jedem Fall konnten sich die Hessen nach dem nächsten mitreißenden Auftritt der Gunst der Medienschaffenden sicher sein, die wahlweise von „Frankfurts Tor-Gala“ (Bild), einer „Frankfurter Gala für die Champions League“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) oder einem „Gala-Auftritt der eiskalten Eintracht“ (hessenschau) schrieben.

Stilbildend für den dreifachen Galastatus war nicht zuletzt Daichi Kamada, für Chefcoach Hütter „der beste Spieler auf dem Platz. Er war überragend.“ Dabei bezog sich der Fußballlehrer nicht allein auf Kamadas Offensivkompetenzen. „Ich bin mit seiner Leistung, mit und ohne Ball, sowie seiner Laufbereitschaft 100-prozentig zufrieden.“ Denn tatsächlich leitete der Japaner etwa mit seiner Balleroberung das 3:2 durch André Silva ein und kann nach 28 Spieltagen schon mehr als doppelt so viele Tore wie in der Vorsaison (zwei) vorweisen. Darüber hinaus führte der Feingeist die meisten Zweikämpfe aller Adlerträger (32) und war sich in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit auch nicht zu schade, einen Gegenstoß der Niedersachsen auf Kosten einer Gelben Karte zu unterbinden. Bemerkenswert außerdem, dass dem Filigrantechniker sämtliche Saisontore gegen die aktuellen Top Fünf gelangen.

Gegen Wolfsburg ausnahmsweise Edeljoker: Amin Younes.

Ob Hütter diese Tatsache bei der Wahl der Startformation bewusst war, ist nicht bekannt, ausgezahlt hat sich die Hereinnahme anstelle von Amin Younes in jedem Fall. „Wenn man einen Amin Younes auf der Bank lassen kann, weiß man, wie gut man aufgestellt ist“, zeigte der Österreicher wie bereits wenige Tage zuvor im Zusammenhang mit anderen Personalien auf. Immerhin seien seine Mannen „auch mit der Systemumstellung auf zwei Zehner erfolgreich“ gewesen. Dennoch entschied sich das Trainerteam wiederholt für die Doppelspitze mit Jovic, mit 32,84 Stundenkilometern nebenbei der schnellste Akteur auf dem Rasen, und Silva, was ebenfalls aufging. „Luka präsentiert sich besser, war schon in Dortmund mit seinem Körpereinsatz am 2:1 beteiligt, es hat sich angedeutet, dass er bald wieder trifft“, begründete Hütter. Ähnlich sah es Sportvorstand Bobic: „Wir haben immer gesagt, dass Luka Jovic uns hinten raus richtig helfen wird. Er hat die Herausforderung komplett angenommen, extrem hart an sich gearbeitet. Nun kommt mit der nötigen Fitness auch die Lockerheit in sein Spiel. Er hat sich mit einem typischen Luka-Jovic-Tor und einer Topleistung belohnt.“

13 Punkte Vorsprung auf Platz sieben

Im selben Atemzug fügte Bobic an: „Aber auch jeder einzelne Mitspieler hat einen überragenden Job gemacht, es war wieder eine tolle Leistung der gesamten Mannschaft.“ Die daher gleichzeitig Platz vier behaupten, bis auf einen Punkt an Wolfsburg heranrücken und den Vorsprung auf Rang sieben gar auf 13 Zähler ausbauen konnte. Zumindest die Qualifikation für die UEFA Europa League scheint so mehr denn je vor allem eine Sache der Form und Zeit – beides spricht für die Eintracht. Für mehr geht Bobic „davon aus, dass wir am Ende mindestens 60 Punkte benötigen, um sicher zu sein. Wir schauen aber nur auf uns, denn wenn wir drei Punkte holen kann die Konkurrenz machen was sie will.“ Für Hütter läuft ebenso „noch viel Wasser den Main hinunter, um den Platz an der Sonne zu behaupten. Es sind noch sechs Spiele. Wenn wir weiter so spielen, kommen wir unserem Ziel näher. Aber es wird uns keiner etwas schenken.“ Trotzdem: Eintracht Frankfurt hat einmal mehr einen beeindruckenden Vorschuss geleistet. Jetzt geht es um die Lorbeeren.

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