18.01.2021
Eintracht

Engel auf Erden

Am Montag hat David Angel Abraham die Heimreise nach Argentinien angetreten. Es bleibt mehr als die Erinnerung.

Das letzte Profispiel von David Abraham war seit wenigen Momenten amtlich, da überkam nicht nur Bruno Hübner ein Anflug von Nostalgie. „Ich weiß noch, dass es kritische Stimmen gab, als ich David aus Hoffenheim geholt habe, weil er dort ein bisschen angeschlagen war“, sah der Sportdirektor die ersten Berührungspunkte mit dem Innenverteidiger plötzlich vor sich und sich ins Jahr 2015 zurückversetzt. Aus der Truppe, die damals den Adler auf der Brust trug, steht heute einzig Makoto Hasebe im Aufgebot. Groß war sicher die Freude beim Japaner, als dieser gegen Schalke in der zweiten Halbzeit nochmal neben seinem langjährigen Mitstreiter in der Abwehr und nicht vor ihm im defensiven Mittelfeld ran durfte. „Ich bin sehr traurig, aber auch stolz, dass ich mit ihm spielen durfte“, beteuerte der Routinier hernach. Zusammen haben die beiden Eckpfeiler gewissermaßen alles durchgemacht, was es durchzumachen gibt im deutschen Fußball, sich vom Beinahe-Abgrund in Nürnberg 2016 bis fast auf den Europa League-Olymp 2019 gehievt. Geschichte. Nur eine von vielen.

Speziell für Abraham, der selbst sagt: „Ich habe einen großen Teil meines Lebens hier in Europa verbracht, die schönsten Momente meiner Karriere hatte ich bei der Eintracht.“ Dabei hätte er so viel mehr aufzuzählen. Den Gewinn der U20-Weltmeisterschaft 2005 etwa, an der Seite eines gewissen Lionel Messi. Wobei für den Gaucho ohnehin ein anderer Landsmann unerreicht bleibt: „Batistuta, Batistuta, Batistuta“, bekräftigte Abraham vor nicht allzu langer Zeit im EintrachtTV-Format „Entweder, oder...?“ Selbst Alex Meier, der bei dieser Frage zur Auswahl stand und just am Sonntag seinen 38. Geburtstag feierte, musste da hintanstehen.

Was an der Wertschätzung für den Fußballgott, dem er nebenbei dessen letzten Bundesligatreffer zum 3:0 gegen den Hamburger SV auflegte, freilich nichts ändert. Für alle Welt deutlich geworden am 19. Mai 2018, als Captain Abraham Seite an Seite mit seinem Vorgänger als Spielführer den DFB-Pokal in den Berliner Nachthimmel reckte. Eine sinnbildliche Anerkennung voller Feingefühl, die die vielfältigen Facetten des „freundlichsten Wadenbeißers der Liga“ (Frankfurter Rundschau) einmal mehr vergegenwärtigen. So ließe sich der Vater zweier Familien – Eltern, Bruder, Sohn auf der einen, die Adlerträger auf der anderen Seite – doch als ein mit Typ viel Engel im Herzen und etwas Teufel im Blut bezeichnen. Hochangesehen in Kabine und Verein, gefürchtet von den Gegnern.

Wobei zumindest die nackten Zahlen darauf schließen ließen, dass es sich bei Abraham um einen zwar hart, aber zumeist fair agierenden Abwehrspezialisten handelt. 30 Gelbe Karten und drei Platzverweise sah El Capitan in 185 Bundesligaspielen – wahrlich keine zu verurteilungswürdige Quote. Ein anderer Fakt lässt schon mehr aufhorchen. Seit der 1,88-Meter-Mann 2013 bei der TSG Hoffenheim erstmals Bundesligaluft geschnuppert hat, sind seine Sprintwerte auch mit 34 Jahren unverändert überdurchschnittlich. 34,7 Stundenkilometer Spitzengeschwindigkeit hat sich das Verteidigerass bis zur möglichen Datenerhebung 2019/20 erhalten, auch die rund 22 Sprints pro Spiel sind kaum weniger oder mehr als in den Vorjahren.

Integrative Identifikationsfigur

„Ich habe selten einen Spieler gesehen, der so viel Mentalität mitbringt wie David. Beeindruckend ist auch, dass er in diesem Alter noch diese Schnelligkeit hat. Ich habe ihn als sehr empathischen Menschen kennengelernt“, adelte daher unlängst nochmals Adi Hütter, seit Sonntag auf alle Zeit alleiniger Rekordtrainer Abrahams. Die 79 Einsätze unter dem Österreicher haben zum einen mit dem Stellenwert der Säule zu tun, zum anderen aber auch damit, dass Abraham so lange in Frankfurt weilte wie in keiner anderen europäischen Stadt. „Ich hätte 2015 von Hoffenheim nach Österreich oder England wechseln können, Frankfurt war wirtschaftlich betrachtet gar nicht die beste Option. Aber ich entschied mich für die Eintracht. Die Atmosphäre im Stadion, die Leidenschaft der Fans, das hat etwas von argentinischen Verhältnissen. Da dachte ich: ‚Mensch, es wäre eine tolle Sache, eines Tages bei der Eintracht zu spielen‘“, verriet er zuletzt dem kicker.

Eine Entscheidung, die nicht allein aus sportlicher Sicht überaus gewinnbringend war, immerhin holten die Klubs von Abraham in der Vergangenheit mit ihm rund 0,2 Punkte mehr pro Partie als ohne ihn. Darüber hinaus verkörperte der leidenschaftliche Leader bis zuletzt den integrativen Charakter Frankfurts und der Eintracht wie nur wenige vor ihm. Allein die Kapitänsbinde spricht für sich, aber auch, dass Abraham auf der Zielgeraden zum Ausländer mit den viertmeisten Einsätzen für die Eintracht avancierte und mit seinem 178. Auftritt Bruno Pezzey hinter sich ließ. Vor ihm stehen weiter Makoto Hasebe (220), Wilhelm Huberts (247) und Oka Nikolov (415).

Dass der Publikumsliebling wohl umso mehr zur Identifikationsfigur in der Mainmetropole taugt(e), war am vergangenen Samstag auf dem Trainingsplatz des Deutsche Bank Park zu erkennen, als die Fans ein großes Abschiedstransparent an den Zäunen angebracht hatten. „Großer Adler, großer Kämpfer, großer Mensch - Danke Capitano“ war darauf zu lesen. Kein Zweifel: Der Mann war von Herzen in Europa und mit voller Seele dabei. Wer immer auf Abraham zu sprechen kam, ob Jungprofis oder gestandene Akteure wie Stefan Ilsanker, der zuletzt unterstrich: „David war vor einem Jahr der Erste, der mich an die Hand genommen und mir die Stadt und das Trainingszentrum gezeigt hat.“ Immer für eine Umarmung, eine Aufmunterung, aber auch, wenn es nötig war, einen gut gemeinten Ratschlag gut.

Dahingehend hat Vater Abraham sein Soll längst übererfüllt und möchte sich seit längerem umso intensiver der Entwicklung seines Sohnes widmen, wie er es eigentlich bereits im vergangenen Sommer geplant hatte, ehe die Coronapandemie und wirtschaftliche Lage in Argentinien zur (un)freiwilligen Verlängerung führten. Im zurückliegenden halben Jahr hat es der Kapitän abermals vermocht, die Eintracht-Flotte rechtzeitig auf Kurs zu bringen, wofür sich die Metapher dieses dicken Dampfers eignet, der zwar schwer in Fahrt zu bringen war, aber nun nur noch schwer zu bremsen scheint.

Kurs halten müssen künftig andere, Zeit zur Vorbereitung hat Abraham den Verantwortlichen mit der frühen Mitteilung seiner Pläne ausreichend zugestanden. „Tuta zählt zum Kreise der designierten Nachfolger und wird die Möglichkeit zur Entwicklung erhalten“, verwies Hütter neulich auf die Kompensationsabsichten aus den eigenen Reihen.

So ganz verabschieden wird sich Abraham unterdessen weder von der Eintracht, noch vom Fußball. In seinem Heimatstädtchen Chabás warten seine Kumpels und die Amateurliga, „vielleicht neunte oder zehnte Liga, so genau weiß ich das gar nicht“, sagt er mit einem lachenden und weinenden Adlerauge und künftig wieder mehr saftigen Rumpsteaks denn Schnitzel mit Grüner Soß‘ entgegenblickend. Doch auch das wird irgendwann wieder auf den Teller kommen. „Ich komme auf jeden Fall zurück, um mich von den Fans zu verabschieden und werde generell zwei- bis dreimal im Jahr nach Europa zurückkehren“, kündigt David Angel Abraham an. „Adiós!“ auf Zeit also. Und „Muchas gracias!“ in alle Ewigkeit. Vater unser, du fehlst schon jetzt.

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