26.09.2020
Bundesliga

Geschlossene Gesellschaft

Viel vorgenommen, über weite Strecken umgesetzt und trotzdem von den üblichen Unwägbarkeiten nicht verschont geblieben. Das steckt hinter dem ersten Sieg dieser Bundesligasaison.

Als hätte es Adi Hütter geahnt, hatte er auf der Pressekonferenz vor dem Abflug nach Berlin spontan einen kleinen Einblick in die Gedankenspiele eines Fußballtrainers gewährt. Angesprochen auf das erweiterte Wechselkontingent, hatte der Fußballlehrer einen ehrlichen Exkurs in Sachen Theorie und Praxis gegeben: „Natürlich malt man sich einen idealen Spielverlauf aus, wie beispielsweise: Der Stammstürmer trifft doppelt, gibt nach 75 Minuten das Signal zur Auswechslung, ein Junger kommt rein und schießt selbst noch ein Tor.“ Aber, und das wäre mehr die Regel als die Ausnahme: „Hier verletzt sich einer, dort muss einer frühzeitig raus, dann muss man umdenken.“ Im Olympiastadion sollten am Freitagabend beide Szenarien mehr oder weniger so eintreten.

Süßer Vorgeschmack

Die Doppelspitze André Silva (30.) und Bas Dost (36.) knipste die Gäste vor der Pause auf die Siegerstraße, beim Stand von 3:0 (71.) durfte Ragnar Ache sein Bundesligadebüt feiern (66.), und der ebenfalls eingewechselte Youngster Aymen Barkok stand kurz vor Schluss vor seinem ersten Bundesligatreffer seit dem 20. Dezember 2016 (88.). Derlei beinahe romantischen Momenten stand der frühe Schreckmoment gegenüber, als Filip Kostic in der Anfangsviertelstunde nach einem Schlag aufs rechte Knie nicht mehr weitermachen konnte. Steven Zuber ersetzte ihn (15.).

Zwischen Dreh- und Lehrbuch

Der durchdachten Vorgehensweise der Adlerträger tat der Verlust ihres Flügelflitzers gleichwohl keinen Abbruch. So geschlossen die Frankfurter Jungs in der Hauptstadt die Vorgaben des Trainerteams insbesondere in der ersten Halbzeit umsetzten, so einig waren sie sich im Nachgang auch in der Analyse. „Wir haben über 90 Minuten unseren Fußball gezeigt, insbesondere in der ersten Halbzeit sehr gut nach vorne kombiniert und uns Torchancen herausgearbeitet. Zweikämpfe und Ballbesitz – überall waren wir vorne“, lobte etwa Stefan Ilsanker, der noch vor wenigen Tagen mahnende Worte gefunden hatte. Die Zahlen sprechen für die Eindrücke des Österreichers: 65,5 Prozent gewonnene Zweikämpfe und 51,6 Prozent Ballbesitz verbuchten die Hessen vor dem Seitenwechsel, danach zugegeben weniger. Sebastian Rode pflichtete seinem Partner in der von Hütter auserkorenen „Kampfzone“ bei: „Wir haben das Spiel gemacht, das wir zeigen wollten: aggressiv mit spielerischen Mitteln nach vorne.“ Den Moment, als sich der Kämpfer auch einmal als Künstler hervortat, an der Strafraumkante nochmal kurz nach außen aufzog und mit links über den Innenpfosten zum 3:0 schlenzte, bezeichnete Hütter sodann als „Knackpunkt.“

Zahlen des Abends: Der Erste und der Beste

Zugleich war es der erste Scorerpunkt während den ersten drei Pflichtspielen, der nicht auf Dost oder Silva ging. Was den Niederländer offensichtlich freute: „Seppl hat viel geübt in dieser Woche beim Lattenschießen, auch mit links. Das kommt also nicht von ungefähr. Weiter so!“ Der Gehuldigte spielte den Ball umgehend zurück: „Kompliment ans ganze Team, besonders an Bas und André. Sie sind super angelaufen, das hat unsere gute Defensivarbeit eingeleitet.“ Nebenbei bedeutete die Führung durch Silva das zehnte Bundesligator des Nationalspielers seit dem Restart im Mai – diese Trefferzahl kann sonst nur Robert Lewandowski aufweisen.

Randnotiz: Historisch gefährlich

Überhaupt die Angriffsreihen. „Die Hertha hat tolle Offensivspieler, hier muss man erstmal gewinnen“, bemerkte Rode, während Ilsanker vorrechnete: „Acht erzielte Tore in den zwei Spielen davor, Berlin hat Qualität.“ Aber die Eintracht hat Kevin Trapp, der in den wenigen brenzligen Situationen seinen Mann stand. Weshalb es am Ende nicht einer leichten Ironie entbehrte, dass der Ehrentreffer auch aufs Konto eines Frankfurters ging, als Martin Hinteregger seinen Schlussmann unbeabsichtigt überwand (77.). Es war das 113. Bundesligator, das die Hertha gegen die Eintracht verbuchte. Öfter trafen die Hauptstädter gegen keinen anderen Verein im Oberhaus. Ein Jubiläum blieb unterdessen Bruno Labbadia verwehrt, auf den 100. Bundesliga-Sieg als Trainer muss er weiter warten.

Ausblick: Berliner Höhenluft für eine Nacht

Zurück in der Gegenwart. Während Hertha BSC den ersten zweiten Platz seit September 2018 wieder los ist, winkt Eintracht Frankfurt für eine Nacht von der Tabellenspitze. Chefcoach Hütter lässt sich von der Berliner Höhenluft gleichwohl nicht beirren: „Ich freue mich. Trotzdem können wir nach zwei Runden nicht sagen, wo wir schlussendlich landen werden.“ Weshalb sich am Wochenende kurz durchschnaufen lässt, ehe die Vorbereitung auf das zweite Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim beginnt. Dann vor voraussichtlich 8.000 Zuschauern. Die geschlossene Gesellschaft soll schließlich nur in sportlicher Hinsicht gelten.

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