21.02.2021
Bundesliga

Herz brennt

Einmal mehr Gänsehautmomente in Frankfurt. Die Blicke richten sich nicht allein auf das Geschehen im Deutsche Bank Park, geschweige denn die Tabelle, sondern weit über das Sportliche hinaus.

Die Gedanken waren naheliegend und doch an diesem Wochenende keine Überlegung wert: Als erste Mannschaft den Sextuple-Gewinner bezwingen und entsprechende Fanshirts zu entwerfen. Charmant ja, aber selbst im Rahmen dieses fußballerischen Festaktes am Samstagnachmittag rückte die schönste Nebensache der Welt in den Hintergrund. Vor, nach und auch während den 90 Minuten. Wiederkehrend.

Denn T-Shirts standen am 22. Spieltag tatsächlich im Mittelpunkt, allerdings vor unendlich traurigem Hintergrund. In Gedenken an das Attentat von Hanau am 19. Februar 2020 trugen die Frankfurter Fußballer die Namen und Gesichter der Ermordeten auf dem Rücken. Und auf der Vorderseite war der Aufruf #SayTheirNames zu lesen. Ein Gefühlschaos zwischen Bestürzung über die Tat und Begeisterung über die Botschaft – einhergehend mit der Leistung auf dem Rasen als Fußnote – was die Frankfurter Rundschau treffend mit dem Titel „Gute Menschen, gute Fußballer“ honorierte.

Ich kann mich nicht erinnern, einen Spieler mit dieser Qualität jemals trainiert zu haben. Er hat eine unglaubliche Technik und Energie, ist ein toller Mensch und geiler Kicker.

Adi Hütter über Amin Younes

Und damit zu Amin Younes, der seine fußballerische, kämpferische wie humane Extraklasse im Topspiel wie kein Zweiter vereinte. Eine Meinung, welche die Eintracht-Redaktion nicht exklusiv, sondern von Adi Hütter hat: „Wir haben die beste Saisonleistung von Amin Younes gesehen. Er war Weltklasse vor der Pause, gekrönt mit dem Weltklassetor. Amin war ein stetiger Unruheherd, giftig und aggressiv. Ich muss die ganze Mannschaft loben, wie sie gearbeitet und Fußball gespielt hat – aber ihn extra, weil er der auffälligste Spieler der ersten Halbzeit war. Ich kann mich nicht erinnern, einen Spieler mit dieser Qualität jemals trainiert zu haben. Er hat eine unglaubliche Technik und Energie, ist ein toller Mensch und geiler Kicker.“ Laudatio Ende.

Übung schlägt den Meister

Zeit für die Fakten: Younes war an sieben der zwölf Torschüsse direkt beteiligt, zielte fünf Mal selbst und legte zu zwei Abschlüssen auf. Dem beinahe gelungenen Geniestreich, als er Manuel Neuer beinahe von jenseits der Mittellinie überwunden hätte: Übertroffen vom 2:0-Pausenstand, einer Bude, die so normal nur an der PlayStation gelingt. Oder eben durch verdammt harte Arbeit, wie Filip Kostic verriet: „Amin hat häufig geübt, von dieser Position zu schießen. Deshalb wundert mich der Treffer nicht.“ Der nebenbei mit einem Expected-Goal-Quotienten von 0,030, also drei Prozent, der bisher unwahrscheinlichste dieses Spieltags ist. Übung schlägt den Meister, ließe sich daraus ableiten.

Quote ist auch das Stichwort in Bezug auf Younes‘ Zweikampfstärke. 14 direkte Duelle, zumal Younes in der Schlussviertelstunde nicht mehr mitwirkte, verzeichnete ansonsten einzig Tuta, 71,4 Prozent gewonnener Tacklings ist der Höchstwert aller Frankfurter Feldspieler. Getoppt schließlich durch den Jubel des Deutsch-Libanesen, der selbst im Moment des größten persönlichen Triumphes den Fußball Fußball sein, sich ein #SayTheirNames-Shirt reichen ließ und abermals Hanau gedachte. „Mir ist die Botschaft wichtig, dass wir diese Geschehnisse nicht vergessen. Verein und Stadt stehen zusammen und sind in ihren Gedanken in Hanau“, erklärte der 27-Jährige im Nachgang seine Geste.

Es gibt somit mehr als einen Grund, weshalb einer zwangsläufig kein Thema war – beziehungsweise nach dem neunten Sieg in den vergangenen elf Ligaspielen nicht zum Thema werden musste: André Silva, Toptorjäger, ausgerechnet im Aufeinandertreffen der gefährlichsten Angriffsreihen sowie mit Robert Lewandowski mit Hexenschuss außen vor. Die Antwort der Adler: Unberechenbarkeit! Vor allem in der ersten Halbzeit, als die Hausherren im letzten Angriffsdrittel in etwa gleichmäßig über beide Außenbahnen sowie den linken und rechten Halbraum kombinierten. Je 26 Prozent aller Vorstöße liefen über links, halblinks oder halbrechts. Also genau jene Hoheitsgebiete von Filip Kostic, Daichi Kamada und eben Younes. Dass sich am Ende beide Zehner jeweils zum dritten Mal in dieser Spielzeit und damit so häufig wie nie während einer Bundesligasaison in die Torschützenliste eintrugen sowie der Serbe seinen achten Assist verbuchte: konsequent.

Zwei außer Rand und Band: Filip Kostic und Daichi Kamada.

Wenngleich diese Teilanalyse freilich zu kurz griffe, denn mit drei Mann hat noch keine Mannschaft gewonnen, erst recht nicht gegen den Rekordmeister. Oder um es mit Martin Hinteregger auf den Punkt zu bringen: „Vor der Pause konnte ich genießen, wie die Jungs vorne gezockt haben. Wir haben uns den Sieg vor der Pause mit guten Kombinationen erspielt und danach erkämpft.“ Denn zur Wahrheit gehört nun mal auch, dass die Gäste mit dem Seitenwechsel zu ihrer gewohnten Dominanz zurückfanden. Festzumachen schließlich am Duell der Nationaltorhüter Kevin Trapp und Neuer, die vor den Augen von Joachim Löw vor und nach der Pause gleichermaßen gefordert waren. Trapp kam am Ende auf sechs, Neuer auf drei Paraden. „Es waren zwei komplett unterschiedliche Halbzeiten“, konstatierte entsprechend Hütter, während Sportvorstand Fredi Bobic auch dem unterlegenen zweiten Durchgang etwas abgewinnen konnte: „Wir haben unfassbar dagegengehalten, um jeden Ball gefightet, uns erst zum Schluss aus der Befreiung gelöst. Das hat mir imponiert.“

Feiner Zwirn und hemdsärmelig

In diesem Zusammenhang mochte sich manch aufmerksamer Beobachter der Spieltagspressekonferenzen daran erinnert haben, als sich Hütter mit der Statistik konfrontiert sah, dass die vergangenen drei Team, die gegen den FC Bayern gepunktet haben, jeweils mehr als 122 Kilometer abgespult hätten. „Wenn ich wüsste, dass wir nur viel laufen müssen, um zu punkten, würde ich sagen: ‚Jungs, schauen wir, dass wir 123 Kilometer laufen, dann gewinnen wir. Es geht aber auch um die richtigen Wege, Sprints und Zweikämpfe zum richtigen Zeitpunkt“, befand der Fußballlehrer mit einem unübersehbaren Schmunzeln auf den Lippen. Die Pointe der Geschichte: Nach dem inklusive Nachspielzeit rund 100-minütigen Schlagabtausch mit dem Spitzenreiter hatten die Hessen exakt 123,17 Kilometer auf dem Tacho. Wohlgemerkt ohne die Laufwunder Erik Durm (verletzt) und Djibril Sow (gesperrt), die es ebenso zu ersetzen galt. Also war es an Nachrücker Almamy Toure, die mit 12,53 Kilometern und 33 Sprints stärkste Frankfurter Laufleistung aufzuweisen.

Es hat sich gelohnt, im feinen Zwirn eine genauso seriöse Figur abzugegeben wie in Arbeiterkluft. Und war wohl auch notwendig. Denn so verhältnismäßig verwundbar die Bayern derzeit auch wirken, 19 Punkte nach Rückstand sind ligaweit unübertroffen. Zumal die Gäste von der Isar saisonübergreifend seit 35 Rückrundenspielen nicht mehr verloren hatten. Die letzte derartige Niederlage datiert von Februar 2019. Umgekehrt ging die Eintracht nun im 15. Bundesligaspiel hintereinander selbst in Führung und baute somit ihren vereinseigenen Rekord weiter aus. Elf Begegnungen mit zwei eigenen Treffern gelangen letztmals 1977. Sicher auch eine Erwähnung wert, dass Frankfurt seit zehn Heimspielen gegen einen Erst- oder Zweitplatzierten ungeschlagenen ist. Auch wenn das für die Bayern, die unter Hans-Dieter Flick nun so viele Niederlagen wie Titel stehen haben, nur ein schwacher Trost sein mag. Zumal, und damit dann genug an Funfacts, am Wochenende bisher alle Gäste gewinnen konnten, nur die Eintracht feierte einen Heimsieg.

Was umso mehr zwiespältige Gefühle auslöste. „Ich kann mir vorstellen, dass unsere Fans in Feierlaune sind, auch wenn es schade ist, dass sie nicht im Stadion sein und wir diesen Sieg nicht gemeinsam feiern konnten“, bedauerte Kostic, mit 34,90 Kilometern pro Stunde der schnellste Adler, hinterher, um sogleich in den nächsten Gang zu schalten: „Wir müssen das Spiel erstmal analysieren, danach erwartet uns mit Bremen der nächste schwere Gegner. Aber wenn wir unser Niveau erneut abrufen, werden wir keine Probleme haben. Wir müssen noch viel arbeiten, um unser Ziel zu erreichen.“ Dafür bleiben von Dienstag bis Donnerstag insgesamt drei Einheiten, ehe am Freitagmittag die Flugreise an die Weser ansteht. Auch dann sicher nicht allein mit klarem Kopf, sondern weiter brennendem Herzen.

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