23.10.2020
Historie

Wie es geht

In den vergangenen 43 Jahren siegte die Eintracht nur einmal in München, im November 2000 mit 2:1. Beteiligte Adlerträger erinnern sich – und machen Mut.

Die Allianz Arena ist nicht einmal in Planung, bei den Bayern coacht Ottmar Hitzfeld, heute fast schon unglaubliche vier Spiele hatten die Münchner bereits im November 2000 seit dem Ligastart verloren, und an jenem 13. Spieltag läuft die 63. Minute. Uwe Bindewald, ausnahmsweise nur eingewechselt, schlägt auf der rechten Außenbahn den Ball nach vorne, Thomas Reichenberger verlängert per Kopf, Horst Heldt leitet das Leder gefühlvoll in den Lauf von Jan Aage Fjörtoft, der den etwa sechs Meter vor seinem Tor stehenden Oliver Kahn mit einem sanften Heber von der Strafraumgrenze überrascht. 2:1 für Eintracht Frankfurt im Olympiastadion vor 47.000 Zuschauern, gleichbedeutend mit dem Endstand. Die Adlerträger gewinnen in München – eine absolute Seltenheit. Es war der erste Sieg in München seit Dezember 1976, als Stepi noch verteidigte und Holz beim 3:0 sein 100. Bundesligator beim amtierenden internationalen Titelträger schoss. Seit jenem Sieg am 18. November 2000 wartet Eintracht Frankfurt auf einen Dreier in München und damit auch auf den ersten Erfolg in der Allianz Arena.

Jan Aage Fjörtoft bezeichnet es damals als den „Höhepunkt in meiner Karriere“ und heute als „einen besonderen Tag, den ich der Eintracht auch jetzt wieder gönnen würde.“ Die Eintracht hatte bis dato in der Saison 2000/01 erst einen Punkt auswärts geholt, stand aber durch eine gute Heimbilanz in der oberen Tabellenhälfte. Der Norweger kam bei Felix Magath nicht auf die erhoffte Spielzeit, sein Einsatz in München war der erste in der Startelf außerhalb von Frankfurt. Teamkollege Thomas Sobotzik sagt heute: „Weil du in München meistens etwas defensiver spielst, hatten wir gar nicht mit Jan Aage gerechnet. Umso mehr habe ich mich für meinen Freund gefreut, dass er das Siegtor erzielt hat. Denn eigentlich kann er gar keine Lupfer“, lacht „Sobbo“, der durch seine Einwechslung in der 85. Minute den Sieg mit über die Zeit brachte. Auch Sobotzik weiß, wie man Siegtore gegen die Bayern schießt. Drei Jahre zuvor hatte er im Waldstadion ebenso gegen Oliver Kahn zum 1:0-Endstand eingenetzt.

Es war eine dieser Situationen, die du gegen die Bayern hast, wenn sie nicht ihr 100-prozentiges Leistungsvermögen abrufen und du ein bisschen Glück hast.

Alexander Schur

Die Bayern waren nach 13 Minuten durch Paulo Sergios Treffer in Führung gegangen und in der Folge dem 2:0 näher, Dirk Heinen hielt die Magath-Elf im Spiel. Etwas überraschend fiel der Ausgleich nach einem langen Freistoß aus dem Mittelfeld von Horst Heldt, den Alexander Schur im Duell mit Michael Tarnat einnickte. Der Torschütze erinnert sich: „Der Ball war lange unterwegs, mein Kopfball hatte nicht viel Druck. Oliver Kahn dachte, er kriegt ihn noch, stand aber etwas weit hinten und hat das Leder erst im Netz berührt.“ 1:1, das berühmte Tor aus dem Nichts. „In der Offensive hatten wir bis dato nicht viele Aktionen. Es war eine dieser Situationen, die du gegen die Bayern hast, wenn sie nicht ihr 100-prozentiges Leistungsvermögen abrufen und du ein bisschen Glück hast.“

In der 63. Minute sollte es noch besser kommen, Fjörtoft lupfte das 2:1. „Ich bin Norweger, wir sind ganz cool in Norwegen“, sagt der Stürmer hinterher, bei seinem dritten Saisoneinsatz gelingt ihm der dritte Treffer. Für Schur kam die Führung nicht überraschend. „Die Bayern hatten viele Fehlpässe, wir sind nach dem 1:1 mutiger geworden. Das Tor hatte sich angedeutet“, erzählt der Defensivspezialist, der Bayerns Strategen Stefan Effenberg aus dem Spiel genommen hatte.

Heinen und Kracht im Luftduell mit Jancker.

Während Oliver Kahn angesichts der fünften Niederlage nach dem Spiel sarkastisch davon spricht, dass „wir den Spielbetrieb einstellen sollten“ und dass „die Meisterschaft gelaufen“ sei, ist bei der Eintracht beste Stimmung aufgrund des Coups und Rang fünf in der Tabelle. Die Spielzeit sollte für beide Teams noch eine ganz andere Wendung nehmen. Die Bayern holten sich in einem Herzschlagfinale im Fernduell mit Schalke 04 die Meisterschaft, die Eintracht musste – mittlerweile hatte Friedel Rausch übernommen – absteigen.

Daher sagt der damalige Eintracht-Stürmer Thomas Reichenberger heute: „Ich hätte natürlich gerne den Sieg gegen den Klassenerhalt eingetauscht.“ So dürfte wohl jeder Eintrachtler denken, am 18. November 2000 war die Gefühlslage freilich noch eine andere. Reichenberger, mittlerweile unweit von Osnabrück heimisch geworden und nach seiner Zeit beim VfL dem Fußball durch seine Sportagentur immer noch verbunden, sagt: „Diesen Sieg haben wir gerne mitgenommen, wir müssen uns dafür nicht schämen. Er hat gezeigt, dass in der Mannschaft mehr drinsteckt als das, was in den Wochen danach passiert ist.“

Ich bin der Erste, der gratuliert!

Jan Aage Fjörtoft

Reichenberger verfolgt die Eintracht noch intensiv („ich komme hier aus der Gegend“) und liebäugelt mit einem Auswärtssieg am Samstag. „Es ist immer alles möglich. In den vergangenen Jahren ist Ruhe im Verein eingekehrt, das spiegelt sich auf dem Platz wider. Ich drücke alle Daumen!“, sagt der 46-Jährige. Sein Sturmkollege Jan Aage Fjörtoft traut jedem Spieler zu, „mein Nachfolger als Siegtorschütze zu werden“ und glaubt mindestens an ein Unentschieden. An „unsere mental starke Mannschaft“ glaubt Alexander Schur. „Wir haben schnelle Abwehrspieler und ein laufstarkes Team. Wir können die Bayern also gut verteidigen. Nicht verhindern kannst du ihre individuelle Stärke. Sie werden uns auf jeden Fall ernst nehmen, nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre. Ein Remis ist drin.“

Rein statistisch betrachtet wäre schon das ein Erfolg, denn den letzten Punktgewinn in München erreichte die Eintracht 2007 beim 0:0 an Oka Nikolovs Sahnetag. Sollte es zum Sieg kommen, verspricht Fjörtoft: „Ich bin der Erste, der gratuliert!“

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