12.11.2020
Historie

„Natürlich sind Tränen geflossen“

Eine Eintracht-Legende tritt ab. Am heutigen Donnerstag vor 40 Jahren beendet das Abschiedsspiel offiziell die Karriere von Jürgen Grabowski.

Die Fangesänge „Jürgen, du darfst nicht gehen“. 45.000 Zuschauer im Waldstadion. Die Ernennung zum Ehrenspielführer. Der Moment der Auswechslung nach 76 Minuten, um 21.35 Uhr, unter Tränen. Die Liste der anwesenden Nationalspieler lang, darunter Franz Beckenbauer. „Das haben wir damals bei dessen Abschiedsspiel in New York ausgemacht, dass er kommt“, erzählt Jürgen Grabowski. Die Erinnerungen an den 12. November 1980 sind beim ehemaligen Eintracht-Spieler auch 40 Jahre danach noch präsent: „Es gibt Dinge, an die erinnert man sich ewig. Das erste Spiel für die Eintracht 1965, der Weltmeister-Titel 1974, die DFB-Pokalsiege. Und natürlich das Abschiedsspiel.“ Sein Abschiedsspiel. Nochmal: vor 45.000 Zuschauern im Waldstadion. Mit allen WM-Helden vom 1974, die die aktuelle Eintracht-Mannschaft herausforderte. Ein historischer Tag, zweifelsohne.

Die Eintracht-Redaktion erreicht Jürgen Grabowski telefonisch. Der 76-Jährige verlässt dieser Tage sein Haus nur, wenn er aufgrund seiner Niereninsuffizienz zur Dialyse gebracht wird. „Ich bin sehr vorsichtig und hoffe, dass ich die Pandemie gut überstehe“, sagt er. Der Ischias macht ihm dauerhaft zu schaffen, kürzlich hatte er sich zudem den Oberarm gebrochen. Kurzum: Es könnte ihm besser gehen. „Ich versuche aber, das Beste draus zu machen“, versichert „Grabi“, und schwelgt, angesprochen auf sein Abschiedsspiel, schnell wieder in Erinnerungen. In Erinnerungen an einen „wunderschönen Tag“, aber auch ein schwieriges dreiviertel Jahr davor.

„Für das Abschiedsspiel wurde ich fitgespritzt, ich konnte einigermaßen laufen. Aber natürlich war ich nicht voll bei Kräften.“

Jürgen Grabowski

Denn unplanmäßig hatte er mit 35 Jahren bereits sein letztes Profispiel absolviert. Die Geschichten um das Foul von Lothar Matthäus vom März 1980 sind oft erzählt. Beim größten internationalen Triumph der Eintracht, dem UEFA-Pokalsieg, musste er zuschauen – eine für die Seele schmerzvolle Erfahrung. Körperlich erging es ihm nicht besser. „Mit der heutigen Medizin und den heutigen Möglichkeiten, auch Spezialisten in weiterer Entfernung aufzusuchen, wäre mehr möglich gewesen“, sagt Grabowski, der die Schmerzen fortan nicht mehr loswurde. „Ich habe ein halbes Jahr kein Sport getrieben, beschwerdefrei war ich erst wieder im Juli 1981. Für das Abschiedsspiel wurde ich fitgespritzt, ich konnte einigermaßen laufen. Aber natürlich war ich nicht voll bei Kräften“, erzählt „Grabi“ weiter.

Das hinderte ihn aber nicht daran, nach fünf Minuten das 1:0 für die 74er-Elf zu erzielen. Gerüchte, es wäre eine ausgemachte Sache gewesen, dass der Star des Abends ein Tor erzielt, erstickt er im Keim. „Das war früh im Spiel, ich konnte mich noch bewegen“, lacht der Weltmeister, der in der ersten Halbzeit unter anderem mit Maier, Vogts, Beckenbauer, Uli Hoeneß, Overath, Gerd Müller und Bernd Hölzenbein spielte. Mit „Holz“ wechselte er zur Halbzeit die Seiten ins aktuelle Eintracht-Team mit Pezzey, Körbel, Borchers, Cha und Co. Dass die Eintracht 6:4 gewann und Hölzenbein auf beiden Seiten traf – das sind Randnotizen. Denn im Mittelpunkt stand Jürgen Grabowski, der immer wieder mit Sprechchören gefeiert wurde: „Jürgen, du darfst nicht gehen“. Schon vor dem Spiel war er von Eintrachts Vizepräsident Dieter Lindner zum Ehrenspielführer ernannt worden.

„Es war ein rundum gelungener Tag. Die Rufe der Fans taten natürlich gut, und bei meiner Auswechslung hatte ich Tränen in den Augen. 45.000 Fans waren nochmal da, und das nicht bei bestem Wetter. Toll!“, berichtet der Welt- und Europameister, während seine Frau im Hintergrund ruft: „Es war eiskalt.“ Warme Gedanken schwirrten in Grabowskis Kopf an jenem Abend nochmal umher, Gedanken an eine großartige Karriere mit 15 Jahren Eintracht, 441 Bundesliga-Spielen, Titeln mit der Eintracht und der Nationalelf. „Leider sind wir nie Deutscher Meister geworden“, nennt er einen Wermutstropfen.

„Das Abschiedsspiel war zweifelsohne ein Höhepunkt in meinem Fußballerleben“, bilanziert Grabowski den 12. November 1980, der beim Bankett in lockerer Atmosphäre ausklang und ein würdiger Abschluss der aktiven Zeit für den heute 76-Jährigen war.

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