05.11.2020
Historie

„Die intensivste Zeit meiner Karriere“

In Stuttgart zum Profi geworden, in Frankfurt zur Legende: Ioannis Amanatidis blickt auf 158 Spiele für die Eintracht, das Duell seiner Ex-Klubs am Samstag und seine persönliche Situation.

Ioannis, wo erreichen wir dich gerade?
Seit Sommer bin ich als Co-Trainer bei PAOK Saloniki in meiner Heimat Griechenland tätig. Das war nach zwei Jahren in gleicher Funktion beim FC St. Gallen für mich der nächste logische Schritt zu einem größeren Klub. Ich darf mit Olaf Rebbe [Sportdirektor; Anm. d. Red.] zusammenarbeiten, der bekanntlich noch aus seiner Zeit in Bremen und Wolfsburg in Deutschland ein Begriff ist. Deshalb fiel mir die Entscheidung, den nächsten Schritt zu gehen, relativ leicht. Ich lebe hier mit meiner Familie, hier bin ich zu Hause.

Wie gestaltet sich die gegenwärtige Coronasituation in Griechenland?
Es herrscht wie überall eine ungewisse Situation, weil man nicht wirklich weiß, wie viele Personen tatsächlich getestet werden. Deshalb lässt sich der neue Höchstwert von 2.600 Neuinfektionen auch nicht wirklich einordnen, weil dieser im Vergleich zu anderen Ländern zwar immer noch gering ist, jedoch selten im Verhältnis zur Bevölkerungszahl betrachtet wird. Auf jeden Fall trifft die Regierung ihre Maßnahmen rigoroser und schneller als andernorts. Auch wir spielen aktuell ohne Zuschauer und müssen im Klub bestmöglich mit der Situation umgehen. Das heißt, wir haben regelmäßige Testreihen und tun alles Mögliche, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Erstmal müssen wir abwarten, wie sich der Lockdown ab dem 7. November auf den Sport auswirken wird.

Widmen wir uns der Vergangenheit. Welche Erinnerungen hast du an deine Zeit in Deutschland?
Angefangen hat alles in Stuttgart, wo ich aufgewachsen und über die Jugend des VfB zum Profi geworden bin. Dort haben wir ähnlich wie später mit Frankfurt im UEFA-Cup und sogar in der Champions League gespielt. Wir hatten eine unglaublich gute Mannschaft und erfolgreiche Zeit. Es waren meine ersten Jahre als Profi und entsprechend eine wegweisende Phase meines Lebens.

Seit Sommer ist Ioannis Amanatidis in Saloniki als Co-Trainer tätig.

Haften geblieben ist sicher auch der 26. August 2000, als du mit der zweiten Mannschaft des VfB im DFB-Pokal gegen die Eintracht 6:1 gewonnen und zwei Tore erzielt hast...
Auf jeden Fall! Ich weiß noch, dass es ein brutal heißer Sommertag war. Wir wollten eigentlich im kleineren Robert-Schlienz-Stadion antreten, weil wir uns davon einen Vorteil erhofft hatten. Aus Sicherheitsgründen mussten wir aber ins damalige Gottlieb-Daimler-Stadion ausweichen. Als es soweit war, spielten wir wie in der Regionalliga einfach drauf los: Frech, mutig und nach vorne. Aleksandr Hleb, Andreas Hinkel, Rüdiger Kauf, Timo Wenzel, Christian Tiffert, ich... Wenn wir uns die Namen von damals anschauen, haben wir alle kurz darauf in der Bundesliga oder auf noch höherem Niveau gespielt. Wir waren alle talentiert und motiviert, deswegen war es fast keine Überraschung mehr, aber ohne Frage ein Höhepunkt.

Und ein Empfehlungsschreiben für Frankfurt dreieinhalb Jahre später?
So würde ich das nicht sehen (lacht). Aber klar, nachdem ich im Januar 2004 erst für sechs Monate bei der Eintracht unterschrieben hatte, war ich anschließend fast durchgehend sechs weitere Jahre hier. Es war zweifellos die intensivste Zeit meiner Karriere. Nicht nur auf dem Platz haben wir viel erlebt, zugleich haben sich in jener Zeit viele wichtige Strukturen verändert, was sich heute auszahlt, wie der Stadionumbau und das neue Nachwuchsleistungszentrum. Sportlich habe ich viele positive Erfahrungen mitgenommen wie den Einzug in den UEFA-Pokal 2006. Leider haben wir das Finale im DFB-Pokal gegen die Bayern unglücklich verloren, qualifiziert waren wir aber trotzdem. Es gab auch schwere Zeiten, die wir gemeinsam durchgestanden, wir uns gegen Widerstände gewehrt und Opfer gebracht haben. Nehmen wir als Beispiel den Oktober 2008, als ich in letzter Minute das 2:1 gegen den KSC erzielt habe und kurz darauf wegen eines Knorpelschadens auf dem OP-Tisch lag. Der Preis war hoch, die weitere Saison wäre ohne den Sieg aber vermutlich anders verlaufen. Solche Geschichten verbinden für immer. Nicht nur mit der Eintracht, sondern auch mit Frankfurt als Stadt, weil solche Geschehnisse mich entscheidend geprägt haben.

Inwiefern?
Immer, wenn ich nach Deutschland zurückkehre, ist Frankfurt für mich der Mittelpunkt, wo ich nach dem Rechten sehe und alte Freunde besuche. Neulich habe ich Jermaine Jones getroffen, der aktuell in Frankfurt ist, aber auch Ervin Skela und Alex Meier, seit er wieder hier ist, versuche ich immer wieder zu sehen. Auch mit Alex Schur und Chris besteht telefonischer Kontakt, nicht zu vergessen Franco Lionti und Christoph Preuß, mit denen ich mich über Neuigkeiten austausche.

Wichtiges Tor, hoher Preis: Das 2:1 gegen den KSC im Oktober 2008.

Folglich ist die Entwicklung der Eintracht in den vergangenen Jahren nicht entgangen.
Natürlich nicht! Ich war öfter im Stadion oder auch am Riederwald, sehe die Spiele auch heute so oft wie möglich. Ich stelle fest, dass die Verantwortlichen in letzter Zeit eine gewisse Kontinuität in den Verein gebracht haben. Schön zu sehen, dass der Verein insgesamt wächst. Dazu zählen auch das erweiterte Trainingsgelände sowie der Bau der neuen Geschäftsstelle. Eine solche infrastrukturelle Basis ist der Schlüssel, um mittelfristig wachsen zu können. Frankfurt hat immer das Potential, sich im oberen Tabellenbereich zu etablieren und nicht nur phasenweise, auch wenn wir schnell bei mindestens sechs Klubs sind, die finanziell stärker sind. Deshalb bedarf es nicht nur einer herausragenden Saison, sondern auch vernünftiger Investitionen. Ich weiß, dass das leichter gesagt als getan ist. Aber gerade die Fans bilden einen Faktor, der längst im Spitzenbereich anzusiedeln ist. Ich würde mir auch wünschen, dass die Talentförderung langfristig wieder mehr Früchte trägt, nicht allein auf die Eintracht, sondern die meisten anderen Klubs bezogen. Mit strukturierter Jugendarbeit lassen sich finanzielle Lücken leichter schließen. Ich denke, dass die Verantwortlichen dahingehend zuletzt die richtigen personellen Weichen gestellt haben.

Wiederkehrend bei der Eintracht waren immer wieder auch Stürmer, die nachhaltig auf sich aufmerksam gemacht haben. Was traust du als ehemaliger Knipser der aktuellen Angriffsreihe um Dost, Kamada und Silva zu?
Mit den Dreien verfügt die Eintracht über einen interessanten Mix, sie ergänzen sich gut. Hier mit Dost der große, kopfballstarke, robuste und abschlussstarke Strafraumstürmer, der zwar nicht der Schnellste ist, aber über am meisten Erfahrung verfügt und sich wie seine Kollegen zu pushen versteht. Daneben mit Silva ein etwas quirligerer und dribbelstärker Typ, der noch etwas jünger ist und sich weiter entwickeln kann, muss und auch wird. Er hatte am Anfang etwas Probleme, weil er verletzt war und die Liga nicht kannte, zeigt aber mittlerweile seine Torgefahr, innerhalb und außerhalb der Box. Kamada wiederum ist ein total anderer Spieler, kein Stürmer, sondern eher etwas hängend. Seinen Stil mag ich total: Wendig, dribbelstark, frech, dynamisch, forsch, ohne Angst vor Fehlern – das gefällt mir!

Was erwartest du am Samstag für ein Spiel?
Zunächst muss man sagen, dass Stuttgart kein klassischer Aufsteiger ist. Nicht die Mannschaft und erst recht nicht der Verein. Viele Spieler kennen die erste Liga bereits und wissen, was sie erwartet. Das war an den ersten Spieltagen deutlich zu sehen. Auch wenn der VfB drei, vier technisch starke Akteure in seinen Reihen hat, die dem Gegner wehtun können, sehe ich die Eintracht personell stärker. Sie ist für mich leicht favorisiert, darf und wird den VfB aber nicht unterschätzen. Beide Seiten spielen mutig nach vorne, die Qualität dafür ist vorhanden. Wenn Frankfurt seine Möglichkeiten ausspielt und Qualitäten abruft, tippe ich auf einen 2:1-Auswärtssieg.

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